Reliquien sollen es richten – nun mobilisiert Russland auch noch religiöse Wunderkräfte für die Front in der UkraineDie kürzlich gefundenen Gebeine des heiligen Fürsten Donskoi kommen Putin gut zupass. Der mittelalterliche Superheld, der einst die Mongolenhorde besiegte, soll Russland zum Sieg verhelfen. Die imperiale Instrumentalisierung der Religion hat schon lange System.Ulrich M. Schmid10.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDüster entschlossen: Wladimir Putin ehrt während eines Gottesdienstes in der Erzengel-Michael-Kathedrale des Kremls am 20. August die Reliquien des Grossfürsten Dmitri Donskoi.Vyacheslav Prokofyev / Sputnik via Reuters«In der Erzengelskathedrale des Moskauer Kremls hat sich ein wahres Wunder ereignet. Im Zuge von Renovationsarbeiten wurden die Gebeine des heiligen, frommen Fürsten Dmitri Donskoi gefunden. Es besteht kein Zweifel: Dieses Ereignis ist ein direkter Segen Gottes für Russland und die russische Armee.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So triumphierte der ultranationalistische Oligarch Konstantin Malofejew kürzlich auf seinem Telegram-Kanal. Malofejew bezeichnet sich selbst als «orthodoxen Monarchisten», finanziert bigotte Medienkanäle und ist in zweiter Ehe mit der russischen «Kinderschutzbeauftragten» Maria Lwowa-Belowa verheiratet, gegen die – ebenso wie gegen Putin – ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen Entführung ukrainischer Kinder besteht.Drei Knochen des heiligen Dmitri Donskoi sollen nun als Reliquien in je einen Schrein gepackt werden. Anschliessend werden sie auf das Gefechtsfeld verfrachtet, wo die russischen Soldaten sie anbeten können. Diese Praxis ist nicht neu, aber mit Dmitri Donskoi hat die Rekrutierung und Abkommandierung von verstorbenen Heiligen an die ukrainische Front eine neue Prominenzstufe erreicht. Die Bedeutung dieses Aktes wurde durch Putins persönliche Anwesenheit bei der Öffnung des Sarkophags unterstrichen.Wider die «globalistische Aggression»Der Moskauer Fürst Dmitri Donskoi gilt in Russland als historischer Superheld, der im Mittelalter die Mongolenhorde besiegt hatte. In Malofejews Worten: «Im Jahr 1380 vereinte Dimitri Donskoi auf dem Schnepfenfeld die zuvor zersplitterten Fürstentümer zu einem einzigen russischen Volk. Dieser Sieg war der Vorbote unserer Souveränität und der grossen Mission Moskaus als Drittes Rom.»In solchen Formulierungen ist natürlich der Wunsch Vater des Gedankens. Von einem «russischen Volk» konnte im 14. Jahrhundert noch lange keine Rede sein. Die Fürstentümer waren nicht nur zersplittert, vielmehr war sogar Dmitri selbst gegen rivalisierende Herrscher in Twer und Rjasan zu Felde gezogen. Auch stellte die Niederlage der Mongolen nur einen Etappenerfolg für Dmitri dar. Schon zwei Jahre später plünderte der Mongolenführer Toktamisch Moskau und unterwarf Dmitri erneut.Die Tatsache, dass die Mongolen auf dem Schnepfenfeld auch genuesische Söldner angeheuert hatten, wird von Malofejew so verdreht, dass die Mongolenhorde ein «Werkzeug in den Händen des Westens» gewesen sei. Deshalb bedeute die Schlacht auf dem Schnepfenfeld «den ersten historischen russischen Sieg über die globalistische Aggression».Die Instrumentalisierung der Religion für Russlands imperiale Obsessionen ist nicht neu. Im März 2024 verabschiedete die russisch-orthodoxe Kirche unter dem Vorsitz von Patriarch Kirill ein Dokument, in dem die «militärische Spezialoperation» in der Ukraine offen als «Heiliger Krieg» bezeichnet wurde. Russland und das russische Volk erfüllten in diesem dogmatischen Text angeblich die Rolle eines «Aufhalters», der die Welt vor dem «Ansturm der Globalisierung» und dem «satanischen Westen» rette.Der Begriff des «Katechon» (Aufhalters) ist durch Carl Schmitts Geschichtsphilosophie berühmt geworden. Schmitt konnte sich die Geschichte nur als Heilsgeschichte vorstellen und war von der biblischen Figur des Katechon fasziniert, der den Staat vor dem Kommen des Antichrist bewahren soll. Solch eschatologische Überlegungen haben heute in Russland Hochkonjunktur. Der rechtsradikale Philosoph Alexander Dugin gründete gemeinsam mit Konstantin Malofejew nach der Annexion der Krim in Moskau sogar eine Denkfabrik mit dem Namen Katechon. Dugin hat auch Putin in seine Historiosophie aufgenommen und ihn als Aufhalter bezeichnet.Mittlerweile ist die Rede vom «westlichen Satanismus» bei führenden russischen Politikern salonfähig geworden. Dem ehemaligen Sekretär des Rats für nationale Sicherheit Nikolaj Patruschew, Aussenminister Lawrow und natürlich auch Präsident Putin geht der Vorwurf, der Westen sei dem Teufel verfallen, leicht von den Lippen.Der Held steht im Licht: Dmitri Donskoi in der Schlacht auf dem Kulikowo Pole, 1380. Gemälde von Adolphe Yvon, 1848.PDVon Sieg zu SiegBereits 2020 weihten Präsident Putin, Patriarch Kirill und der damalige Verteidigungsminister Sergei Schoigu die Hauptkirche der russischen Streitkräfte im militärischen Freizeitpark Patriot unweit von Moskau ein. Das gigantische Bauwerk ist in einer grotesken Mischung aus tarnfarbengrünem Mauerwerk und goldenen Kuppeln gehalten.Die Architektur folgt einer aufdringlichen Symbolik. Die Hauptkuppel der Kathedrale hat einen Durchmesser von 19,45 Metern und spiegelt das Enddatum des Zweiten Weltkriegs. Die Höhe beträgt 22,43 Meter, das entspricht der Uhrzeit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht vor der Roten Armee in Karlshorst. Der sowjetische Sieg über Hitlerdeutschland ist der wichtigste Geschichtsmythos der Putin-Ära. Der Hitler-Stalin-Pakt wird konsequent ausgeblendet, und das amerikanische Lend-Lease-Programm für die Rote Armee wird von Putin nur bei ausgewählten Gelegenheiten erwähnt, so etwa während Trumps verunglücktem Friedensgipfel in Alaska im August 2025.Sogar die russischen Nuklearwaffen werden religiös geläutert. 2005 ernannte Patriarch Kirill Admiral Fjodor Uschakow zum Heiligen für die strategischen Nuklearbomber. Während der napoleonischen Kriege hatte Uschakow die russische Flotte im Mittelmeer von Sieg zu Sieg geführt. 2007 definierte Präsident Putin in einer Rede zwei Säulen der Sicherheit Russlands: die nukleare Bewaffnung und den orthodoxen Glauben.Im selben Jahr wurde Seraphim von Sarow von der orthodoxen Kirche zum Schutzpatron der Atomstreitkräfte ernannt. Zu dieser Ehre kam der Asket aus dem 19. Jahrhundert, weil in Sarow kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten sowjetischen Atomwaffen entwickelt wurden. Eine bittere Ironie liegt darin, dass die Bolschewiki in den 1920er Jahren die Mönche des Klosters in Sarow brutal ermordet hatten.Loyale WillensvollstreckerDer ultrakonservative Publizist Jegor Cholmogorow hielt im Juni 2007 am föderalen Nuklearzentrum in Sarow eine Vorlesung über die «nukleare Orthodoxie». Er erklärte, dass die Souveränität Russlands auf den Atomwaffen beruhe. Die neue russische Staatlichkeit bedürfe einer «Hagiokratie» und einer «Hagiopolitik». Dazu müsse man sich ständig «an heilige Symbole, heilige Realitäten und an die unmittelbare Hilfe der Heiligen» wenden. 2009 erklärte Patriarch Kirill, dass Russland durch die Vorsehung des Herrn an der Wirkungsstätte des heiligen Seraphim von Sarow Atomwaffen erhalten habe.Bis jetzt ist die Wunderkraft der Reliquien in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine überschaubar geblieben. Das mag mit einer Eigenheit des orthodoxen Glaubens in Russland zu tun haben, die aus der Sowjetzeit stammt. Zwar gehören laut Umfragen 70 Prozent der Bevölkerung der orthodoxen Kirche an. Gleichzeitig bezeichnet sich aber jeder dritte Russe, der sich zur Orthodoxie bekennt, als Atheist. Eine religiös fundierte, individuelle und kritische Moral kommt nur in Ausnahmefällen zum Tragen.Bis heute gilt in Russland die byzantinische Tradition der «Symphonia», des «Gleichklangs» von weltlicher und geistlicher Macht. Deshalb unterzeichnete das Oberhaupt der orthodoxen Kirche im Jahr 1927 eine Loyalitätserklärung gegenüber der Sowjetregierung, die mit unglaublicher Brutalität gegen den Klerus vorgegangen war und zahlreiche Kirchen zerstört hatte. Heute ist Patriarch Kirill ein loyaler Willensvollstrecker von Präsident Putin. Die beiden verbindet zudem ihre Tätigkeit für den sowjetischen Geheimdienst. Russische Priester, die Kirills Kriegskurs nicht unterstützen, verlieren ihr Amt und werden ins Exil gedrängt. In der russisch-orthodoxen Kirche haben die Toten mehr zu sagen als die Lebenden.Passend zum Artikel