Gottesdienst in der Abtei zur Heiligen Maria in Fulda. Wir feiern 400 Jahre Klostergemeinschaft der Benediktinerinnen. Hoher Besuch von überallher. Mitbrüder und Mitschwestern aus anderen Klöstern. Mehrere Bürgermeister. Orgel und Oboe. Gesang, Gebet, Eucharistie. Durch die Kirchenfenster bricht das Licht der späten Vormittagssonne und wirft Mosaike aus bunten Farben auf die steinernen Bodenplatten der Kirche. Der Bischof von Fulda, Dr. Michael Gerber, erinnert in seiner Predigt an den Trappistenmönch Christian de Chergé, für den Erkenntnis und Freundschaft über Glaubensgrenzen hinweg bedeutete, »gemeinsam den Brunnen zu graben«, und dort nicht etwa christliches oder muslimisches Wasser zu erwarten, sondern »das Wasser Gottes«. An einem anderen Tag oder anderen Ort würde man sich vielleicht fragen, hä, wieso Brunnen, warum Muslime? Aber an Tag zwei nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, in der erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik fast mehrheitlich eine Partei gewählt wurde, deren Sprechen und Programmatik mit einem Wort wie neonationalsozialistisch sicher besser umschrieben ist als mit Worten wie »Denkzettel« oder »Protest«, ist so eine Predigt eben nicht einfach eine Predigt, sondern ein Festhalten an Werten wie Gemeinsamkeit und Frieden über Glaubensgemeinschaften hinweg. Und auf einmal wirkt die kleine Abtei an der Klostermauer zwischen dem Fuldaer Busbahnhof und C&A wie eine Festung des Gemeinsinns und Widerstands. Hinterher, es gibt Häppchen und Sekt im Kreuzgang, Schwester Lioba Munz‘ selbst gegossener und gebrannter Brunnen plätschert friedlich im Kreuzgarten, pirsche ich mich an den Bischof heran. In der Hoffnung, dass er noch etwas zur Predigt ergänzt, stammele ich meine Ergriffenheit in einer peinlichen Schwafelei sondergleichen. Höflich nimmt er mich jämmerlichen Wichtel zur Kenntnis, so wie ich sonst Leserinnen und Leser zur Kenntnis nehme, wenn sie mir ihre Belobigungen entgegenbringen: routiniert, freundlich, aber Distanz wahrend. Zwar denke ich, jetzt lass doch den armen Mann in Ruhe!, aber etwas in mir kann keine Ruhe geben. Sind Sie sich im Klaren, was Ihre Worte bedeuten?, nehme ich den Kirchenmann in den Schwitzkasten, aber er bleibt ganz ruhig und lässt sich nicht festnageln. Er hat gesagt, was er zu sagen hatte, fertig, aus, er hält mit einem Auge bereits Ausschau nach einem Canapé. Ich trottele ihm hinterher, wirklich, ich kann meine erbärmliche seelische und politische Bedürftigkeit kaum in Worte fassen und greife zu einem Baguette-Eckchen mit Blauschimmelkäse. Im Kreuzgarten, diesem unwirklichen idyllischen Ort, schaue ich auf die Bonifatiusrosen hinter den Buchsbüschen und Lavendel, sehe den prächtigen Ahorn und frage mich, ob alle Gäste auch gehört und verstanden haben, was ich gehört und verstanden habe. Später, wir haben die Örtlichkeit gewechselt, hören wir einen umwerfend prächtigen Festvortrag von dem Historiker Dr. Heiler, Pater Elmar führt witzig durch die Festschrift, Blaubeerkuchen auf Quarksahne, Äbtissin Benedikta vornehm as usual grüßt hier und nickt dort, bimmelt bereits der Eismann im großen Klostergarten. Umarmungen, Plaudereien, Reden, Gelächter, gemeinsames Vespergebet, Abendessen im kleinen Kreis mit den Nonnen, alles sehr festlich, eine großzügige Feier. Warmherzige Nonnengastfreundinnenschaft. Punkt einundzwanzig Uhr wird das eiserne Tor geschlossen. Pater Petrus und ich erinnern uns daran, wie oft wir in den vergangenen Jahrzehnten spätabends noch vor dem Tor standen und der verdammte Schlüssel klemmte und wir ausgeschlossen auf der Nonnengasse verzweifelten. Alte Geschichten. Im Gästezimmer der Abtei, das noch ein Waschbecken auf dem Zimmer hat, das aber so tief hängt, dass auch ein Eichhörnchen im Stehen sich die Zähnchen putzen könnte, wasche ich mein Gesicht. Im Glockenturm der Abtei schlägt es zehn Mal, im Kloster fühlt sich ein Zweiundzwanzig-Uhr-Gebimmel immer wie tiefste Nacht an, weil hier die Uhren nun mal anders ticken, hallen die Worte in mir nach. Egal was ist, egal was kommt, Konfessionen, Herkunft, Sprachen, alles egal, »den Brunnen tiefer graben« und darauf hoffen, dass dort etwas wartet, das es wert war, gemeinsam zu graben und nicht allein.
Gute Momente: Mely Kiyak erzählt Geschichten
Gute Momente sind schön oder rätselhaft, heiter oder schwermütig. Unsere Autorin macht das, was Schriftsteller am besten können: das Leben besingen.










