So hoch ging es im Bundestag selten her. Alice Weidel, Ko-Vorsitzende der AfD, nutzte am Mittwoch ihre Redezeit in der Generaldebatte für einen Frontalangriff auf die Bundesregierung. „Totalversagen“ warf sie Friedrich Merz und seinen Ministern vor. Der CDU-Kanzler schoss scharf zurück: Das von der AfD geprägte Wort Remigration sei nichts anderes als „ein Synonym für ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“.Wer den Schlagabtausch im Parlament verfolgt hat, kann sich kaum vorstellen, dass diese beiden Parteien jemals gemeinsame Sache machen könnten. Hier die in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD mit ihrem an demokratischen Grundfesten sägenden Positionen, dort die staatstragende CDU, die die Geschicke des Landes seit Jahrzehnten maßgeblich lenkt.Doch trotz aller fundamentalen Differenzen stellt sich nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt mehr denn je die Frage, ob Deutschland eines Tages auf eine schwarz-blaue Zukunft zusteuern wird. Denn die alte Gewissheit, dass die Wahlen in der Mitte gewonnen werden, gilt nicht mehr. In dem ostdeutschen Bundesland haben fast 60 Prozent der Wähler für eine extreme Partei gestimmt. Wer in der Mitte steht, könnte bald ziemlich einsam sein, falls sich der Trend auch bundesweit so fortsetzt.CDU und CSU sind alarmiert und suchen Orientierung. „Wenn wir nicht schnell umsteuern, dann stellt sich für die Union die Existenzfrage“, sagte CDU-Gesundheitsminister Casten Linnemann der F.A.Z. Die Debatte um die Brandmauer oder gar ein Verbotsverfahren in der Partei ist voll entbrannt. Andreas Rödder, der frühere Vorsitzende der CDU-Grundwertekommission, wirbt schon seit Langem für rote Linien statt Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Und Alice Weidel hofft in Sachsen-Anhalt auf die Unterstützung von „CDU oder Teilen der CDU“.Drei große Differenzen springen ins AugeKönnte es für die CDU eines Tages womöglich verlockender sein, mit der AfD gemeinsame Sache zu machen, als in einer sich gegenseitig blockierenden Vielparteienregierung an der Spitze zu stehen? In der neuen Folge ihres F.A.Z. Videopodcast „Löhr & Pennekamp“ fokussieren die Hosts Julia Löhr und Johannes Pennekamp auf die Wirtschaftspolitik. Wie tief sind die Gräben zwischen der konservativen und der extrem rechten Partei in diesem zentralen Politikbereich? Gibt es gar Schnittmengen für ein gemeinsames Reformprojekt?Es gibt drei unüberbrückbar wirkende Differenzen. Erstens die AfD-Sympathien für Russland, die sich in der Energiepolitik in der Forderung nach einer Wiederbelebung der Nordstream-Pipelines manifestiert. Zweitens die Relativierung des menschengemachten Klimawandels durch führende AfD-Politiker. Und drittens die Forderung nach einem Euroaustritt, der zuletzt von Alice Weidel untermauert wurde.Wie viel bliebe von Maximalpositionen übrig?Allerdings stellt sich die Frage, wie vehement die Rechtspopulisten an diesen Maximalpositionen festhalten würden, wenn sie eines Tages die Option auf Machtübernahme und Kanzlerschaft hätten. Der Euroaustritt beispielsweise wäre ökonomisch nach Einschätzung führender Ökonomen extrem schädlich, der Wirtschaftsforscher Volker Wieland sieht die Forderung auch als Reminiszenz an die Entstehungsgeschichte der AfD.Die 2013 nach dem Höhepunkt der Eurokrise gegründete Partei war ein Ökonomenprojekt, das sich in erster Linie gegen die Schuldenhaftung anderer EU-Länder richtete. Die rechtsextreme Radikalisierung wurde erst später in ihrer ganzen Wucht sichtbar. 2015 kehrte unter anderem der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel der AfD den Rücken. Er habe geholfen, „ein Monster zu schaffen“, sagte er damals.Die Wirtschaftsprogrammatik der AfD heute ist keiner Denkschule eindeutig zuzuordnen. Einerseits soll ein starker Staat mehr Sozialleistungen und höhere Rentenzahlungen verteilen. Andererseits will die AfD den Staat zurückdrängen und den freien Markt stärken. In diesem zweiten Punkt gibt es Schnittmengen mit der CDU, der Partei der Sozialen Marktwirtschaft: Niedrigere Unternehmensteuern, weniger Bürokratie, beispielsweise bei der EU-Lieferkettenrichtlinie, eine „technologieoffene“ Energiepolitik, all das hat man auch schon von christdemokratischen Spitzenpolitikern gehört.Was lässt sich aus dem Ausland lernen?Könnte daraus ein gemeinsames Reformprojekt erwachsen? Veronika Grimm, Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft und Beraterin von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), hält das für nicht realistisch. Eine Koalition mit der AfD würde die CDU zerreißen, sagte sie im Gespräch mit dem Podcast „Löhr & Pennekamp“. Die Positionen der AfD seien mit den Grundüberzeugungen der CDU nicht vereinbar. Die AfD sei wirtschaftspolitisch ausgesprochen heterogen. Einzelne Positionen würden denen der Union ähneln. Daraus lässt sich nach Grimms Einschätzung aber keine verlässliche Regierungspolitik ableiten. Allerdings rechnet die Ökonomin damit, dass sich die CDU von der Logik der Brandmauer wahrscheinlich entfernen werde und neu überlegen müsse, wie die Auseinandersetzung mit der AfD zu führen sei.Wie weitreichend die Neuorientierung der Wähler und Parteien verlaufen kann, zeigt sich in anderen westlichen Demokratien. In den Vereinigten Staaten haben die Republikaner ihren marktwirtschaftlichen Kern weitgehend aufgegeben – Schuldenrekorde, Zölle, Unternehmensbeteiligungen prägen das Wirtschaftsprogramm von Präsident Donald Trump, der die Partei mit einer populistisch-autoritären Agenda übernommen hat.In Italien hat Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nach der Machtübernahme radikale Positionen wie einen Euroaustritt ihres Landes aufgegeben, sie regiert mit der CDU-Schwesterpartei Forza Italia als Juniorpartnerin. Und in Großbritannien lassen die konservativen Tories auf Druck der populistischen Partei Reform UK Kernpositionen wie die Klimaneutralität im Jahr 2050 fallen. Die aktuellen Veränderungen in Deutschland könnten vor diesem Hintergrund erst der Anfang einer größeren Umwälzung sein – die Bundesrepublik wirkt in dieser Hinsicht wie ein Nachzügler.