Erstmals seit 35 Jahren hat es im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania zwei Maserntote gegeben. Die Zahl der Masernfälle in den Vereinigten Staaten hat zudem einen Höchststand erreicht: Anfang September waren 3134 Fälle bestätigt – in 47 Bundesstaaten. Das sind so viele wie seit dem Jahr 1991 nicht mehr. Besonders betroffen sind Spartanburg in South Carolina, Bezirke in Virginia und Utah, Hudspeth in Texas und Lancaster in Pennsylvania.In Pennsylvania allein wurden in diesem Jahr schon 577 Fälle gemeldet. Alle Infizierten waren nicht oder nicht vollständig geimpft, 98 mussten im Krankenhaus behandelt werden. Wie Pennsylvanias Gesundheitsministerin Debra Bogen bestätigte, waren die beiden Todesfälle gründlich epidemiologisch überprüft und erst dann an die nationale Gesundheitsbehörde CDC gemeldet worden.Üblicherweise übernehmen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) die von den Bundesstaaten an sie gemeldeten Zahlen und stellen sie nicht infrage. Stattdessen aber entbrannte ein Streit zwischen Donald Trumps Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. und dem Gouverneur des Bundesstaats, Josh Shapiro. Kennedy gilt als Impfgegner; der Demokrat Shapiro macht ihn mitverantwortlich für die Masernausbrüche in den Vereinigten Staaten. Von 2015 bis 2023 hatte Kennedy die Anti-Impfstoff-Organisation Children’s Health Defense geleitet und in dieser Zeit immer wieder behauptet, dass Impfstoffe Autismus und Autoimmunkrankheiten verursachen könnten, was wissenschaftlich durch eine Vielzahl von Studien widerlegt ist.Überarbeitung der Impfempfehlungen für KinderVor vier Wochen unterzeichnete Präsident Trump in Anwesenheit seines Gesundheitsministers ein Dekret zur Überarbeitung der Impfempfehlungen für Kinder. Die Anordnung sieht unter anderem vor, die kombinierte MMR-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln durch drei Einzelimpfungen zu ersetzen. Trump begründete den Schritt abermals mit einem möglichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus.Genau das wirft Shapiro Kennedy und der Trump-Regierung vor, dass ihre Handlungen und ihre Rhetorik, was Impfungen angeht, „negative Auswirkungen auf die Gemeinden in ganz Amerika haben, besonders hier in Pennsylvania“. Kennedy wiederum beschuldigte den Gouverneur der Angstmacherei, die Todesfälle seien von Shapiros „übereifrigen Mitarbeitern“ erfunden worden, um die Erzählung zu unterstützen, dass Maserninfektionen gefährlicher seien als in Wirklichkeit. Die Gerichtsmediziner in Lancaster County hätten auch keine Aufzeichnungen über masernbedingte Todesfälle, behauptete Kennedy.Dem folgten die CDC, die Kennedy unterstehen. Die neue Direktorin der Behörden, Erica Schwartz, wies ihre Mitarbeiter an, die zwei von Pennsylvania gemeldeten Masern-Todesfälle mit einem Vermerk zu versehen. Auf der Website heißt es nun, dass die verfügbaren Informationen nicht den Schluss zulassen würden, „ob Masern die Todesursache waren oder dazu beigetragen haben oder ob die Betroffenen aus anderen Gründen starben, während sie mit Masern infiziert waren“.Transparenz und Ehrlichkeit als Grundprinzip der Trump-RegierungKennedys Ministerium teilte dazu mit, dass die beiden von Pennsylvania gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit Masern auf der Grundlage der von der CDC derzeit vorliegenden Informationen nicht bestätigt seien. „Die aktuell veröffentlichten Informationen spiegeln den besten verfügbaren Wissensstand sowie unser Bekenntnis zu Transparenz und Ehrlichkeit gegenüber der amerikanischen Bevölkerung wider – ein Grundprinzip der Trump-Regierung.“Bei beiden Todesfällen handelt es sich um Säuglinge, die positiv auf Masern getestet wurden. Das eine Kind hatte zudem eine Milzruptur, die für den Tod mitursächlich gewesen sein könnte. Das andere litt an einer genetischen Erkrankung, einer schweren Form der Mikrozephalie, die so nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft der Amischen in Pennsylvania vorkommt. Trotzdem werden Todesfälle als „masernassoziiert“ eingestuft, wenn Labortests oder epidemiologische Beweise für die Infektionskrankheit vorliegen. Im zweiten Fall bestätigte zudem der für den Lancaster-Bezirk zuständige Gerichtsmediziner Stephen Diamantoni am Freitag, dass Masern die Todesursache gewesen seien.Erica Schwartz, erst seit dem 12. August im Amt, lässt sich und ihre Behörde mit ihrem ungewöhnlichen Vorgehen in eine hochpolitische Auseinandersetzung hineinziehen: Waren die Todesfälle eine Folge der Masern, oder fielen sie lediglich zeitlich mit der Infektion zusammen? Das Szenario erinnert an ähnliche Auseinandersetzungen über Todesursachen während der Corona-Pandemie.Der größte Teil der in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten registrierten Masernfälle (1993) betrifft Kinder und Jugendliche im Alter bis 19 Jahre. Rund 94 Prozent von ihnen waren nicht geimpft, oder ihr Impfstatus war unbekannt. 116 von ihnen mussten stationär im Krankenhaus behandelt werden. Die sogenannte Kinderkrankheit, die durch das Masernvirus hervorgerufen wird, kann lebensbedrohlich sein und zu Lungen- und Hirnentzündungen führen. Bis zu drei von 1000 Fällen verlaufen tödlich.Die Masern galten in den Vereinigten Staaten seit dem Jahr 2000 offiziell als ausgerottet. Sinkende Impfquoten gefährden allerdings die Herdenimmunität, die eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent erfordert. Die Wissenschaft ist sich einig, dass Masern die ansteckendste der durch eine Impfung vermeidbaren Krankheiten sind. Der Masern-Mumps-Rubella-Impfstoff bietet allerdings einen hohen Schutz. Die empfohlenen zwei Dosen beugen zu etwa 97 Prozent einer Maserninfektion wirksam vor. Deshalb halten Experten Todesfälle durch Masern für vermeidbar.
Masern in den USA: So viele Infektionen wie seit 35 Jahren nicht
Die Masern galten in den USA als ausgerottet. Nun gibt es so viele Infektionen und Todesfälle wie seit 1991 nicht mehr. Welche Rolle spielt dabei die Impfpolitik?







