44 Prozent Wähleranteil für eine Partei? Das geht auch hierzulande. Cédric Wermuth etwa macht schon vieles richtigDie Kolumne der «Scharfen Zungen».Patti Basler und Corinne Sutter13.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBeim Personenkult schon gut unterwegs: Cédric Wermuth, Co-Präsident der Schweizer SP.Annick Ramp / NZZEuropa ist erschüttert über den AfD-Erdrutschsieg in Sachsen-Anhalt. Die Wahlergebnisse verunsichern unsere Leserinnen und Leser. Mit besorgtem Blick auf unser Land fragen sie die «Scharfen Zungen»: «Warum schafft dies keine Partei in der Schweiz?»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Patti Basler:Nur nicht so pessimistisch, die AfD dient als Vorbild, doch die Schweizer Parteien machen bereits vieles richtig!Personenkult: Cédric Wermuth macht es schon gut, er verlängert bereits zum zweiten Mal die Amtszeit, entgegen der Parteirichtlinie. Hätten Petra Gössi oder Regula Rytz ebenso gehandelt, müsste jetzt niemand googeln, wer das überhaupt ist. Es brauchte allerdings klingende Namen, die Stärke und Volksnähe verheissen. Ulrich Siegmund! Zwei Vornamen sind zugänglicher als zwei Nachnamen. Baume-Schneider, ein Name so umständlich wie ihre Schwarznasenschaf-Frisur. Alternativ wäre ein Fräulein-Rottenmeier-Dutt denkbar, wie ihn Alice Weidel trägt. Die AfD-Politikerin mag Alternativen: alternativer Lebensstil, alternative Partei und die Einsiedelei als Alternative zum deutschen Stammland.Bildungsdefensive: Sie müsste viel konsequenter verfolgt werden, mit noch grösseren Klassen und weniger Lehrpersonal. Integrative Schulen könnten so ihr volles Potenzial entfalten und das Volk gleichzeitig von der Last des Wissens und der Last der Steuern befreien. Beeinflussen statt Steuern! Die Kinder sehen sich als Teil von etwas ganz Grossem, wenn sie in kollektiven Riesenklassen die Internationale schmettern. Für das schleichende Gefühl der Unfreiheit kann die Linke den Kapitalismus verantwortlich machen.Musikalische Gehirnwäsche: Der Kabarettist Philippe Kuhn erklärt, Modern Talking habe schon vor vierzig Jahren den Boden bereitet: einfache Melodien, Wiederholungen, eine Bruderschaft von Männern. «Brother Louie» trendet derzeit auf Social Media mit der bekannten Hookline, dem Haken, bestehend aus den drei Noten A, F, D. Wer es nicht glaubt, soll es nachspielen. Solch ein genialer Wurf gelänge hierzulande nur einem, der aussieht wie der uneheliche Sohn von Ulrich Siegmund und Cédric Wermuth: Bligg! Leider lässt sich kein Schweizer Parteikürzel als Musiknoten spielen, was dank Bildungsdefensive niemand merkt. Es hat halt alles einen Haken. Manchmal sogar am Kreuz.Corinne SutterKreative Fakten: Patti ist auf der richtigen Spur, doch Pop-Kultur und politischer Populismus haben mehr gemein als drei Buchstaben. Das ganz grosse Kino lebt von guten Geschichten und fesselnden Bildern. Einfache Gemüter verkauften Videos der Street Parade als SVP-Demo – viel zu plump, da zu nahe an der Wahrheit. Kreativer wäre, die Bilder des Schwingfestes als SP-Veranstaltung auszugeben. Guy Parmelin in den Zuschauerrängen hätte als kommunistischer Diktator in spe allerdings unglaubwürdig gewirkt. Eingefügte Szenen von Nicolas Rimoldi als linksextremem Anführer hätten da mehr Comandante-Credibility genossen. Die KI kann das mit links. Die lässige Zigarre im Mundwinkel muss nicht einmal gefakt werden.Feindbilder pflegen: Ängste und Probleme sollen kultiviert werden. Altbewährte Feindbilder funktionieren zuverlässiger als moderne Bedrohungen wie Klima und KI. Ein Feind braucht ein Gesicht, das sofort Wut schürt. Nur so dient es als Zielscheibe von angestautem Frust und irrationalen Ängsten. Gemeinsame Feinde zu bekämpfen, zeigt uns: Wir sind die Guten. Nachdem das Böse im grossen Showdown seine verdiente Abreibung kassiert hat, verlassen wir mit geschwellter Brust den Schauplatz. Schwule, Schwarze, Sozialschmarotzer, Muslime sind durchdekliniert. Alternativ braucht es ein gefährlicheres Feindbild. Tamara Funiciello?Identität: Die Rechte sollte das Konzept der kulturellen Aneignung übernehmen, bei dem zu Recht Verspottung und Ausbeutung anderer Kulturen verurteilt werden. So kann man die kulturelle Säuberung mit Wokeness begründen. Keine unschweizerischen Frauenfrisuren! Geduldet ist einzig der praktische Kurzhaarschnitt mit der frechen lila Strähne vom Salon «Haart, aber hairzlich». Oder der Weidel-Dutt. Bei den Männern wird ohnehin nur das Töffli frisiert. Rimoldi allerdings müsste sich einen akkuraten Seitenscheitel zulegen. So wäre alles beim Rechten.Böse Zungen sagen: Die Schweiz braucht eine Partei wie die Alternative für Deutschland.Scharfe Zungen sagen: Die Schweiz ist im Grunde die einzige Alternative für Deutschland.Patti Basler ist Kabarettistin und Autorin und lebt in Baden, Corinne Sutter ist Künstlerin und multidisziplinäre Performerin. Zusammen sind sie das Podcast-Duo «Scharfe Zungen».Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel