Julian Zigerli bestellt sich eine heisse Schokolade und ein Gipfeli, «zum Tümpfle». Es ist ein warmer Spätsommermorgen in einem Café am Zürcher Bullingerplatz. Der 42-jährige Modedesigner steckt mitten in den Vorbereitungen für seine grosse Jubiläumsshow am 19. September. Es soll ein Spektakel auf dem Albisgütli werden, ein theatralischer Rückblick auf die letzten fünfzehn Jahre.Denn so lange ist es her, dass Julian Zigerli sein eigenes Modelabel gründete, frisch vom Modestudium an der Universität der Künste in Berlin. Er zeigte seine wild bedruckte, von der Sportswear beeinflusste Männermode in Mailand und Paris, verkaufte in Seoul und Hongkong und blieb doch Zürich treu. Hier ist sein Atelier und seit 2018 sein Geschäft. Hier kann man kaum durch die Stadt gehen, ohne der kleinen, weissen Zigerli-Ziege zu begegnen: auf bunten Caps, samtenen Taschen, schwarzen Pullovern. Oder an der silbernen Halskette, mit der Zigerli spielt, während er erzählt.Julian Zigerli, welches Wort möchten Sie in einem Text über Sie nie mehr hören?Frech! «Die freche Mode».Warum?Es klingt dumm. Als würden wir uns nichts überlegen. Wir sind frech! Aber ich finde es abschätzig.Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Kollektion?Natürlich. Das war meine Abschlusskollektion an der Universität der Künste in Berlin. An der Modeschule sind Konzepte sehr gefragt, in Berlin sowieso, deshalb kreierte ich ganz viele Rucksackjacken: hybride Football-Jackets, Jeansjacken und klassische Jacken, die hinten einen Rucksack hatten. Viele meiner Themen wurden damals schon deutlich. Vor allem Menswear, Sportswear und Print, denn diese All-over-Ästhetik gefiel mir sehr. Es war der Startschuss.«Es wird Zeit brauchen, bis die Leute es verstehen», sagten Sie 2014 in einem Interview über Ihr Label. Haben Sie recht behalten?Ja. Ich habe das Gefühl, wir als Label haben etwas bewegt. Vor acht Jahren haben wir unseren Laden in Zürich eröffnet. Bis dahin haben wir ausprobiert und die Leute vorbereitet. Heute ist es nicht mehr so ein Riesenschritt, ein Teil von uns zu tragen. Aber wir sind sicher auch kommerzieller geworden, gerade was die Schnitte angeht.Im Print zu Hause: Julian Zigerli, Frühjahr/Sommer 2013.Amanda CamenischWarum?Man muss verkaufen. Unsere günstigsten T-Shirts kosten 45 Franken, das würde ich «Merch» nennen, es lebt und zehrt vom Image der Marke und kann immer neu produziert werden. Die teureren «Collection Pieces» hingegen gibt es nur, solange es sie gibt.Bei der Jubiläumsshow werden Sie Kleider der letzten fünfzehn Jahre zeigen. Welche Emotionen kamen beim Wiedersehen hoch?Ha! Die Passform war ganz anders. Damals war ich dünner und die Sample-Size deswegen schmäler. Auch die vielen Details, die wir damals integrierten, überraschten mich: crazy Taschen, Verschlüsse bei den Manschetten, Knöpfchen da und Bändeli zum Schnüren dort. Und manches würde ich nie mehr machen, weil es einfach nicht funktioniert. Klettverschluss auf Seide war nie eine gute Idee.Stöbern im Archiv: die Familie von Julian Zigerli beim Fitting für die Jubiläumsshow.PDBesitzen Sie ein vollständiges Archiv Ihrer Kollektionen?Wir haben vieles, aber nicht alles. Wenn ich bemerke, dass gewisse Teile fehlen, tut das weh. Die Cervelat-Tasche zum Beispiel. Das nervt mich sehr.Oh. Cervelat-Tasche?Sie stammt aus der Sommerkollektion 2019, die sich um die Schweiz und Japan drehte. Wir hatten damals einen Stoff, der aussah wie Cervelat-Haut: braun und durchsichtig, aber sehr schön. Daraus machten wir eine Tasche in Form einer Cervelat.Hält, was sie verspricht: die Cervelat-Tasche von Julian Zigerli.Claude GasserDie Schweiz taucht immer wieder in Ihrer Mode auf. Scherenschnitte, Appenzeller-Motive oder aktuell ein T-Shirt mit dem witzigen Aufdruck «Wilhelm Tell Me Sweet Little Lies». Warum?Mit der «I Carrot Believe It»-Kollektion 2019 fingen wir damit an und konnten nicht mehr aufhören. Wir produzierten nie so viele Prints wie damals, weil wir merkten: Es ist ein bodenloses Fass. Der Käseprint nach dem ikonischen Käseskianzug, der geschümmelte Roger Federer, ein Kimono wie ein hellblaues Edelweisshemd . . . Ich finde es schön, dass die Schweiz ein Pool an Inspiration sein kann. Das Traditionelle ins Heute, ins Moderne, ins Ironische zu ziehen, macht Spass und passt zu uns. Und die Schweizer Kunden lieben es.Womit verdienen Sie am meisten?Ich glaube, es sind die Socken!Ein unerwarteter Bestseller?Die «Micro Tit Bag». Die läuft schon seit mehreren Jahren, und es hört nicht auf. The girls love it.Neben der Cervelat-Tasche – welches Kleidungsstück aus den vergangenen fünfzehn Jahren bedeutet Ihnen besonders viel?Es ist so schwierig, aus all seinen Kindern ein liebstes auszuwählen. Für mich sind es eher unsere Alltagsteile. Unser «Mini Shopper» zum Beispiel, den es mittlerweile auch mit Volants gibt. Mein absolutes Lieblingstäschchen. Ich gehe nie ohne es aus dem Haus. Schauen Sie, wie süss es ist!Lieblingsteil von Julian Zigerli: der «Mini Shopper» mit Volants.Azuli PeetersJö. Was steckt da alles drin?Flyer für unsere Jubiläumsshow. Mein Schlüssel mit unserem ikonischen Lorbeer-Anhänger. Die Uhr von meinem Grossvater, die ein neues Bändeli braucht. Mein Portemonnaie. Zigaretten, die ich nur brauche, wenn ich Alkohol trinke. 150 Franken, die daheim herumlagen und die auf die Bank müssen. Meine Kopfhörer. Mehr Schlüssel. Ein Labello.Sie arbeiten schon lange mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen: mit Katharina Grosse, Walter Pfeiffer, Shirana Shahbazi. Wie kann die Mode von der Kunst zehren?Ich nutze es als kreatives Tool. Natürlich sind auch Namen mit dabei, die wertvoll sind, weil sie mehr Menschen mitbringen. Aber für mich bedeutet es stets einen Input, für den ich selber die Fähigkeiten oder die visuelle Sprache nicht besitze. Mit dem Gegenüber versucht man etwas zu entwickeln, das Mode und Kunst verbindet.Gab es je Spannungen?Bis jetzt nicht. Dieser Job ist harzig. Wenn es keine Harmonie und keinen Spass gibt, dann muss man es gar nicht erst machen.Viele Designer haben einen Körperteil, der sie besonders interessiert oder den sie mit ihren Kleidern gerne in Szene setzen.Worauf spielen Sie an?Was ist Ihrer?Sie wissen es ganz genau.Sagen Sie es mir bitte.Das Füdli! In den Kollektionen ist es grundsätzlich alles. Die «Micro Tit Bag». Die Penis-Ohrringe. Aber das Füdli ist mein persönliches Markenzeichen. Natürlich war es in meiner schwulen Community immer ein Thema. Aber es waren auch Girls, die mir sagten: «Du häsch sones guets Füdli».Unerwarteter Bestseller: die «Micro Tit Bag».PDVerspürten Sie jemals den Druck, mit Ihrer Mode straighter zu wirken?Ich glaube nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass ich mit meiner Mode gay wirken will. Das Label ist mega queer, und wir spielen natürlich mit dieser Erotik. Aber nicht nur. Eine gewisse Selbstverständlichkeit ist mir wichtig. Kürzlich haben wir Surfer-Shorts gemacht. Für die Bros. Aber dann meinte mein Bruder, sie seien ihm zu lang. Ich glaubte es kaum.Sie wurden lange als Nachwuchsdesigner bezeichnet.Young Designer, mit 42!Hat das Älterwerden verändert, wie Sie entwerfen?Es ist eher ein «Young Spirit», den wir beibehalten wollen. Die Verbundenheit mit einer jungen Klientel ist wichtig. Ich muss aber auch nicht zuvorderst mit dabei sein.Zigerli produziert auch keine halbjährlichen Kollektionen mehr, wie sie in der Mode üblich sind.2020 hörten wir mit dem Saisonalen auf. Ich hatte keine Lust mehr, nach Paris zu gehen, in den Showroom, auf Wholesale, auf die ständigen Abgabefristen. Die Marge ist schlecht, wenn man an Läden verkauft. Es ist ein Riesenstress. Das hat wohl auch mit dem Älterwerden zu tun, dass man entspannter wird. Während Covid entwickelten wir unser heutiges System, das über Drops läuft. Das Negative daran ist: Man muss zuerst Geld in die Hand nehmen, um zu produzieren, und es kommt erst zurück, wenn die Dinge verkauft sind.Sie sprechen viel über Geld.Es ist das einzige Problem am Modemachen, an der Selbständigkeit. Immer das Geld. Ideen habe ich.Können Sie von Ihrem Label leben?Die letzten Jahre konnte ich das ziemlich gut. Also nicht im Luxus und mit total nur etwa 200 Stellenprozenten. Aber dieses Jahr ist es harzig. Deswegen spreche ich wohl viel über Geld. Weil es ein Thema ist. Ich will gar nicht! Sprechen wir über etwas anderes.Dass die Schweizer Modefuzzis Zigerli kaufen und nicht J. W. Anderson: Das ist die hohe Kunst.Julian ZigerliHaben Sie jemals erwogen, Investoren zu finden?Vor etwa zehn Jahren fertigten wir einen Businessplan. Wir hatten Kontakte, aber es ergab sich nichts. Irgendwie war das alles nicht sehr sexy. Und dann eröffneten wir den Laden, verkauften selber und konnten es so tragen. Was auch sehr wichtig ist für uns: unsere Projekte. Wenn wir für andere Brands oder Werbeaktionen arbeiten. Das hält uns über Wasser.Und Fördergelder?Für unsere Jubiläumsshow zum Beispiel haben wir bei der Stadt Fördergelder beantragt. Aber die Mode wird nicht unterstützt. Beim Kanton dasselbe. Der ausschlaggebende Satz im Bescheid lautete: «Mode und Design fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Fachstelle Kultur.» In welchen Bereich soll das sonst fallen? Ich habe dieser Stadt schon so viel Kultur eingehaucht. Das finde ich schon hart.Dass die Schweiz kein Modeland ist . . . Es gibt immer wieder Menschen, die das ändern möchten.Die Schweiz ist nicht kein Modeland. Sie ist ein Textil-Land, hat eine riesige textile Geschichte. Ich arbeite seit fünfzehn Jahren daran, diese Wahrnehmung zu ändern. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig. Letztlich braucht man einfach einen Kunden. Vielleicht muss mehr daran gearbeitet werden, dass wir dieselbe Wertschätzung erhalten wie gehypte Labels aus dem Ausland. Dass die Schweizer Modefuzzis Zigerli kaufen und nicht J. W. Anderson: Das ist die hohe Kunst.Die grosse Show zum 15. Jubiläum wird auf dem Albisgütli stattfinden. Das ist ein Ort, den man vor allem mit der SVP und ihrer jährlichen Tagung in Verbindung bringt.Ich sage immer: Wir geben ihm jetzt einen rosaroten Anstrich. Aber im Ernst: Da findet ja auch das Knabenschiessen statt, ein Country-Festival, alles Mögliche.Im Unterschied zu üblichen Modeschauen kann man Tickets zur Show käuflich erwerben. Warum?Der Ticketverkauf hilft bei der Finanzierung. Das lernten wir bei unserer letzten Show im Theater Gessnerallee im April 2025. Dieses Mal wollen wir die Bude mit 600 Gästen füllen. Und wir bieten mehr als eine fünfzehnminütige Runway-Show. Es gleicht eher einem Theaterabend.Zigerli kann das: «The Limit Does Not Exist» im April 2025 im Zürcher Gessnerallee-Theater, produziert – wie die Jubiläumsshow – von Pierre Studio.PDWas erwartet die Zuschauer?Mir ist es wichtig, das Werk dieser fünfzehn Jahre zu feiern. Wir wollen eine Geschichte erzählen. Es werden viele Menschen dasitzen, die keine Ahnung haben, was wir früher gemacht haben. Wir zeigen etwa 170 Looks. Der Musiker Laskaar, die beiden Opernsänger Brent Michael Smith und Sascha Emanuel Kramer, die Tänzer Pierre Piton, Irmina Kopaczyńska und Esteban Berlanga, der Pianist Lasha Mgebrishvili und die Schauspieler Sebastian und Samuel Schneider aus Berlin werden auftreten. Es wird einen Fan-Shop geben mit einem limitierten «Foreverli»-Drop aus alten Archivstoffen. Meine ganze Familie wird kommen! Wir eröffnen die Show in meiner ersten Kollektion.Die «Foreverli»-Show zum 15. Jubiläum von Julian Zigerli findet am Samstag, den 19. September 2026, um 20 Uhr auf dem Albisgütli statt. Sie wird Mode, Theater, Tanz, Musik und Performance kombinieren. Tickets sind ab 35 Franken über Eventfrog erhältlich und schliessen den Eintritt zur Afterparty ein.NewsletterNewsletterDie besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.Kostenlos abonnierenCopyright © Neue Zürcher Zeitung AG. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Neue Zürcher Zeitung ist nicht gestattet.