Bis Ende August sind in den USA mehr als 3100 Masernfälle offiziell bestätigt worden, es ist der höchste Stand seit mehr als 30 Jahren. Den Behörden in Pennsylvania zufolge sind zwei Kinder an der Virusinfektion gestorben. Die Bundesbehörde CDC will sie aber nicht als Maserntodesfälle führen. Was ist da los? Und was bedeutet das alles für die Gesundheit der US-Amerikaner? Fragen an den Infektiologen Demetre Daskalakis, der mehrere Jahre bei den CDC gearbeitet und im Sommer 2025 unter Protest gekündigt hat.SZ: Die CDC und die Behörden von Pennsylvania streiten gerade darüber, wie viele Kinder in diesem Jahr in den USA schon an Masern gestorben sind. Was denken Sie?Demetre Daskalakis: Der Bundesstaat Pennsylvania hat die Fälle geprüft und mitgeteilt, dass es zwei Tote durch Masern gab. Ich denke also, dass zwei die Antwort ist.Ist es nicht absurd, dass wir bei dieser Frage überhaupt über Glauben und Meinen sprechen? Müssten da nicht Fakten zählen?Das ist in der Tat seltsam. Aber es passt zu dem, was wir derzeit bei der Führung des Gesundheitswesens in den USA beobachten. Auf Fakten wird da nicht viel gegeben. Dafür gibt es viele Versuche, die Auswirkungen von Krankheiten, die sich eigentlich durch Impfungen und Prävention verhindern ließen, herunterzuspielen. Man muss ja bedenken: Die Todesfälle sind nur das Extrem. In Pennsylvania sind jetzt mehr als 400 Menschen mit Masern infiziert, 83 mussten im Krankenhaus behandelt werden, vor allem von den Kindern werden einige schwere Komplikationen erleben, darunter Lungen- und Gehirnentzündung.Sie waren selbst fünf Jahre bei den CDC. Kennen Sie aus Ihrer Zeit Streit über Zahlen zu Krankheitsfällen?Nein, keineswegs. Ich war Direktor des National Center for Immunization and Respiratory Diseases, die Bekämpfung der Masern lag in meinem Verantwortungsbereich. Es war unter früheren Regierungen absolut unüblich, dass Meldungen aus Bundesstaaten nicht anerkannt wurden.Demetre Daskalakis war von 2020 bis 2025 bei den CDC, zuletzt als Direktor des National Center for Immunization and Respiratory Disease. Heute arbeitet er bei der Wellness Equity Alliance, einer Non-Profit-Organisation, die benachteiligten Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung ermöglicht.ohWie müsste es aus Ihrer Sicht laufen?Es gibt eigentlich standardisierte Prozesse dafür. Wenn es in einem Bundesstaat Fälle oder gar Todesfälle meldepflichtiger Erkrankungen gibt, dann werden diese anhand wissenschaftlich etablierter Falldefinitionen überprüft. Schließlich melden die Gesundheitsbehörden des Bundesstaates die verifizierten Fälle an die CDC, und die nehmen sie in ihre Statistiken auf.Todesfälle durch Masern gab es in den USA davor zuletzt Anfang 2025 in Texas, da arbeiteten Sie noch bei den CDC, Trump war gerade zum zweiten Mal Präsident geworden, Kennedy Gesundheitsminister. Wie lief es da ab?Da war noch alles normal. Infolge eines Ausbruchs kam es in Texas kurz nacheinander zu zwei Todesfällen bei Kindern, den ersten seit zehn Jahren in den USA. Texas meldete sie, die CDC überprüften die Angaben, danach veröffentlichten sie die Fälle und schickten finanzielle Unterstützung, Impfstoffe und Personal los. So gehört sich das auch. Fallzahlen sollten kein Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen zwischen Behörden sein. Aber heute leugnet die US-Regierung die Maserntodesfälle einfach.Sie meinen, die CDC müssen tun, was die Regierung vorgibt?Die CDC scheinen nicht mehr besonders unabhängig zu sein. Wenn man sich vor Augen führt, was mit der letzten CDC-Direktorin Debra Houry passiert ist: Von ihr wurde verlangt, dass sie ohne irgendeine wissenschaftliche Prüfung allem zustimmt, was von der Führung des Gesundheitsministeriums kam. Daraufhin trat sie zurück. Inzwischen greifen die CDC sogar Bundesstaaten wie Pennsylvania in den sozialen Medien politisch an. Das ist keine Behörde mehr, die unvoreingenommen im Sinne der öffentlichen Gesundheit handelt. Stattdessen wird sie als politisches Werkzeug missbraucht.Wie wirkt sich das auf die Gesundheit der Menschen in den USA aus? Infektionskrankheiten scheinen gerade um sich zu greifen, nicht nur die Masern.In den letzten Wochen hatten wir einen schwer einzudämmenden Ausbruch einer ernsten Durchfallerkrankung mit dem Namen Cyclosporiasis. Ein Problem war hier, dass die CDC kurz zuvor die bundesweite Überwachung dieser Erkrankung eingestellt hatte. Vor diesem Hintergrund sind öffentliche Streitereien zwischen den Behörden von Staat und Bundesstaaten wirklich das Letzte, was wir brauchen. Die Behörden sollten ihre Kräfte lieber in den Infektionsschutz stecken. Dazu gehört auch eine transparente Überwachung. Denn nur wenn Fälle konsequent gesammelt und veröffentlicht werden, lassen sich Ausbrüche schnell erkennen und eindämmen.Was bedeutet das alles für die Glaubwürdigkeit der CDC?Wenn die Behörde als eine Art Werkzeug für einen Minister fungiert, dessen Mission stets darin bestanden hat, das Vertrauen in Impfstoffe zu erschüttern, dann kann man den Informationen aus dieser Behörde kaum noch glauben. Auf dem Höhepunkt der Masernwelle in Texas rief Gesundheitsminister Kennedy nicht etwa zu Impfungen auf, sondern verbreitete bei Fox News die falsche Behauptung, dass die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln mehr Todesfälle fordern würde als die Masern selbst. Dabei isst er Pommes frites. Wenn die CDC der Desinformation durch die Regierung nichts entgegensetzen, wird dies erhebliche Auswirkungen auf die Behörde und ihre Rolle als Stimme der öffentlichen Gesundheit in den USA haben. Umfragen zeigen bereits, dass das Vertrauen in die CDC gesunken ist.Viele Experten haben inzwischen die Gesundheitsbehörden verlassen, auch Sie. Wäre es nicht besser gewesen, wenn Sie geblieben wären, um dem etwas entgegenzuhalten?Als Arzt habe ich den hippokratischen Eid abgelegt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich von einer Tätigkeit, mit der ich der Gesundheit der Menschen helfe, hin zu einer Tätigkeit bewege, die ihnen schadet. Damit war für mich die Grenze erreicht. Ich konnte meine Aufgabe nicht mehr verantwortungsvoll erfüllen.Und jetzt? Was können Sie nun noch gegen die Entwicklung tun?Ich erhebe jetzt meine Stimme von außen und melde ich mich immer wieder zu Wort. Ich weiß nicht, wie viel dadurch verändert wird, aber zumindest entsteht so eine Dokumentation dessen, was normal ist und was früher funktioniert hat, um die Gesundheit der Menschen zu schützen. Ich bereue meine Entscheidung daher nicht. Für die Gesundheit der Bevölkerung war es die richtige Entscheidung.