Besuch beim Hemdenhersteller Bruli in Stabio, wo der Chef zu seinen Kunden reist und an Modeverkäufern verzweifelt, die nicht mehr wissen, was ein Spickel ist.22.07.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenLuxus fängt im Kleinen an. Mit einem Knopf aus schimmerndem Perlmutt, mit dem der Mann morgens sein Hemd schliesst. Mit einem Baumwollstoff, der luftig auf der Haut liegt wie ein Hauch. «Un soffio» heisst das Gewebe, das zu den Favoriten von Marco Brülisauer gehört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir sind im Ausstellungsraum des Hemdenherstellers Bruli in Stabio, zwanzig Autominuten südlich von Lugano, nahe an der italienischen Grenze, in einem unscheinbaren Fabrikgebäude eingemietet. Der Besitzer Marco Brülisauer ist einer der letzten, wenn nicht der letzte Hemdenhersteller hierzulande, der seine gehobene Kollektion vollständig in der Schweiz produzieren lässt.Der Chef wirbelt herum, zeigt seine schönste Ware, Hemden aus feinster Baumwolle, Polos aus Vollzwirn oder für den Herbst Hemden aus Interlock oder Cashmere-Jacken. Edle Stücke, bis ins Detail durchdacht.Ein Flair für die schönen Dinge im Leben: Marco Brülisauer, Tessiner mit Appenzeller Wurzeln.Brülisauers aus Appenzell InnerrhodenDer Chef kommt ins Schwärmen, während er seine Hemden präsentiert. Charakteristisch ist die in Offwhite gehaltene Unterlage am Ärmelschlitz, das Erkennungsmerkmal von Bruli. «Niemand bekommt ein Kompliment, wenn er ein einfaches weisses Hemd trägt. Bei unseren Hemden ist das anders: Sehen Sie die schmale Naht, wie sie elegant durch den weissen Stoff schimmert – das sieht einfach wunderschön aus.» Natürlich könne man auch ohne solche schmalen Nähte leben, und statt mit Perlmuttknöpfen könne man sich mit billigen Plastikknöpfen begnügen, sagt Brülisauer «Doch es sind ja auch die kleinen Dinge, die das Leben mit Freude erfüllen.»Brülisauers Mutter ist Tessinerin, die Familie väterlicherseits kommt aus Appenzell Innerrhoden. Der Grossvater betrieb dort ein Textilgeschäft. Sein Vater zog in den 1950er Jahren ins Tessin, 1961 gründete er ein eigenes Textilunternehmen in Mendrisio. Damals war das Tessin ein wichtiges Zentrum für Hemden, es entstanden viele Fabriken, die auf billige Arbeitskräfte zählen konnten. «Der Betrieb florierte, wir hatten in den besten Zeiten bis zu 180 Mitarbeiter.» Man habe viele Modegeschäfte beliefert und einen grossen Umsatz erwirtschaftet.Dann, im Zug der Globalisierung, lief das Textilgeschäft nicht mehr rund. Viele Nähereien mussten schliessen. Der Umsatz brach ein, die Modegeschäfte wie PKZ oder Manor, mit denen Brülisauers vorher zusammengearbeitet hatten, fanden die Preise für Schweizer Qualität plötzlich zu hoch. Man erwartete von ihnen, dass sie ihre Produkte zu tieferen Preisen verkauften, doch das wollten sie nicht. «Die Textilbranche ist eine arme Branche. Jeder braucht eine Marge, auch wir. Ohne Marge können wir nicht investieren, und wenn wir nicht investieren, können wir nicht weitermachen.»Es braucht zwei bis drei Stunden Handarbeit, bis ein Hemd fertiggestellt ist.Als Marco Brülisauer nach Lehr- und Wanderjahren 1993 in die Firma eintrat, wusste er: Die Zeit, als die Geschäfte mehrere hundert Hemden bei Brülisauers bestellten, war vorbei. Er richtete die Firma neu aus. Hochwertige Kleidung für eine ausgewählte Kundschaft, so das neue Motto. Der Name wurde offiziell von Brülisauer zu Bruli: «Im Tessin nannte man uns ohnehin ‹Bruli›, auch die italienischen Zulieferer schrieben ‹Bruli› auf die Kartons. ‹Bruli› funktioniert in allen Sprachen.»Heute arbeitet Brülisauer nur mit wenigen ausgewählten Geschäften zusammen, mit Boutiquen in Genf, St. Moritz oder Zürich, in Sylt, Denver oder Miami. Wobei die Bestellungen aus den USA wegen der Zollturbulenzen eine Saison lang ausblieben. Diese Läden führen teure Marken wie Brioni, Brunello Cucinelli, Kiton oder Zegna – und eben Bruli. Über sie findet er neue Kunden.Zudem darf er auf eine treue Privatkundschaft zählen, die direkt bei ihm bestellt. Brülisauer kann die Freude nicht verbergen, als er erzählt, wer seine Hemden trägt. Aus Diskretionsgründen möchte er die Namen nicht in der Zeitung lesen, nur so viel: Diese Männer wären ausgezeichnete Werbeträger. «Es gibt Kunden, die bestellen zehn und mehr Hemden aufs Mal, sie sind sehr wichtig für uns, und sie empfehlen uns weiter. Das ist unsere beste Werbung.»Rund dreitausend Hemden produziert Bruli pro Jahr – genäht wird nur, was verkauft ist.Wer möchte, kann sich in Stabio von Brülisauer persönlich die Masse nehmen lassen. Aber er reist auch zu seinen Kunden. Gerade erst war er in Monte Carlo, wo er Bestellungen aufnahm. Dies in Begleitung seiner Assistentin Maria. Regelmässig fahren sie auch nach Zürich und stellen den Kunden vor Ort die neuen Kollektionen vor. Maria ist seit 36 Jahren Teil des Familienbetriebs. «Sie kennt praktisch jeden Kunden und Lieferanten persönlich, oft über Generationen hinweg. Sie weiss um die jeweiligen Vorlieben und darum, wer was in den letzten Jahrzehnten bestellt hat. Das kann keine Software ersetzen», sagt Brülisauer.Den Betrieb ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern wie alle anderen, kam für Brülisauer nie infrage. Sein Vater gab ihm viele Ratschläge mit auf den Weg, einer der wichtigsten: «Die Produktion und das Know-how nie nach auswärts geben, sonst bist du verloren.» Und daran hält sich der Sohn. «Wir produzieren alles hier. Wir sind kein Industriebetrieb mehr, sondern eine Luxusmanufaktur. Doch wir haben noch immer die Mentalität eines Industriebetriebs, da haben wir nie nachgelassen. Das ist der einzige Grund, warum es uns noch gibt. In Norditalien existieren ebenfalls kleine Hemdenfirmen, doch sie arbeiten ganz anders, noch mit Schablonen und alten Techniken – nicht wie wir.»Damit das Hemd auch nach dem Waschen noch sitztBruli beschäftigt insgesamt dreizehn Angestellte. Vor vier Jahren hat Brülisauer die Produktion radikal umgestellt und sich eine hochmoderne Zuschneidemaschine aus Schweizer Produktion gekauft. Mehrere hunderttausend Franken kostete sie, für einen Betrieb wie den seinen eine Rieseninvestition. Doch Brülisauer wollte unabhängiger sein. «Wenn ich eine Zuschneiderin habe, die alles weiss, und sie einmal ausfällt, könnten wir nicht arbeiten. Auch wenn man klein ist, muss man flexibel sein.»Digitalisierung in der Mode: Bei Bruli kommt eine Zuschneidemaschine zum Einsatz.Die meterlangen Flächen, auf denen die Stoffe früher zugeschnitten wurden, findet man bei Bruli also nicht mehr. Die Maschine wird auf die jeweiligen Masse programmiert und schneidet dann in atemberaubendem Tempo alle Teile für das Hemd. Brülisauer glaubt fest an die Digitalisierung in der Mode. Er würde auch gerne einen humanoiden Roboter einsetzen, der die Hemden bügelt oder zusammenlegt und verpackt.Bei Masshemden werden die Stoffe vor dem Zuschnitt gewaschen. Damit verhindere man, dass das Hemd nach der ersten Wäsche enger oder breiter werde. «Das machen lange nicht alle Hersteller. Ein Bekannter von mir produziert in Tunesien T-Shirts für eine grosse Modekette: Dort wird aus Kostengründen nur die Grösse M zugeschnitten. Beim Dampfbügeln macht man aus dem M ein S oder mit etwas Dehnen ein L. Und dann ist der Kunde erstaunt, wenn das T-Shirt nach dem ersten Waschen nicht mehr sitzt.»Hinter der Zuschneidemaschine befinden sich die Arbeitsplätze der Näherinnen; der Raum ist klimatisiert, die Temperatur trotz den Bügelstationen angenehm. Jede der Frauen erledigt jeweils einen Arbeitsschritt: Die eine fertigt die Seitennähte, die andere bügelt die einzelnen Teile, die dritte macht den Kragen, die vierte die Knopflöcher, die fünfte befestigt die Perlmuttknöpfe. Wieder eine andere bügelt das fertiggestellte Hemd. «Es wäre schön, wenn jede Mitarbeiterin alle Schritte beherrschen würde. Doch so weit sind wir leider noch nicht. Nur Rosa kann alles.» Rosa ist die Chefin der Produktion – Brülisauer ist voll des Lobes über sie.Rosa, die Chefin der Produktion, kümmert sich auch um das Design der Damenkollektion.Der Kragen ist enorm wichtig. Um den Kragen so zu nähen, dass er perfekt sitzt, braucht es Zeit und Sorgfalt. «Ich sage meinen Mitarbeiterinnen immer: lieber eine Viertelstunde länger und dafür exakt arbeiten.» Brülisauer demonstriert an sich, wie ein Kragen aussehen soll: auf beiden Seiten gleichmässig aufrecht. «Schlecht sitzende Krägen erkennt man sofort, sie hängen auf der einen Seite herunter oder rollen sich ein.»Bei Bruli können die Kunden ihre Wünsche angeben und sich ein Hemd auf Mass machen lassen. Für gewisse Männer sei ein massgeschneidertes Hemd sehr zu empfehlen, sagt Brülisauer. Bei Kunden, die um die Körpermitte etwas füllig seien, könne man den Rücken schmäler machen und mehr Stoff für die Bauchpartie einsetzen. Oder man könne auf Asymmetrien eingehen, indem man etwa die rechte Schulter anders nähe als die linke.Es braucht zwei bis drei Stunden Handarbeit, bis aus dem zugeschnittenen Stoff ein Hemd wird. Der Preis für einen guten Stoff, wie Brülisauer ihn verwendet, liegt bei 35 Euro pro Meter. Für ein Hemd braucht es knapp zwei Meter. Die Knöpfe – «australischer Perlmutt, der ist der beste» – kosten rund 13 Euro pro Hemd. Dazu kommen die Miete, die Kosten für die Maschinen, die Auslagen für die Musterkollektionen und anderes mehr. «Unsere Preise liegen bei 390 Franken für ein Hemd bester Qualität. Für ein Masshemd kommen 65 Franken zusätzlich hinzu. Gemessen an dem Aufwand und der Qualität ist der Preis wirklich nicht zu hoch», sagt Brülisauer. Hemden vergleichbarer Marken im hochwertigen Segment kosten zum Teil deutlich mehr.Auf die Details kommt es an: abgerundete Manschetten und Knöpfe aus Perlmutt.Viele Jahre hat Brülisauer die Stoffe von einer Appenzeller Weberei bezogen, die internationale Luxusmarken belieferte. Doch vor ein paar Jahren wurde die Produktion nach Ägypten verlagert, gewebt wird jetzt dort. Nun kauft Brülisauer von Webereien im nahen Como oder in Venetien. «Das sind kleine Betriebe, sie machen spezielle Stoffe nur für uns. Manchmal brauchen wir bloss 60 Meter. Das ist natürlich teuer, aber dafür können wir den Kunden Ware anbieten, die sie sonst nirgends finden.»Die Kollektionen für die Herren entwirft er selbst, jene für die Damen seine Mitarbeiterin Rosa. Wie weiss er, wie die Modetrends in einem Jahr sind? «Bei den Damen ist es anspruchsvoll, die Mode ändert sich schnell. Doch die Herren wollen in erster Linie Qualität, sie wollen elegant sein. Ist ein Mann zufrieden mit einem Hemd, dann kauft er immer das gleiche.» Gleichwohl gibt es auch bei den Herrenhemden Trends: «Der Schnitt wird etwas weiter und bequemer. Und wir kommen langsam weg vom Haifischkragen.» Für Nichtkenner: Der Haifischkragen hat weit auseinanderliegende Kragenspitzen und war in den letzten Jahren bei den Männern sehr gefragt.Attraktiver Lohn für GrenzgängerinnenBruli ist ein typischer Grenzgängerbetrieb. Schweizerinnen arbeiten keine bei ihm – «die Tessiner haben der Textilbranche schon vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt», sagt Brülisauer. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung hätten sie sich lukrativere Stellen bei Banken, Versicherungen, in der Verwaltung gesucht.Brülisauers Betrieb ist in einem Fabrikgebäude eingemietet. Blick auf das Industriegebiet in Stabio.Den Einwand, dass Grenzgängerbetriebe wie der seine die Löhne drückten und den Tessinern nichts brächten, lässt er nicht gelten. «Alles, was rund um unsere Firma an Aufträgen anfällt, Spediteure, Elektriker, Revisionen und vieles mehr, kommt der Tessiner Wirtschaft zugute.»Früher seien die Näherinnen im Tessin tatsächlich schlecht bezahlt worden, sagt Brülisauer. Doch die Unternehmer, die jetzt noch im Tessin seien, entlöhnten die Leute anständig. 2021 wurde im Tessin ein kantonaler Mindestlohn eingeführt, seit 2026 liegt er in der Textilindustrie bei 20 Franken pro Stunde. Brülisauer hätte es sinnvoller gefunden, wie zuvor auf branchenspezifische Gesamtarbeitsverträge zu setzen, insbesondere in der Produktion. «Der Lohn sollte auch von der Erfahrung und den Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiterin abhängen.»Das Problem sei, so Brülisauer, dass ein einheitlicher Mindestlohn Betriebe in ärmeren Branchen wie der Textilindustrie zu drastischen Entscheidungen zwinge. Für eine kleine Nischenfirma wie die seine, die sich im obersten Preissegment positioniere, sei das machbar. Für Unternehmen im mittleren Marktsegment dagegen werde es damit praktisch unmöglich, zu bestehen; die günstigen Hersteller seien ohnehin schon verschwunden.Seit 2021 gilt im Tessin ein kantonaler Mindestlohn. Für Grenzgängerinnen sei dieser sehr attraktiv, sagt Brülisauer.Der Mindestlohn im Textilbereich nütze einzig den Italienern, nicht den Tessinern, die ihm zugestimmt hätten. Für diese sei er eher hinderlich. «Am Ende des Monats muss die Rechnung für den Unternehmer aufgehen. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn er den tiefen Chargen einen höheren Mindestlohn zahlen muss, den der Betrieb eigentlich nicht hergibt, wird er seinen anderen Angestellten weniger bezahlen können.»Brülisauer hat in der Näherei, zur Motivation seiner Angestellten, eine Tabelle mit der Lohnentwicklung aufgehängt. Seit 2019 ist ihr Lohn laut der Tabelle um 22 Prozent gestiegen. «Rechnet man den Betrag in Euro um, sind es wegen der Aufwertung des Frankens sogar 46 Prozent mehr Lohn. Das ist nicht schlecht, oder?»Gute Näherinnen zu finden, die sich mit Hemden auskennten, sei schwer. Es gebe nicht mehr viele, die den Beruf lernen wollten. Einige der letzten verbliebenen Textilunternehmen im Tessin denken darüber nach, ihre Produktion nach Italien zu verlegen. Brülisauer hofft, nun die eine oder andere erfahrene Mitarbeiterin von dort zu sich holen zu können. «Die Grenzgänger haben keine Freude daran, wenn ihre Stellen nach Italien verlegt werden. Sie verdienen dort weniger als die Hälfte von dem, was sie im Tessin bekommen», sagt Brülisauer.Einst hatte die Firma Bruli 180 Angestellte. Dann kam die Krise, und Bruli erfand sich neu als «Luxusmanufaktur».«Swiss made» grosszügig interpretiertDass auch Unternehmen mit der Marke Schweiz werben, die kaum mehr etwas in der Schweiz herstellen, ärgert Brülisauer. Er zeigt die Website eines Hemdenherstellers, der mit seinem Atelier in Mendrisio, dem Schweizerkreuz und dem Begriff «Swiss made» wirbt, aber die Hemden in Portugal nähen lässt. Das Atelier in Mendrisio sei seit fast zwei Jahren geschlossen. Das sei nicht korrekt: «Wer mit dem Schweizerkreuz oder mit ‹Swiss made› für sein Produkt wirbt, erweckt beim Kunden den Eindruck, dass er ganz in der Schweiz produziert.»Nach seiner Erfahrung dürfte sich das Institut für Geistiges Eigentum in Bern durchaus mehr um die Einhaltung der Regeln kümmern. «Wenn laut dem Gesetz mindestens 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen, dann gilt das. Das muss kontrolliert werden.» Die Entwicklung geht allerdings in eine andere Richtung. Die Swissness-Regeln aufzuweichen, sei ein Fehler, meint Brülisauer. Der exzellente Ruf der Schweizer Produkte nehme Schaden.Bruli stellt ungefähr dreitausend Hemden pro Jahr her. Mehr wolle er nicht, sagt der Chef. Ein Punkt ist ihm besonders wichtig: «Wir produzieren nur, was verkauft ist.» So hat Brülisauer in seinem Betrieb viele Stoffrollen, aber kein Lager. Auf den Regalen warten die fertiggestellten Hemden darauf, verschickt zu werden. «Da wir klein sind, können wir sofort auf Kundenwünsche reagieren. Kauft ein Tourist in einer Boutique ein Bruli-Hemd und will er zwei weitere davon, dann sind sie innert dreier Tage genäht und im Laden.»Marco Brülisauer lässt die Stoffe in kleinen Webereien in Norditalien herstellen, manchmal auch nur 60 Meter.Bei ihm werde keine Ware weggeworfen, so Brülisauer. «Es ist verrückt, wie viele Kleider in der Textilindustrie im Abfall landen. Die Umwelt leidet, die Leute, die dort arbeiten, leiden. Die Massenproduktion ist einfach keine gute Sache.»Wo sind die guten Geschäfte und Verkäufer?In dem Preissegment, in dem sich Bruli bewegt, gibt es nicht mehr viele Hersteller. Auch die Herrenmodegeschäfte sind verschwunden. «Mit Fein-Kaller oder Bernie’s haben wir sehr gut zusammengearbeitet. Wenn man daran denkt, wie viele schöne Läden es vor zwanzig Jahren an der Bahnhofstrasse in Zürich gab – das ist alles vorbei. Jetzt gibt es nur noch: billig oder sehr teuer.»Traurig machen ihn die Verkäufer, die heute nur noch wenig Fachkenntnisse hätten. «Es fehlt oft an Wissen über hochwertige Materialien und Verarbeitung – etwa darüber, wie ein guter Perlmuttknopf beschaffen sein muss oder wozu der Spickel dient, wie wir ihn in unserer Alta-Sartoria-Linie verwenden.»Maria ist seit 36 Jahren Teil des Familienbetriebs. «Sie kennt praktisch jeden Kunden und Lieferanten persönlich.»Wozu dient denn ein Spickel? «Das Hemd kommt bei Bewegung weniger aus der Hose heraus. Hemden mit einem echten Spickel sind viel aufwendiger in der Herstellung, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe für die Näherinnen. Ein guter Verkäufer erklärt das den Kunden und weist sie auf solche Qualitätsmerkmale hin.» Nach seiner Erfahrung begnügen sich leider viele Verkäufer damit, die grossen bekannten Marken in den Vordergrund zu rücken – «man könnte doch auch einmal auf einen kleinen edlen Hemdenhersteller in der Schweiz hinweisen.»Auf dem Markt gebe es mittlerweile so extreme Preisunterschiede, dass die Konsumenten kaum mehr einschätzen könnten, was ein Produkt tatsächlich wert sei, sagt Brülisauer. Auch würden viele Menschen zwar gerne Produkte made in Switzerland kaufen, seien letztlich aber nicht bereit, den tatsächlichen Preis für die Herstellung in der Schweiz zu bezahlen. «‹Swiss made› wollen alle, doch bei dem Preis, den die Schweizer Qualität und Herstellung eben kostet, lässt die Begeisterung schnell nach.»Trotzdem glaubt Marco Brülisauer in Stabio fest an die Zukunft seiner «Swiss made»-Hemden. «Das Wichtigste sind beste Qualität und bester Service – dann sind die Kunden zufrieden und kommen zurück.»Passend zum Artikel