Ernst Gerhardt ist ein Phänomen. Als der frühere Frankfurter Stadtkämmerer die 95 überschritten hatte, steuerte er gut gelaunt und selbstbewusst sein neues Ziel an: 100 Jahre. Dann wurde er 100 und setzte klaren Verstandes und voller Optimismus seine Lebensreise fort. Im vergangenen Jahr, bei der Feier zu seinem 104. Geburtstag im Union Club, lud er seine dort anwesenden Angehörigen, Freunde und Mitstreiter schon vorsorglich zu seinem 105. Geburtstag ein: derselbe Ort, dasselbe Datum, dieselbe Uhrzeit – nur ein Jahr weiter im Weltenlauf.Tatsächlich freuen sich die Geladenen auf das Geburtstagsessen am Donnerstagabend in der Villa Merton. Petra Roth, die er in der CDU gefördert und damals maßgeblich mit ins Oberbürgermeisteramt gebracht hatte, wird vermutlich eine launige Rede halten. Das ist schon Tradition. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird auch der frühere Bundesminister Heinz Riesenhuber, ein alter Frankfurter CDU-Mitstreiter, sein Glas auf den Jubilar erheben. Und der auch von Gerhardt geförderte Uwe Becker, einst Bürgermeister und Kämmerer, heute Antisemitismusbeauftragter des Landes Hessen, dürfte ebenso dem Stadtältesten, der Gerhardt qua Titel und womöglich bald schon in Wirklichkeit ist, die Ehre erweisen.Natürlich wird auch Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) ein Loblied auf den Jubilar singen – spätestens bei dem vom Magistrat ausgerichteten Geburtstagsempfang am 14. September im Kaisersaal des Rathauses Römer. Nun, da Gerhardt der politische Kaiser Frankfurts ist, könnte man fast schon auf den Gedanken kommen, die Herrscherbilder dort um ein neues Werk zu ergänzen.Mehr als ein Jahrhundert Stadtgeschichte erlebtKaum zu glauben, was Gerhardt alles erlebt hat in den zurückliegenden 105 Jahren. Als Knirps auf der Schulter seines Vaters sah er zu, wie Oberbürgermeister Ludwig Landmann 1926 die wieder aufgebaute Alte Brücke eröffnete. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verweigerte er sich der Hitlerjugend (HJ) und blieb katholischer St.-Georgs-Pfadfinder. Als diese von den Nationalsozialisten verboten wurden, fand er Zusammenhalt in katholischen Jugend.Die Firma Braun, die ihn auch ohne HJ-Ausweis als kaufmännischen Lehrling annahm, wurde beruflich seine Heimat. Nach einem wenig beschwerlichen Kriegsdienst in einer Schreibstube der Marine kehrte er zu Braun zurück, machte Karriere und wurde sogar Betriebsrat. Als Anhänger der katholischen Soziallehre engagierte er sich in der CDU, wurde Stadtverordneter, Dezernent und am Ende Stadtkämmerer.In dieser Funktion ermöglichte er den Bau des Museumsufers, der Ostzeile des Römerbergs, des Museums für Moderne Kunst, den Wiederaufbau der Alten Oper und die Umwandlung des Mousonturms in eine Kulturstätte sowie manch anderes Projekt. Der Aufstieg Frankfurts zu einer Kulturmetropole verdankte sich zu einem nicht geringen Teil dem Wirken Gerhardts. Zusammen mit dem sozialdemokratischen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann und dem CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann hat er seine Heimatstadt, die damals einen ausgesprochen schlechten Ruf hatte, zu einer attraktiven, blühenden Großstadt gemacht.Karrierebesessenheit kannte Gerhardt nicht: Er wurde in alle seine Ämter und Positionen gerufen, hat sie alle gewissenhaft und mit hohem Fleiß sowie Geschick ausgefüllt. Seine Macht bestand nicht zuletzt darin, dass er die Stadt und ihre Verwaltung bis in die kleinste Verästelung hinein kannte und deshalb kluge, pragmatische Lösungen finden konnte. Gerhardt betrieb keine Konfrontationspolitik, sondern setzte auf schrittweise Verbesserungen und auch auf Kooperation mit dem politischen Gegner. Die heutige Politikergeneration kann davon nur lernen.
Von ihm sollten Merz und Co. lernen: CDU-Politiker Ernst Gerhardt wird 105
Zur Feier seines 105. Geburtstags hat er schon vor einem Jahr eingeladen. Vom Optimismus und Pragmatismus des früheren Frankfurter Stadtkämmerers Ernst Gerhardt sollten jüngere Politiker lernen.






