Pro ArtikelKrieg im Stundenplan: Wie das Putin-Regime schon die Kleinsten für die Front abrichtetVerhaltensnoten, militärische Grundausbildung, kaum Staatskunde: An Russlands neuen Lehrplänen lässt sich studieren, wie der Staat einen neuen Menschen formt.11.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIn einer Schule im Moskauer Stadtteil Marjina Roschtscha üben Erstklässler am Tag der offenen Tür mit Waffen.Yuri Kochetkov / ImagoAm Lyzeum Nummer 11 in Krasnojarsk, fünf Flugstunden von Moskau entfernt, hängen am Haupteingang bunte Ballone. Die Menschen wollen feiern, wollen den sogenannten «Tag des Wissens» begehen. Mädchen mit weissen Schleifen im Haar stehen im Halbkreis davor, Knaben in Anzügen blicken sich unsicher um, sie alle halten Blumen für ihre Lehrerinnen in den Händen. Ein Mann mit Gesichtstattoo und Pferdeschwanz tritt ans Mikrofon. «Wenn ihr wollt, dass die ganze Welt Russisch spricht, lernt den Aufbau eines Kalaschnikow-Gewehrs», sagt er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lehrer, Eltern, Kinder klatschen. Die Schulleitung wird später mitteilen, es sei «nichts Schreckliches passiert», der Redner habe lediglich von den Pflichten eines jeden vor dem Vaterland gesprochen. Der Mann in Schwarz, ein ehemaliger Söldner mit Vorstrafen, hat den Feiernden da längst zugerufen: «Der Sieg wird unser sein!» Aus den Lautsprechern dringt Musik in den Himmel von Krasnojarsk. So zeigen es Videos in den sozialen Netzwerken.«Wenn die Heimat ruft, müsst ihr bereitstehen»Es ist der 1. September, traditioneller Schulanfang quer durch Russland. Selbst in den meisten postsowjetischen Ländern fängt nach mehreren Wochen Ferien an dem Tag die Schule wieder an. In Russland beginnt sie mit dem Fahnenappell. Die russische Hymne ertönt, marschierend tragen ältere Schüler die russische Trikolore über den Schulhof, ein baldiger Maturand hebt dabei stets eine Erstklässlerin auf seine Schulter. Mit einer Klingel läutet diese den Schulbeginn ein. So war das früher, so ist es heute. Primarschüler sagen Gedichte auf, die Schuldirektorin spricht – und immer öfter geben sogenannte «SWOschniki» den Kindern Ratschläge fürs Leben mit auf den Weg. Das sind Teilnehmer an Russlands «militärischer Spezialoperation», wie Moskau den Krieg gegen die Ukraine offiziell bezeichnet.«Ihr lernt hier nicht für die Noten, ihr lernt fürs Vaterland. Wenn die Heimat euch ruft, müsst ihr bereitstehen», sagt ein Mann in Camouflage und mit Orden behängt an einer Schule in St. Petersburg. «Ihr seid ab heute Teil einer grossen, unbesiegbaren Macht», sagt ein ehemaliger Soldat an einem Gymnasium in Nischni Nowgorod. In manchen Schulen treten Kinderchöre auf und besingen «das hellste, stärkste, ruhmreichste Land: Russland mit seinem mächtigen Präsidenten». Am Ende des Schultages, bei den «Gesprächen über Wichtiges», einem erst 2022 eingeführten Patriotismus-Fach und mittlerweile Pflicht für alle ab der 1. Klasse, spricht dieser Präsident per Video zu den Schülern. Wladimir Putin sagt: «Es liegt an euch, die Siegesgeschichte unseres grossartigen Vaterlandes fortzusetzen.»Die Militarisierung ist längst in jedem staatlichen Klassenzimmer Russlands angekommen. Die Indoktrination hat System. Der Staat lässt kaum mehr Freiraum, sich ihm zu entziehen. Es geht nicht mehr um vereinzelte patriotische Initiativen, die es bereits auch vor dem Krieg in manchen Schulen gab – es ist die vollständige Durchdringung des Lehrplans.Im neuen Schuljahr gibt es drei neue Pflichtfächer, um die Kinder, wie die Behörden sagen, «moralisch und patriotisch zu erziehen». In «geistig-moralische Kultur Russlands» sollen sich Schüler ab Klasse 5 mit der Geschichte des Landes beschäftigen und «herausragende» Persönlichkeiten kennenlernen. Das sind nicht nur Zaren und Schriftsteller, das sind auch Frontkämpfer.In «Lebenssicherheit», auch das ein Pflichtfach, lernen die Schüler ab der achten Klasse nicht nur den Umgang mit Bränden und gefährlichen Substanzen, sondern auch, wie sie Verletzte versorgen und sich im Falle von Angriffen verhalten. Ebenfalls ab der Klasse 8 stehen in «Grundlagen der Sicherheit und der Verteidigung des Vaterlandes» das Ausheben von Schützengräben, das Entschärfen von Minen, die Steuerung von Drohnen im Simulator und der Umgang mit Gewehren wie der Kalaschnikow auf dem Stundenplan.Krieg als «Notwendigkeit» und «Befreiungsmission»Das Fach Staatskunde, in dem die Schüler den Aufbau eines Staates, seine Institutionen, seine Funktionen lernen sollen, taucht lediglich ab Klasse 9 auf, nicht wie früher bereits in der 6. Klasse. Das Buch dazu – das einzige, das in öffentlichen Schulen verwendet werden darf – hat der einstige russische Präsident und heutiger Vizeleiter des Sicherheitsrats, Dmitri, Medwedew, herausgegeben. Dieser wettert in seinen Blogs gegen den Westen, bezeichnet europäische Politiker als «Bastarde» und «Degenerierte» und droht immer wieder mit dem dritten Weltkrieg. Im Staatskunde-Buch wird Russland gehuldigt und vollkommene Loyalität gegenüber dem «siegreichen Vaterland» gefordert.Auch im einzigen Geschichtsbuch, vom Stalin-Apologeten und früheren Kulturminister Wladimir Medinski geschrieben, lernen die Schüler bereits ab Klasse 5 Russlands Geschichte als Geschichte des Heldentums kennen. Es wimmelt darin von «Feinden im Ausland», die nichts anderes im Sinn hätten, als «das positive Bild unseres Landes zu zerstören».Auch im immer wieder von der Ukraine beschossenen Belgorod hat am 1. September die Schule wieder angefangen.Anton Vergun / Sputnik via ImagoDie Sowjetunion wird als Erfolgsgeschichte dargestellt, die Epoche der 1990er Jahre als ein Haufen von Problemen. Gorbatschow gilt im Buch als jemand, der nichts von der Führung eines Landes verstand, Putin dagegen habe Russland stabilisiert. Ausschnitte aus etlichen Reden Stalins wie aus den Reden Putins sind in den Kapiteln abgedruckt. Der Krieg in der Ukraine wird als «Notwendigkeit» und «Befreiungsmission» gesehen und als Verhinderung eines Angriffs auf Russland beschrieben.Fremdsprachen hat das Bildungsministerium gekürzt. Nur noch zwei Stunden Englisch pro Woche bleiben landesweit. Eine zweite Fremdsprache ist an weiterführenden Schulen nicht mehr obligatorisch. Die 2024 eingeführte «Familienkunde» wird nun auch in der fünften Klasse unterrichtet. Hier lernen die Kinder, was ihre Aufgabe sei: Mädchen sollen, am besten schon vor Ende ihrer Schulzeit, Kinder gebären, Knaben fürs Vaterland kämpfen.Zu all dem soll die neu eingeführte Verhaltensnote nicht nur Teamwork und Disziplin bewerten, sondern auch die «gesellschaftlich nützliche Arbeit» – darunter fallen das Verfassen von Feldpostbriefen an Soldaten, das Flechten von Tarnnetzen und die Teilnahme an der «Junarmija», Putins Jugendarmee, oder der wieder eingeführten Pionierorganisation «Die Ersten», die ebenfalls Putin unterstellt ist. Es wird letztlich die Linientreue zum Regime benotet. Ist die Verhaltensbeurteilung schlecht, hat es der Jugendliche später schwerer, an einer Universität angenommen zu werden.Die Überwachung in den Schulen ist allgegenwärtig, nicht nur wegen der Kameras, die in den Schulzimmern hängen. Erziehungsberater sollen Kinder zu treuen Staatsbürgern machen. Mittels Leitfäden werden Lehrer dazu angehalten, regierungskritische Äusserungen von Schülern zu dokumentieren. Fragt ein Jugendlicher zum Beispiel nach der völkerrechtlichen Grundlage des Krieges, wie 2023 in einer Schule am Ural geschehen, kümmert sich das Jugendamt fortan um die «illoyale» Familie. Malt eine Schülerin eine ukrainische Flagge über eine Mutter und ihr Kind, wie die damals zwölfjährige Schülerin Mascha Moskaljowa im April 2022, zieht der Staat den Vater zur Verantwortung: Alexei Moskaljow kam für zwei Jahre in die Strafkolonie, Mascha in ein Heim. Mittlerweile leben Vater und Tochter in Frankreich.Gewalt als Norm«Es findet eine Umschmiedung von Kindern statt», sagt der russische Exilpädagoge Dima Zicer. Der Staat schicke Mörder und Verbrecher in die Klassenzimmer. «Es ist eine moralische Bankrotterklärung.» Unter dem Vorwand von Erziehung werde die völlige Unterwerfung gefordert. Und selbst wenn die Eltern zu Hause regierungskritisch seien, lerne das Kind das System des «Doppeldenks», es werde letztlich zu einem Zyniker, dem wenig heilig sei, einer Art neuer «homo sovieticus», für den Gewalt die Norm sei.Die einzige Rettung laut Zicer: «Homeschooling». Russlands Bildungsgesetz schreibt lediglich eine Bildungspflicht vor, eine Schulpflicht gibt es nicht. Die Zahlen der Homeschooler im Land sind in den vergangenen vier Jahren um das Doppelte gestiegen, sie liegen allerdings bei mickrigen 1,5 Prozent der knapp 17 Millionen russischer Schüler. Viele Eltern sagen, die Indoktrination werde ihren Kindern genauso wenig schaden, wie ihnen die sowjetische Indoktrination geschadet habe.Es ist ein Nichtsehenwollen, was in den Kindergartenräumen und den Klassenzimmern passiert. Ex-Soldaten stehen da in Sturmhauben und drücken schon Dreijährigen Gewehre und Handgranaten hin, «liebe Spiele» heisst der Patriotismus-Unterricht in den Kindergärten. Jedes kritische Wort, jede Weigerung, in der Schule mitzumarschieren, kann einen Besuch beim Jugendamt und die Einteilung in «schwererziehbar» nach sich ziehen. «Ich sehe da kein Licht am Ende des Tunnels», sagt die einstige Geschichtslehrerin Tamara Eidelman, die mittlerweile im Exil lebt, in einem Interview mit dem exilrussischen TV-Sender Doschd.Dem Staat huldigen: Kinder feiern ihren Schulstart in einer Schule in Moskau.Artyom Geodakyan / ImagoPassend zum Artikel