Im Ringen um die Zukunft der Volkswagen-Standorte geht die IG Metall auf Konfrontationskurs. Der Gewerkschaft fehlt offenbar das Vertrauen in die Zusagen der Konzernführung. Äußerungen des Vorstands auf den Betriebsversammlungen der vergangenen Wochen hätten „erhebliche Zweifel daran geweckt, ob das Unternehmen an den vereinbarten Investitions- und Produktzusagen uneingeschränkt festhalten will“, heißt es bei der IG Metall. Antworten auf diese Frage habe der Vorstand umschifft. Das habe für zusätzliche Verunsicherung gesorgt. Konkret geht es vor allem um Zusagen zu neuen Modellen, Zukunftsprodukte und ein modernes Produktionsverfahren mit dem Namen „Gamechanger“, die Bestandteil des mühsam ausgehandelten Zukunftstarifvertrags aus dem Dezember 2024 sind.„Es geht darum, Vertragstreue des Unternehmens einzufordern“Nun reagiert die Gewerkschaft mit der Forderung nach einem formellen Überprüfungsgespräch. „Es geht jetzt darum, die Vertragstreue des Unternehmens einzufordern und Klarheit darüber herzustellen, wie Volkswagen seinen Verpflichtungen zur Zukunftssicherung der Standorte nachkommt“, erklärte Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, bei einer Pressekonferenz am Freitag in Hannover. „Es geht hier nicht um neue Forderungen der IG Metall, sondern schlicht um die Einhaltung eines bestehenden Tarifvertrags“, präzisierte er das Vorgehen.Volkswagen teilte in Reaktion auf den Vorstoß der IG Metall mit, man begrüße das ausdrücklich und stehe für Gespräche zur Verfügung. „Aus Unternehmenssicht ist dieser Schritt nötig, um die 2024 beschlossenen Maßnahmen konsequent umzusetzen und um sich gleichzeitig den zusätzlichen Herausforderungen zu stellen, vor denen die gesamte Automobilindustrie steht.“Preiswettbewerb durch mehr als hundert neue Marken in ChinaDas wirtschaftliche Umfeld habe sich in den letzten 18 Monaten grundlegend verändert, heißt es in der Stellungnahme von Volkswagen weiter unter Verweis auf geopolitische Spannungen und Handelsbarrieren: „Gleichzeitig sind in China weit über hundert neue nationale Marken und Hersteller dazu gekommen, die nun den intensiven Preiswettbewerb in andere Weltregionen und insbesondere nach Europa tragen.“Grundsätzlich sind Überprüfungsgespräche im Geschäftsleben strukturierte Treffen, bei denen Vertragspartner gemeinsam die Einhaltung getroffener Verabredungen analysieren. Das Verfahren in diesem Fall wurde im Zukunftstarifvertrag aus dem Dezember 2024 festgelegt. Laut Paragraph 7 heißt es dort, die Tarifvertragsparteien verpflichteten sich zu einem Überprüfungsgespräch je Quartal, wenn eine Partei dies beantrage, und zwar „bei wesentlichen Änderungen der Grundannahmen oder der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“.Gewerkschaftliche DaumenschraubenDie nächste Eskalationsstufe zeigt die IG Metall schon auf: Sollte sich bestätigen, dass Volkswagen seinen tarifvertraglichen Verpflichtungen nicht nachkomme, werde die Tarifkommission „die notwendigen Konsequenzen ziehen und die erforderlichen Schritte einleiten“, heißt es vielsagend in der Pressemitteilung der IG Metall. Die gewerkschaftlichen Daumenschrauben, die man dann anziehen könne, seien durchaus vielfältig, heißt es auf Nachfrage.Aktueller Hintergrund ist der Zukunftsplan 2030, den der Volkswagen-Aufsichtsrat vorige Woche einstimmig – also mit Zustimmung der Arbeitnehmerseite – beschlossen hat. Der größte Sparplan in der Geschichte von Volkswagen sieht vor, dass noch einmal 50.000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Die VW-Werke in Zwickau, Emden und Hannover sowie die Audi-Fabrik in Neckarsulm stehen zur Disposition, wenn die Produktion der aktuell dort produzierten Modellreihen ausläuft, was planmäßig in den Jahren 2031 bis 2034 der Fall ist.„Zugeständnisse der Belegschaft nicht zum Nulltarif“Wie dieser Plan umgesetzt wird, muss erst noch konkret ausgehandelt werden – weshalb die Vereinbarungen aus dem Dezember 2024 wieder in den Blickpunkt rücken. „Die Zugeständnisse der Belegschaft aus der Auseinandersetzung 2024 gab es nicht zum Nulltarif, sie wurden im Vertrauen auf die Zusagen gemacht. Deshalb erwarten wir, dass diese Vereinbarungen Bestand haben“, betont Daniela Cavallo, Gesamtbetriebsratschefin der Volkswagen AG: „Klar ist: All unsere Werke brauchen Zukunft!“Vereinbart wurde in dem Zukunftstarifvertrag 2024 nach monatelangem Ringen unter anderem, dass betriebsbedingte Kündigungen bis zum Dezember 2030 ausgeschlossen werden. Sollte für diese Beschäftigungssicherung keine Anschlussregelung zustande kommen, müsse die Volkswagen AG eine Milliarde Euro an diejenigen Beschäftigten ausschütten, die am 1. Januar 2031 in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis stünden. Diese wie auch andere Vereinbarungen aus dem Zukunftstarifvertrag bleiben durch die Forderung nach einem Überprüfungsgespräch unberührt, betont Gewerkschafter Thorsten Gröger. Es gehe nicht darum, die Schutzregeln neu zu verhandeln.Für wirtschaftlich schwierige Zeiten sieht der Zukunftstarifvertrag vor, dass die Betriebsparteien die wöchentliche Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden absenken können – wobei nur für die ersten beiden Stunden ein voller Lohnausgleich vorgesehen ist. Zuvor müssen zudem andere Reaktionsmechanismen ausgeschöpft werden wie etwa der Abbau von Zeitkonten, Kurzarbeit oder die Nutzung standortübergreifender Mobilität.