Als ich nach der Wahl die ersten Reaktionen auf Sachsen-Anhalt las, war da oft von einem politischen Erdbeben die Rede. Knapp 44 Prozent für die AfD. Die Partei, die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, ist stärkste Kraft. Das ist bedrückend. Aber mich beschäftigt an diesem Ergebnis noch etwas anderes.Warum sprechen wir jetzt wieder so selbstverständlich über Muslime und Migranten als diejenigen, die vor dem Rechtsextremismus geschützt werden müssen? Warum sprechen wir so selten über sie als diejenigen, die die Demokratie stärken könnten? Ich halte das für einen grundlegenden politischen Fehler.Nicht aus Mitleid mit ihnen. Und auch nicht, weil Muslime oder Migranten per se die besseren Demokraten wären. Sondern weil eine Demokratie ihre Widerstandskraft nicht nur aus Institutionen bezieht. Sie braucht Menschen und Gemeinschaften, die sie tragen. Dort liegt eine bislang kaum ausgeschöpfte Ressource.Seit Jahren wird das Leben von Muslimen und Migranten in Deutschland überwiegend problemorientiert beschrieben: Integrationsdefizite, Islamismus, Sicherheit, Parallelgesellschaften.Selbst dort, wo die Absicht wohlwollend ist, bleibt die Grundannahme oft dieselbe: Migranten sind zunächst Teil eines politischen Problems, und Muslime sind Menschen, über deren Integration gesprochen wird.Dabei tragen Muslime und Migranten diese Gesellschaft längst mit – als Kolleginnen und Kollegen, als Chefinnen oder Chefs, als Steuerzahlende, durch Unternehmensgründungen. Als Personalberater sehe ich das jeden Tag im Alltag von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Unternehmen, von Schulen und Universitäten, im Handwerk, in der Forschung, in Verwaltungen und in der digitalen Wirtschaft. Das ist keine Erfolgsgeschichte, die man sich extra schönreden muss. Das ist Normalität.Natürlich gibt es innerhalb muslimischer und migrantischer Milieus Probleme, Rückzug und politische Selbstbezogenheit. Muslimische Gemeinden und migrantische Organisationen müssen sich fragen lassen, ob sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Wer Anerkennung verlangt, sollte selbst bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.Und ebenso muss sich auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft bewegen – raus aus ihrem Widerspruch: Wenn sie einerseits von Muslimen und Migranten Integration und gesellschaftliche Verantwortung verlangt und diese zugleich politisch weiterhin als Sondergruppe behandelt, funktioniert das nicht. Das produziert nur die jene Entfremdung, über die anschließend beklagt wird.Und hier beginnt das eigentliche Problem mit der AfD. Natürlich ist ihr Wahlerfolg nicht allein mit Migrationsskepsis, Muslim- oder Fremdenfeindlichkeit zu erklären. Die Gründe liegen auch in wirtschaftlicher Unsicherheit, politischer Enttäuschung, einem verbreiteten Gefühl des Kontrollverlusts und der Ziellosigkeit und in der Zerstrittenheit der etablierten Parteien. Eine unbequeme Wahrheit für mein eigenes Milieu Die AfD hat es vermocht, für diese vielen Unzufriedenheiten das eine Gegenüber, das eine Feindbild zu schaffen. Als Gruppe, an der sich die Vorstellung eines vermeintlich verlorenen Deutschlands festmachen lässt, eignen sich Muslime und Migranten besonders gut.Diese Gruppe jetzt aber nach dem Wahlergebnis und dem mutmaßlichen Anwachsen von Migrantenfeindlichkeit und ungenierter auftretendem Rechtsextremismus schützen zu wollen, reicht nicht. Das wäre eine paternalistische Antwort auf ein Problem, das tiefer reicht.Muslime und Migranten können nicht auf Dauer verlangen, als gleichberechtigte Bürger behandelt zu werden, wenn sie sich selbst politisch vor allem als Opfer einer Mehrheitsgesellschaft verstehen.Asif MalikDemokratie besteht nicht nur darin, gegen die AfD zu demonstrieren. Demokratie besteht darin, Institutionen zu besetzen, Unternehmen aufzubauen, Vereine zu führen, Nachbarschaften zu organisieren und politische Entscheidungen mitzugestalten. Genau an diesem Punkt liegt auch eine unbequeme Wahrheit für mein eigenes Milieu.Muslime und Migranten können nicht auf Dauer verlangen, als gleichberechtigte Bürger behandelt zu werden, wenn sie sich selbst politisch vor allem als Opfer einer Mehrheitsgesellschaft verstehen. Wer gesellschaftliche Anerkennung will, muss auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Religion kann dafür eine Kraft sein. Sie darf aber nicht zum Rückzugsraum werden, in dem jede Kritik als Angriff auf die eigene Identität abgewehrt wird.Umgekehrt muss die Mehrheitsgesellschaft akzeptieren, dass muslimische und migrantische Bürger nicht erst dann interessant werden, wenn sie ein Problem darstellen oder eine Wahl entschieden werden soll.Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um die Frage, wem wir zutrauen, dieses Land mitzugestalten. Wir sollten in Zukunft seltener die Frage stellen, wer sich wie integriert hat oder sich deutsch fühlt. Die interessantere Frage wäre, wer welche Verantwortung übernehmen will.Ich glaube deshalb, dass die entscheidende Auseinandersetzung mit der AfD dort stattfindet, wo Menschen entscheiden, ob sie sich zurückziehen oder Verantwortung übernehmen.Und das könnte die politische Ironie dieser Wahl werden: Eine Partei, die Muslime und Migranten zu einem Feindbild macht, könnte unfreiwillig dazu beitragen, dass Deutschland endlich erkennt, welches demokratische Potenzial es bisher zu oft übersehen hat.
Der AfD-Erfolg und die Zugewanderten: Migranten müssen jetzt keine Angst haben – sie müssen aber endlich mal etwas tun!
Warum betrachten wir Migranten und Muslime immer noch überwiegend als diejenigen, die vor Rechtsextremismus geschützt werden müssen – und so selten als Teil der demokratischen Antwort darauf?











