Das Kino und das Fernsehen sind in Europa eng verschwistert, und doch gibt es eine klare Hierarchie: Für einen Neunzigminüter auch mit prominenter Sendezeit gab es noch nie einen Goldenen Bären bei der Berlinale oder einen Goldenen Löwen in Venedig. Diese Preise sind dezidiert für Kino gedacht. Über den Unterschied kann man nun wieder ein wenig nachdenken, nachdem am Samstagabend zum Abschluss der Filmfestspiele auf dem Lido die dänische Regisseurin May El-Toukhi für „Woman Unknown“ ausgezeichnet wurde: das Drama einer Frau im Jahr 1945, die eine Chance hat, in ein gut situiertes Leben einzuheiraten – wäre da nicht etwas aus der Besatzungszeit, das den Traum des früheren Kindermädchens noch zerstören kann.Für May El-Toukhi ist es der dritte Kinofilm, und sie sprach bei der Entgegennahme des Preises ausdrücklich davon, wie „herausfordernd“ es war, „Woman Unknown“ zu realisieren. Man kann sich bei dieser Formulierung dazudenken, wie eine Frau, die als Regieassistentin bei der TV-Serie „Borgen“ begann und die zuletzt auch Episoden für „The Crown“ gestaltet hatte, in all dieser Zeit ihr Herzensprojekt im Kopf hatte, eine Geschichte, die sie mit ihrer Drehbuchpartnerin Maren Louise Käehne entwickelt hatte.„Woman Unknown“ war bei der Verleihung der Löwen auch noch in einer anderen Kategorie vertreten: als beste Schauspielerin wurde Mathilde Arcel ausgezeichnet, die ehrlich verblüfft wirkte und mit ihrer Rede erkennen ließ, was für eine schwierige, aber auch großartige Figur ihr, einer weitgehend unbekannten jungen Frau, geschenkt worden war. In der benachbarten Kategorie des Coppa Volpi für den besten Hauptdarsteller hingegen war der Favorit schon früh festgestanden, und der Preis ging dann auch tatsächlich an John Malkovich, der in „Wild Horse Nine“ von Martin McDonagh einen zynischen CIA-Agenten in Chile anno 1973 zu einem Fest an Ironie und Doppeldeutigkeit machte.Als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet: John Malkovich, der aus Montréal zugeschaltet wurde.ReutersMalkovich schickte aus Montréal, wo er gerade schon wieder dreht, eine Videobotschaft. Ansonsten waren die Preisträger durchwegs persönlich anwesend, auch der Koreaner Lee Chang-dong, der für das Ehe- und Arbeitslosendrama „Possible Love“ den Silbernen Bären bekam.Aus Israel waren Yuval Abraham und Rachel Szor gekommen. Ihr Dokumentarfilm „Naza“ erhielt den Spezialpreis der Jury, eine weise Entscheidung, die von den Anwesenden in der Sala Grande mit stehendem Applaus bedacht wurde. Yuval Abraham hob noch einmal hervor, was der Film mit Interviews von Whistleblowern aus der Armee Israels nachdrücklich deutlich machte: „Die Massentötungen in Gaza haben System.“ Er konstatierte eine „radikale Dämonisierung der Palästinenser in Israel“ und wandte sich ausdrücklich an Italien, Deutschland und die USA als Verbündete nicht so sehr des Staates Israel, sondern des Netanjahu-Regimes. Sie sollten ihre Politik überdenken, so Abraham.Einen weiteren politischen Akzent setzte der überraschende Preisträger im Bereich beste Regie: Der umstrittene Ilya Chrschanovsky wurde für „Dau“ ausgezeichnet, seinen experimentellen Geschichtsfilm über einen Physiker in der Sowjetunion. Chrschanovsky widmete seinen Preis der Stadt Kharkov in der östlichen Ukraine (wo er über viele Jahre ein umfangreiches Studio-Projekt ausgebaut hatte, in dem er eine Phase der späteren Sowjetunion nachzustellen versuchte, mit Hang zum Gesamtkunstwerk).In einem bewegenden Moment stellte Chrschanovsky seine Mutter vor, die im Saal war und deren Biographie allein schon allen Territorialkriegen und Nationstreitigkeiten eine Grenze setzen sollte: geboren in Vinnitsya in der Zentralukraine, lebte sie später in Usbekistan und Israel – die Sowjetunion war nicht zuletzt eine riesige Menschenschleuder.Es gab noch eine ganze Reihe weiterer bewegender Momente zum Abschluss der Mostra des Kinos in Venedig: Zweimal wurde Auguste Bernard Kouemo Yanghu auf die Bühne gerufen, der für „La maison du vent“ geehrt wurde, einen Debütfilm über eine 80 Jahre alte Frau in Yaoundé in Kamerun, gespielt von der inzwischen verstorbenen Mutter des Regisseurs. Einen starken Auftritt gab es für die Rumänin Alina Șerban, die für „Ich zähle“ den Publikumspreis verliehen bekam und ein flammendes Plädoyer für die Chancen der Roma-Menschen in Europa hielt, der Minderheit, der sie selbst angehört.Insgesamt kann Alberto Barbera, der Intendant der Filmfestspiele, für die 83. Ausgabe eine künstlerisch positive Bilanz ziehen: Das Kino hat sich als höchst lebendig erwiesen, als Instanz, die es weit über die Routinen des Fernsehens hinaus mit einer herausfordernden Gegenwart aufzunehmen vermag.