Man kann sich natürlich fragen, was es bringen soll, die Stimmenabgabe für eine rechtsextreme Partei noch einmal säuberlich unterscheiden zu wollen von den womöglich nicht rechtsextremen Motiven und Einstellungen zumindest bei einem Gutteil dieser Wählerschaft. Der Grad der Identifizierung mit Programm und Spitzenpersonal von Parteien überhaupt ist ja höchst unterschiedlich, nicht nur bei den Links- und Rechtsextremen. Wie heißt es so schön? Man kann in andere Köpfe nicht hineinschauen, und sogar sich selbst und seinem eigenen Unbewussten gegenüber ist bei allem Anspruch auf Selbstreflexion eine agnostische Haltung ratsam, jedenfalls wenn es um Einblick in die „wahren“ Motive geht. Demoskopische Institute nehmen genau deshalb auch keine ideologische Qualifikation von Personen vor, sondern fragen nach belastbaren Anhaltspunkten für Einstellungen und Gesinnungen, worunter der flüchtige Ärger über die Tankquittung genauso fällt wie die radikale Anhänglichkeit an ein Remigrationskonzept als Heilsversprechen.Das vorneweg geschickt, lassen sich sehr wohl sogenannte Kernüberzeugungen abfragen, zumal entlang von Handlungen und Haltungen, wie es die Infratest-dimap-Gesellschaft für Trend- und Wahlforschung zu tun pflegt, bekannt für die Prognosen und Hochrechnungen an den Wahlabenden. Und hier nur so viel zu der naturgemäß komplexen Motivdarstellung: Auch bei den AfD-Wählern gibt es nicht nur rechtsradikal Kernüberzeugte, wie es gelegentlich erwähnte, dann aber ungenannt bleibende „Studien“ angeblich wissen wollen.Vielmehr schildert Infratest dimap in der Sonderuntersuchung „Wie rechts denkt Deutschland?“, dass 18 bis 27 Prozent der AfD-Anhänger ein manifest rechtsextremes Weltbild aufweisen und weitere 22 bis 25 Prozent als ausgeprägt rechts gehandelt werden. Was bedeuten würde, dass 40 bis 50 Prozent der AfD-Wählerschaft im ausgeprägt rechten bis rechtsextremen Spektrum anzusiedeln sind. Aber schon klar: Es bleiben 100 Prozent dieser Wählerschaft, die AfD wählen. Das mag man auch ohne weitere Motivforschung verhängnisvoll genug finden.„Da sagen die Leute irgendwann: Dann bin ich halt ein Nazi“In der Logik einer differenzierten Erhebung von Einstellungen liegt dann auch die Bitte um eine Stellungnahme zu der Aussage: „Es ist mir egal, dass die AfD teilweise als rechtsextrem gilt, solange sie die richtigen Themen anspricht.“ 66 Prozent der AfD-Anhänger stimmten in den bundesweiten Untersuchungen des ARD-Deutschlandtrends von Infratest dimap der zitierten Aussage zu. Insofern handelt es sich um eine datengestützte Feststellung und nicht um eine gefühlte Phantasie, wenn der Soziologe Hartmut Rosa in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zum Wahlerfolg der AfD anmerkt: „Da sagen die Leute irgendwann: Dann bin ich halt ein Nazi.“ Und dabei denken: ohne dass ich tatsächlich ein Nazi wäre.Das komme davon, so Rosa, wenn bei gewissen Themen „anderer Meinung“ zu sein automatisch mit dem Risiko verbunden sei, „als Undemokrat, gar als Nazi“ dargestellt zu werden. Der Eindruck, ob dieser nun zutrifft oder nicht, herrsche vor und sei als solcher politisch relevant, erörterungsbedürftig, der Eindruck nämlich, „es gebe eine offiziell richtige Meinung bei allen Streitfragen, beim Klimaschutz, beim Gendern, beim Impfen, in der Ukraine-Frage, und wenn du die nicht teilst, bist du ein Nazi, kein Demokrat“.Dem in Teilen etwas verquasselt wirkenden Interview kommt doch das Verdienst zu, den Finger auf eine kommunikative Arroganz zu legen, die darin besteht, es sich mit der antifaschistischen Widerrede gelegentlich oder gar systemisch zu einfach zu machen. Da werden „Studien“ aufgerufen in der Meinung, keinen näheren Beleg schuldig zu sein, wenn eine entsprechend vage Einlassung nur hinreichend AfD-kritisch ausfällt. Da wird Nassforsches als politisches Argument gehandelt wie die Behauptung, AfD-Leute würden lügen, sobald sie den Mund aufmachten.Und da gibt es auch bei Journalisten und anderen öffentlichen Figuren die impulsgeleiteten Seitenwechsler, in der Wahlforschung als Renegaten gehandelt, die eine ausgeprägt rechte, gar rechtsextreme eigene Vergangenheit nun überkompensieren in dem Wunsch, auch endlich einmal auf der richtigen Seite die Dinge auf- und vorzuschreiben. Über die kontraproduktiven, der AfD nur nutzenden Wirkungen solcher charakterlichen Deformationen, solcher irgendwie hingedrehten Wahrheiten, gibt man sich dann fassungslos.