Glücklich, wer den fälschlicherweise oft als «Teppich» bezeichneten Wandbehang schon einmal im Bayeux Museum in der Normandie sah, wo er zu Hause ist und das in seiner Abwesenheit renoviert wird. Dort war der Andrang nie so gross wie nun im Londoner British Museum, dessen Schau «The Bayeux Tapestry. A historic loan from France» bis Ende Jahr ausgebucht ist. Das zeigt, wie marketinggetrieben Ausstellungen heutzutage sind. Wer einen «Fomo»-Effekt zu kreieren vermag, «Fear of missing out», bei dem stehen alle Schlange: die Kunstkenner, die Textil-Aficionados, die Mittelalter-Nerds, die Schaulustigen, jede und jeder will einen Blick auf die fast 70 Meter erheischen, textilschonend untergebracht in gedämpftem Licht.Publikumsandrang bei der Ausstellungseröffnung.Getty ImagesMussten wahrscheinlich nicht Schlange stehen: Das französische Präsidentenpaar Brigitte und Emmanuel Macron besuchte die Schau am 2. September 2026 mit Königin Camilla und König Charles III.Getty ImagesWas nicht heissen soll, dass das gute Stück, mit Wolle besticktes Leinen, die entgegengebrachte Aufmerksamkeit nicht absolut wert wäre. Man kann das Werk als eine Art mittelalterliche Netflix-Doku verstehen. Thema: die normannische Eroberung Englands im Jahr 1066. Entstanden ist der Wandbehang im 11. Jahrhundert, gefertigt von vielen kundigen Händen; von wem genau, ob Frauen, Mönche, britischer oder französischer Herkunft, ist nicht bekannt, auch wenn das British Museum viele Indizien dafür anführt, das Werk für sich zu proklamieren, und nicht müde wird, zu betonen, dass dies der letzte erfolgreiche Feldzug gegen das Imperium war.Die erste Szene: König Eduard (ca. 1003–1066) weist seinen Schwager Harold Godwinson an, in die Normandie zu reisen.Getty ImagesTextile ZeitreiseChronologisch geordnet kann man die Geschichte verfolgen: Harold Godwinson bestieg nach einem Eidbruch gegenüber Wilhelm dem Eroberer den englischen Thron. Dies führte zur normannischen Invasion Englands und Harolds Niederlage in der Schlacht bei Hastings. Wir erleben auf den verbliebenen Teilen die blutige Schlacht mit, das Leiden der Soldaten, der Bevölkerung. Der Stoff ist eine Zeitreise: Detailreich dargestellt sind die Kleider, Frisuren, Möbel und Schiffe dieser Epoche, phantasievoll und individuell die Gesichtsausdrücke und Gesten der Dargestellten.«Don’t kill the messenger»: Ein Bote überbringt Harold eine Nachricht von William.Getty ImagesAuch das Leiden der Tiere in der Schlacht wurde detailreich dargestellt.Getty ImagesWer unbedingt teilhaben will am Hype, der kann versuchen, bei der nächsten Ticket-Runde ab dem 21. Oktober eines zu ergattern; die Show läuft noch bis Juli 2027. Die Wartezeit kann man sich damit vertreiben, online mehr über das Werk zu erfahren. Oder man übt sich in Geduld, bis das Stück stoffgewordene Geschichte wieder nach Hause zurückgekehrt ist.NewsletterNewsletterDie besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.Kostenlos abonnierenCopyright © Neue Zürcher Zeitung AG. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Neue Zürcher Zeitung ist nicht gestattet.