Wie heißt es so schön? Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss. Blöd nur, dass der Einzug Künstlicher Intelligenz in den universitären Betrieb den mehr oder weniger steilen Sprung in eine auf dem Boden liegende Hindernisstange verwandelt hat. Der Titel einer Studie des Schreibzentrums der Goethe-Universität Frankfurt zur studentischen Verwendung von KI lautet plakativ: „Manchmal muss ich mich zum Selbstdenken motivieren.“ Der große Aufklärer und Bildungsverfechter Immanuel Kant dürfte sich angesichts solcher Sätze wohl im Grabe umdrehen.Die Kritik, die folgt, betrifft selbstverständlich nicht alle. Die Studie zeigt auch: Gefühle gegenüber KI sind gemischt und nicht ausschließlich unkritisch. KI lässt sich zudem, das sei betont, durchaus sinnvoll anwenden, was junge Menschen dringend erlernen sollten. Anekdoten aus dem Studienleben offenbaren jedoch deutlich, dass genügend Studenten ihr Studium durch KI im Grunde aufgegeben haben. Und das stört jene, die weiter studieren wollen.Wenn KI die Folien erstelltWenige Beispiele sollen diesen Störfaktor verdeutlichen. Ein Kommilitone erschien zu einer Vorbesprechung für ein Gruppenreferat. Auf seinen Präsentationsfolien befanden sich Screenshots detailreicher Folien, die optisch leider überhaupt nicht zum Rest der Präsentation passten. Schnell stellte sich heraus, dass sie auch inhaltlich nichts zu bieten hatten: falsche Regression, falsche Studienteilnehmerzahl und falsche Ergebnisse werden verziert mit unscharfen Konzepten.Der Bitte, das Ganze noch mal zu machen, kam der Kommilitone entschuldigend nach, indem er die Kritikpunkte abermals vollständig an die KI weitergab. Die Folien waren dann anders, blieben aber falsch. Am Präsentationstag warf der Beamer eine Studie an die Wand, die es nicht gibt. Die Professorin hob die Augenbrauen und sagte nichts. Teilnahmeschein bestanden.Mehr Ambitionen, unkritischer KI-Nutzung etwas entgegenzusetzen, zeigte ein Dozent in einem anderen Seminar. Er ersetzte bislang übliche Referate mit dem Arbeitsauftrag, einen wissenschaftlichen Text nicht selbst zusammenzufassen, sondern einen Text von KI zusammenfassen zu lassen und diesen daraufhin zu kritisieren. Sinn und Zweck dieser Aufgabenstellung liegen auf der Hand. Umso mehr wünscht man sich, es sei ein schlechter Scherz, wenn der Referatspartner wenige Tage vor der gemeinsamen Präsentation schamlos offenlegt, diese Aufgabe vollständig mithilfe von KI erledigt zu haben. „Ist doch in Ordnung, oder?“ Teilnahmeschein bestanden.Auch Dozenten lagern aus„Zur Qualitätssicherung“ forderte eine Dozentin dazu auf, Vortragsfolien zwei Wochen vor Präsentationstermin an sie zu schicken. So weit, so gut. Ihre Verbesserungsvorschläge sollen dann in die Folien eingearbeitet werden, Vorschläge, die erstaunlich lang sind, erstaunlich viele Bindestriche enthalten, erstaunlich nichtssagend sind und schlussendlich doch recht sicher mit KI erstellt wurden. Lehrauftrag erfüllt?Diese Liste ließe sich weiterführen. Wo soll uns das hinführen? Künstliche Intelligenz derart zu verwenden, hat nicht nur Einfluss auf die eigenen Fähigkeiten, sondern auch Einfluss auf die Qualität des gesamten Studienbetriebs.Es stört, wenn Kommilitonen sich mit einer irritierenden Selbstverständlichkeit keine Mühe mehr geben, insbesondere weil Professoren durch Präsentationen einen enormen Anteil ihres Lehrauftrags an Studenten abtreten. Es stört, wenn Seminarfolien gravierende und unhinterfragte Fehler enthalten. Es stört, wenn gute Noten für wenig Arbeit verteilt werden. Und es ist mehr als störend, dass unkritische Verwendung von KI die ohnehin angekratzte öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft verschlechtern könnte.Zu Recht fordern niederländische Wissenschaftler in einem offenen Brief dazu auf, den Einsatz von KI im akademischen Betrieb dringlichst zu überdenken. Zumindest braucht es klare und kontrollierbare Nutzungsregeln, bessere Prüfungsstrategien und sinnvolle Nutzungshinweise.Wie soll es sonst enden, wenn Personen mit solchen unkritischen Verhaltensweisen eines Tages in der Forschung tätig sind und vielleicht aus Nachlässigkeit übersehen, dass die KI andere Ergebnisse präsentiert als im dazugehörigen Text beschrieben? Schlimmer noch: Was passiert, wenn das keinem auffällt? Die KI wird es doch schon richtig gemacht haben.Zugegebenermaßen hat niemand behauptet, dass ambitionsarme Studenten unbedingt promovieren möchten. Das Berufsleben wartet dennoch auf sie. Zudem vermag KI in Zukunft bessere Leistungen zu vollbringen. Jedoch sollte ein abgeschlossenes Masterstudium dazu befähigen, den akademischen Weg potentiell weitergehen zu können – ganz egal wie KI sich entwickelt und wo man später einmal arbeiten möchte.Darum kann man nur an alle Hochschulen und Universitäten appellieren: Sanktionieren Sie bei aller Schwierigkeit die unkritische und anspruchslose Verwendung von KI. Und an alle Studenten, die sich angesprochen fühlen: Es wäre ein Armutszeugnis, wenn Kants Aufruf zum Selbstdenken durch KI-Nutzung pulverisiert würde. Wer das nicht einsehen möchte, formuliere seinen Prompt dann doch wenigstens ehrlich: „Liebe KI, absolviere mein Studium. Ich bin zu faul.“