KommentarFirmen müssen die Mitarbeiter nicht vor künstlicher Intelligenz schützen – im GegenteilImmer mehr Unternehmen wollen Mitarbeiter, die souverän mit künstlicher Intelligenz umgehen. Wer «AI Fluency» belohnen will, muss Fehlanreize umschiffen.11.09.2026, 13.40 Uhr3 LeseminutenEssenziell für einen souveränen Umgang mit KI ist, ihr nicht blind zu vertrauen. Die Gefahr wird umso grösser, je schöner der generierte Inhalt daherkommt.www.imago-images.deDie erste Phase des Experimentierens ist vorbei. Viele Firmen treten in das Zeitalter der Agenten ein. Unternehmen, die diese enorme Chance für sich nutzen wollen, brauchen dafür die richtigen Mitarbeiter mit den richtigen Fähigkeiten. In Management- und HR-Kreisen zirkuliert dafür bereits ein neuer Modebegriff: «AI Fluency». Auf Deutsch lässt sich das übersetzen mit Gewandtheit oder Souveränität im Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI).Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mitarbeiter sollen künstliche Intelligenz nicht mehr nur zum Prompten verwenden. Stattdessen sind sie gehalten, aus Algorithmen Agenten zu bauen, die möglichst ganze Aufgabenbereiche übernehmen und Geschäftsprozesse digitalisieren.Es gibt eine Vielzahl von Beispielen dafür: die Vorbereitungen für die nächsten Kundenmeetings, Risikoprüfungen, Liquiditätsmanagement. Für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter entwirft die KI ein Inserat, lädt Kandidaten zum Vorstellungsgespräch ein, reserviert den Termin im Kalender und bucht auch noch ein Besprechungszimmer.Keine geschützten WerkstättenFirmen müssen die Mitarbeiter nicht vor KI schützen, im Gegenteil: Es ist im Interesse beider Seiten, dass sich die Menschen auf die neue Realität in der Arbeitswelt einstellen. Liegt der Fokus auf diesem Fortschritt, ist es nur folgerichtig, wenn KI-Kompetenzen in der Rekrutierung, für die Entwicklung der Karriere und beim Lohn zu einem wichtigen Kriterium werden. Bei der UBS ist das nach Recherchen der NZZaS bereits der Fall.Wenn allerdings Lohn und Karriere an KI-Kompetenzen gekoppelt werden, entsteht auch die Gefahr, Fehlanreize zu schaffen. Das gilt besonders dann, wenn Unternehmen individuelle «Fluency» belohnen. Egoisten, Räuber und Seitenspringer gibt es auch in der analogen Geschäftswelt – aber die KI macht ihnen ebenfalls vieles einfacher.Die Egoisten in der Belegschaft könnten versuchen, die schönsten Agenten für sich zu bunkern und nicht im Team zu teilen, um ihren eigenen Vorsprung zu erhalten. Die Räuber könnten die Ideen und Erfindungen anderer als die eigenen ausgeben. Die Wagemutigen könnten geneigt sein, sich mit privaten Geräten und Accounts an den Sicherheitsschränken der Firmen vorbeizumogeln.Essenziell für die «AI Fluency» ist weiter, dass die Mitarbeiter dem schnellen Helfer niemals blind vertrauen. Grundsätzlich wissen das alle. In der Hektik des Alltags verlassen sich viele Anwender dann aber doch auf die KI. Das ist schliesslich bequemer und zeitsparender. Eine Auswertung konkreter Prompts des amerikanischen KI-Entwicklers Anthropic zeigte etwa, dass nur 8 Prozent der Nutzer am Ende die Fakten überprüften. Die gesunde Skepsis bleibt, wie die Auswertung ebenfalls zeigt, umso schneller auf der Strecke, je polierter das KI-generierte Resultat aussieht.Schnelligkeit ist im Arbeitsalltag wichtig. Doch gerade mit KI brauchen die Mitarbeiter nicht nur Druck von oben, sondern Zeit für ein sorgfältiges «Human Finish». Ohne ein solches passieren über kurz oder lang Fehler, oder es werden peinliche Halluzinationen durchgewinkt, die dem Ruf des Unternehmens schaden.Hohe Schule für das ManagementFehlanreize lassen sich nie gänzlich ausschalten, schon gar nicht in einem Experimentierfeld, wie es die KI ist. Trotzdem müssen Unternehmen solche Überlegungen in ihren HR-Strategien berücksichtigen. Der KI-Hype kann sonst dazu führen, dass zwar Milliarden in Software fliessen, der Gewinn im Ganzen aber beschränkt bleibt.Studien zeigen, dass das Management das Potenzial von KI systematisch höher einschätzt als die Mitarbeiter. Das mag an der strategischen Weitsicht liegen, die die Führungskräfte idealerweise haben. Berechtigt ist der Optimismus aber nur, wenn sie keinem abgehobenen KI-Enthusiasmus erliegen, sondern Kosten und Nutzen realistisch einschätzen und dann die richtigen Anreize setzen.«AI Fluency» ist nicht nur für die Mitarbeiter eine hohe Schule, sondern auch für die Manager.Passend zum Artikel