In Plötzkau wählen fast zwei Drittel die AfD, in der Innenstadt von Halle kommt sie nur auf gut 18 Prozent. Eine Reise zwischen zwei politischen Welten am Tag nach der historischen Landtagswahl.Das Holzscheit steckt in der Stirn, zweieinhalb Meter über dem Boden an einem Mast mitten in Plötzkau. Der Mann auf dem Wahlplakat der SPD lächelt hinab, sein Gesicht von dem Pflock zerstückelt. Wie es jemand geschafft hat, den Pflock wie ein Schwert in dieser Höhe in das Plakat zu rammen, bleibt offen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hundert Meter entfernt steht das Schloss Plötzkau mit seinen Ursprüngen aus dem 11. Jahrhundert. Hier die Wehrburg, dort das Wahlplakat, hier die alten Mauern, dort das Gesicht des Politikers – es ist ein eigentümliches Zusammentreffen am Tag nach der historischen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. In Plötzkau haben knapp 63 Prozent der gut 1200 Einwohner die AfD gewählt. Es ist eine ihrer stärksten Hochburgen Sachsen-Anhalts.Vom Schlosshof reicht der Blick über die Mauern in das Land. Wald, Wiesen, abgeerntete Felder liegen in der Spätsommersonne, am Horizont rotieren Windkrafträder. Eine Frau steht in einer Tür auf der Schlossstrasse und grüsst. Hühner gackern hinter Maschendraht, Hunde bellen unter schweren Toren hervor. Fremde werden gleich erkannt.Das Schloss Plötzkau. Seine Ursprünge reichen bis in das 11. Jahrhundert zurück.Einer der extremsten Orte in einem tiefblauen LandPlötzkau ist ein Dorf wie viele in Sachsen-Anhalt. Gut tausend Einwohner, Schloss, Feuerwehr, Karnevalsverein, Landwirtschaft. Politisch aber gehört es seit Sonntag zu den extremsten Orten eines ohnehin tiefblau gewordenen Landes.Fast zwei Drittel wählen hier die AfD. Aber am Morgen danach möchte kaum jemand darüber reden. Anfrage beim Bürgermeister: «Ich habe kein Interesse an einem Gespräch.» Anruf beim Brandmeister und Chef des Karnevalsvereins: «Bin nicht vor Ort.» Auf der Strasse? Niemand zu sehen. Die Hochburg schweigt.Dann ein Telefonat mit Cord Rose-Borsum, 62, Landwirt und Gemeinderat aus der CDU: «Kommen Sie vorbei.»«Den Leuten ist das Ergebnis peinlich»Hinter dem Torbogen öffnet sich ein stiller Innenhof, in dessen Mitte ein Walnussbaum steht, umgeben von Scheunen und den Spuren eines Anwesens, das vom Beginn des 19. Jahrhunderts stammt. Ein blauer Traktor parkiert vor einem Tor. «Sie dürfen den Leuten die Absagen nicht übelnehmen», sagt Rose-Borsum bei der Begrüssung. «Ich glaube, denen ist das Ergebnis hier peinlich.»Rose-Borsum stammt aus Niedersachsen und kam Anfang der neunziger Jahre nach Plötzkau. Ausser ihm, sagt er, gebe es niemanden mehr im Ort, der noch aktives Mitglied der CDU sei. Der grossgewachsene Mann mit weissem Haar, Arbeitshose und Stiefeln hat Freunde zum Gespräch mit der NZZ eingeladen. Einige von ihnen möchten nicht genannt werden.Sie sitzen an einer langen Tafel in einem ehemaligen Stall, alte Stühle und Schränke ringsherum, Dinkel- und Hafergebinde auf dem Tisch, unter der Decke und auf dem Fenstersims. An der Stirnwand steht ein Bullerjan-Ofen. «Hättest du ruhig mal anheizen können», sagt Sylvia Russ zu Rose-Borsum. Sie fröstelt.CDU-Plakat am Tag nach der Landtagswahl in Plötzkau.Trennen statt vereinen auf Kosten der SchwächstenSie sei noch immer geschockt, sagt Russ, 48 Jahre alt. Das Wahlergebnis mache ihr Angst. Seit kurzem arbeitet sie als Gemeindepädagogin für die evangelische Kirche im Ort, früher war sie Lehrerin an der Dorfschule. «Meine Tochter ist behindert, sie braucht einen Betreuer in der Schule, was soll jetzt werden, wenn die AfD die Inklusion abschaffen will?», sagt sie.Die AfD kündigte im Wahlkampf an, die schulische Inklusion beenden und Förderschulen ausbauen zu wollen. Trennen statt vereinen auf Kosten der Schwächsten, das sei nicht zu fassen, sagt Rose-Borsum kopfschüttelnd. Russ nickt, als er davon redet, dass ihm das AfD-Ergebnis im Ort zu hoch vorkomme, dass er die Stimmung so nicht wahrgenommen habe und dass viele Leute das Wahlprogramm der Partei «hundert Prozent» nicht gelesen hätten. Es könne doch niemand wirklich wollen, dass gesellschaftlicher Fortschritt zurückgedreht werde.Für Sylvia Russ ist die AfD-Programmatik keine abstrakte Kulturkampfdebatte, sondern die Schulrealität ihrer behinderten Tochter. Die Traurigkeit in ihrem Gesicht, die Blicke, mit denen sie in die Runde schaut, zeugen von Ratlosigkeit und Zweifeln. Doch selbst in der Familie gebe es genügend, die AfD gewählt hätten, obwohl Russ immer auf die möglichen Folgen für sie und ihr Kind hingewiesen habe. Das Thema AfD könne sie aber nicht mehr ansprechen, «da explodiere es sofort, das ist so schlimm».Sylvia Russ, evangelische Gemeindepädagogin und Mutter einer behinderten Tochter, vor der Kirche in Plötzkau.Die Ukraine-Hilfe, das ist «die grosse Geschichte hier»Das Telefon von Rose-Borsum läutet. Er solle schon einmal den Schlepper holen, sagt er zu dem Anrufer, er komme später nach. Dann versucht er sich an einer politischen Erklärung für die Situation vor Ort. Die Leute verstünden nicht, dass die Bundesregierung das ohnehin knappe Geld in die Ukraine gebe, um deren Kampf gegen Russland zu unterstützen. «Das ist eine grosse Geschichte hier, und das kann man auch ein bisschen nachvollziehen.»Ein anderer in der Runde spricht von einem «Ohnmachtsgefühl bei den Leuten». «Vor der Wende hatten wir nichts zu sagen, und heute ist es wieder so.» Frust, Zorn, Wut, aber worauf? Auf Berlin, auf Merz, auf die Bürokraten in den Verwaltungen, in Brüssel, eigentlich auf alles, sagt er. Sylvia Russ schüttelt den Kopf. «Das muss man jetzt auch einmal relativieren», sagt sie. Es gehe doch gar nicht immer nur bergab. Niemand rede davon, was auch alles gut laufe.Rose-Borsum beackert acht Quadratkilometer Land, der Ertrag ist mal gut, mal schlecht. Auf die Dürrejahre folgten gute, aber reich werde er davon nicht. «Wir leben von der Hand in den Mund», sagt er. Sein restaurierter Hof sieht so aus, als sei das übertrieben. Doch Bauern wie er konkurrierten auf dem Weltmarkt mit Billiganbietern, in der Umgebung seien inzwischen einige pleitegegangen. Über deren Frustration dürfe man sich nicht wundern.Später steht Rose-Borsum auf einem seiner Äcker. Trotz der Hitze sei die Ernte in diesem Jahr gut gewesen, sagt er. «Wir hatten Glück, es gab immer wieder Regen.» Auch ihn als Landwirt belasteten die hohen Abgaben auf Sprit, die Inflation, die Bürokratie. Er könne verstehen, dass die Leute ein Ventil gesucht hätten. «Die AfD muss in die Verantwortung in Magdeburg kommen», sagt er. «Damit man sieht, dass sie es auch nicht können.»Cord Rose-Borsum auf einem seiner Felder ganz in der Nähe der Autobahnauffahrt Plötzkau.Am besten Mittagstisch der GegendWer verstehen will, warum die AfD hier trotzdem fast zwei Drittel holt, muss weiterfragen. Zwei Kilometer entfernt von Rose-Borsums Feld, im benachbarten Alsleben, steht Lars Bielefeld hinter dem Tresen seines Lokals «Zur Brücke» und löffelt Kartoffelsuppe. Bei Bielefeld gebe es den besten Mittagstisch in der Gegend, hatte Rose-Borsum zum Abschied gesagt – eine Empfehlung über politische Überzeugungen und Brandmauern hinweg. Bielefeld ist bekennender AfD-Wähler.Hinter der Tür zum Lokal liegt eine Fussmatte mit dem Konterfei von Friedrich Merz und dem Aufdruck: «Abtreten, sofort!» Bielefeld serviert Kotelett mit Erbsen und Pommes, gekocht von seiner Frau in der Küche. Rose-Borsum hat nicht übertrieben. Das Essen schmeckt gut. Der Wirt setzt sich dazu, kein einziger der Tische ist sonst besetzt.Mittags komme kaum noch jemand her, erzählt er, und abends auch nur noch an Wochenenden. «Die Leute können es sich nicht mehr leisten, sehen aber, wie ihr Geld in die Ukraine geht», sagt Bielefeld. Da ist es wieder, das Thema Ukraine.Die AfD-Forderung, die Hilfen für die Ukraine einzustellen, fällt bei vielen Menschen in Ostdeutschland auf fruchtbaren Boden. «Wir sind mit den Sowjets gross geworden», sagt Bielefeld. «Wir sehen die Russen anders als die Leute im Westen.»Fussabtreter im Gasthof «Zur Brücke» in Alsleben an der Saale.Die Welt gesehen und immer nach der Heimat gesehntWie genau er sie sieht, wie er es findet, dass sie in der Ukraine erbarmungslos Krieg führen, das sagt Bielefeld nicht. Er erzählt stattdessen von seinem 59-jährigen Leben, von seiner Zeit als Koch in der Schweiz, auf Kreuzfahrtschiffen und auf den Cayman-Inseln, eine nicht untypische Geschichte für viele Ostdeutsche in seinem Alter: nach der Wende weggegangen, gearbeitet, die Welt gesehen und sich doch immer nach der Heimat gesehnt.So sei er vor einigen Jahren also wieder zurückgekommen. Kurz darauf starb seine Mutter. «Meine Mutti hat ihr ganzes Leben im Gesundheitswesen gearbeitet und hatte am Ende 900 Euro Rente», sagt er. «Das ist doch nicht richtig.»In dem Lokal stehen Thermobehälter auf Tischen. Bielefeld macht sein Geschäft mit Rentnern, Bauarbeitern auf umliegenden Baustellen, mit Stammkunden, die er jeden Tag beliefert. Ein Mittagessen kostet 8 Euro 50, mehr könnten sich die meisten Rentner nicht leisten. «Rechnet sich kaum, aber ich kann sie nicht im Stich lassen», sagt er.Lars Bielefeld führt das Restaurant «Zur Brücke» in Alsleben an der Saale.Die AfD könne die Probleme auch nicht lösenDann überquert er den Marktplatz, geht durch den Torbogen eines Hauses, an dem «Gott schütze unser Vaterland» steht, kommt mit einer blauen Mülltonne wieder heraus und stellt sie an die Strasse. Ob er glaubt, dass die AfD die Probleme im Land lösen kann? «Nein, kann sie nicht», sagt er, ohne lange nachzudenken.Warum wählt jemand eine Partei, von der er selbst nicht glaubt, dass sie die Probleme lösen kann? Bielefeld sagt, in 24 Jahren habe die CDU-Regierung «nichts getan». «Vielleicht haben wir nun einmal Glück, dass die AfD etwas in den Griff kriegt.»Der Ort, an dem die AfD verloren hatEine gute Stunde weiter südlich verändert sich das Bild. Nicht nur die Landschaft wird städtischer. Auch politisch scheint der Wahlbezirk Halle III zu einem anderen Sachsen-Anhalt zu gehören. Hier erreichte die AfD ihren niedrigsten Zweitstimmenanteil im ganzen Land: 18,3 Prozent. Die Grünen liegen bei den Zweitstimmen vorn.Halle III umfasst vor allem die zentrumsnahen Stadtteile mit der Universität und den gutsituierten bürgerlichen Quartieren aus der Gründerzeit. Hier leben hauptsächlich Akademiker, Familien und Studenten. In den Strassen hängen Regenbogenfahnen, in Eingängen stehen Kisten mit Büchern oder Kleidung («zu verschenken»). Menschen sitzen an Tischen auf dem Trottoir, Kaffeetasse oder Weinglas vor sich, Sonnenbrille im Gesicht.Auf dem Campus der Kunsthochschule Burg Giebichenstein spielen Robin, Mia und Paula an einer Betonplatte Tischtennis, umgeben von der Universitätsbibliothek, einem Wohnheim und der Mensa. Es braucht etwas Überzeugungsarbeit, ehe sie zum Gespräch bereit sind. Sie googeln die NZZ, beratschlagen sich und nicken dann.Regenbogenfahnen auf dem Marktplatz von Halle an der Saale.Die Sorge der KunststudentenAlle drei stammen nicht aus Halle, leben dort aber seit Jahren und haben am Sonntag gewählt. Sie gehören zu den Tausenden Studenten aus Deutschland und der ganzen Welt, die in der Stadt an der Saale studieren. Als sie ins Reden gekommen sind, hören sie kaum mehr auf. Robin, 30, sagt, die AfD sei menschen- und demokratiefeindlich. Jeder sei in Sachsen-Anhalt willkommen, jeder sollte lieben dürfen, wen er wolle. Die AfD aber stehe für Ausgrenzung, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit.Mia, 28, trägt ein Kleid über der Hose und lässt Robin kaum ausreden. Sie spricht von sexistischen, veralteten Rollenbildern der AfD, die Frauen «in eine gewisse unterwürfige Position drängt». «Die AfD hat ein Familienbild aus der Zeit der Industrialisierung.»Paula, 26, trägt ein weisses Netz über ihrem schwarzen Haar, sie spricht mit bayrischem Akzent. Wenn die AfD Migranten abschieben wolle, müsse sie auch sagen, woher dann die Pflegekräfte für die alternde Bevölkerung in Sachsen-Anhalt kommen sollten, sagt sie. «Wir brauchen die Zuwanderer hier.» Schon allein, weil die AfD das nicht so sehe, sei das ein Grund, sie nicht zu wählen.Der Kunststudent Robin, der sich als einziger der drei Studierenden fotografieren lassen wollte.Es drohe das Ende der KunstfreiheitDie Burg Giebichenstein ist eine international renommierte Kunsthochschule. Rassismus, Beschimpfungen, offene Feindseligkeit gegenüber Fremden, so berichten die drei Studenten, breiteten sich in Halle mehr und mehr aus. «Flieg mit deinem Teppich zurück in dein Kamelfickerland», habe im Tram einmal einer zu ihr gesagt, erzählt Paula. Ihre Grosseltern kamen aus der Türkei nach Bayern.Angst habe sie aber nicht vor Rassisten, sondern vor der Kulturpolitik, wenn die AfD die Regierung in Magdeburg übernehmen sollte. Das geht auch den anderen beiden so. Wenn die AfD ihre Vorstellungen von der Kunst auch an der Hochschule in Halle durchsetzen wolle, dann, so sagt Robin, sei das der Anfang vom Ende der Kunstfreiheit. Kunst müsse nicht patriotisch sein, wie es die AfD in ihrem Wahlprogramm schreibt. «Kunst fühlt sich bedroht durch die AfD», sagt Mia.Was folgt für sie daraus? Mia will demnächst nach Leipzig ziehen. Das sei eine grössere Stadt, mehr Gleichgesinnte, mehr Weltoffenheit. Paula überlegt, zurück in ihre bayrische Heimat zu gehen, will das Feld aber «eigentlich nicht den Rechten» überlassen. «Wo führt das hin, wenn alle weggingen?», fragt sie. Robin sagt, in ein Land mit einer AfD-Regierung wolle kein Fremder mehr kommen.Paula schultert einen Jutebeutel und stellt zum Abschied eine Frage. «Was ist eigentlich», sagt sie, «wenn in Deutschland ein Krieg ausbricht und wir flüchten müssen? Wollen wir dann auch so behandelt werden, wie es inzwischen viele Menschen hier mit Migranten tun?»Skat bei «Fräulein August»Inzwischen ist es später Nachmittag. Die Hitze dieses sommerlichen Tages drückt in den Strassen der Innenstadt. Doch auch das links-grüne Halle ist politisch weniger eindeutig, als Regenbogenfahnen, Universität und Kunsthochschule zunächst vermuten lassen.In der Cafébar «Fräulein August» am August-Bebel-Platz verteilt Toni Reppe-Luther die Spielkarten mit altdeutschem Blatt auf einem Tisch, immer eine mit dem Bild nach unten, die andere mit dem Bild nach oben. Nahe an ihrem Tisch steht eine Litfasssäule, auf der ein Plakat klebt. «Solidarität lässt sich nicht abwählen.» Das Plakat kündigt den Christopher Street Day am 12. September in Halle an.Offiziersskat vor der Cafébar «Fräulein August» in Halle: Frank Weise und Toni Reppe-Luther.Reppe-Luther, 28, studiert Geschichte auf Lehramt. Gegenüber sitzt Frank Weise, 64, und beklagt sich, dass sie ihn beim Offiziersskat wieder «abzieht». Die blonde Frau lacht, nippt an einem Aperol Spritz. Weise prostet ihr mit einem Weisswein zu. Die Kellnerin kommt vorbei, er hebt das Glas in ihre Richtung. «Noch einmal, bitte.»Weise lebt ganz in der Nähe, Reppe-Luther etwas ausserhalb der Innenstadt. Weise sagt, er arbeite als selbständiger Rentenberater. Eigentlich müsste er immer nur CDU oder SPD wählen, dann sei sein Job sicher. Die Rentenpläne der schwarz-roten Bundesregierung wühlten viele alte Menschen auf. So viele Klienten könne er kaum bewältigen, meint er.Die Freunde wissen nicht, wen sie wählen sollenWeise hat fünf Studienabschlüsse, so erzählt er es, ein Akademiker, ein Intellektueller, wie viele in diesem Viertel. Kurz vor der Wahl habe er sich mit Freunden getroffen, sie kennten sich fünfzig Jahre lang. Er habe sie gefragt, wen sie wählen wollten. Der eine, ein Journalist, habe gesagt, er könne keine der Parteien wählen. Der zweite, ein Designer, sagte AfD, der dritte sagte «alle unwählbar», der vierte, ein Elektroingenieur, sagte AfD.An den Nachbartischen sitzen Menschen mittleren Alters, in der Hand ein Weinglas, die Beine übereinandergeschlagen, Stimmengewirr und entspannte Atmosphäre. Weise sagt, alle in seinem Umfeld hätten nicht gewusst, wen sie wählen sollten. Er hat seine Erststimme dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) gegeben und die Zweitstimme der FDP.Reppe-Luther nickt, als sei es ganz normal, antiwestlich-antiliberal und zugleich prowestlich-wirtschaftsliberal zu wählen. Sie heben ihr Glas, prosten sich zu. Weise sagt, er habe vor einigen Jahren eine schwere Krankheit überstanden. Er lebe das Leben, «auf die Gesundheit!». Das hier sei sein Kiez, er möchte nirgendwo anders wohnen. «Aber wenn ich nur zehn Kilometer aus Halle hinausfahre, dann sehe und verstehe ich, dass die Leute dort anders denken, dass sie in einer anderen Wirklichkeit leben.»Die Weihnachtsgans und der Besuch auf dem DorfEs ist die Wirklichkeit der kleinen Städte, der Dörfer, des Lebens im AfD-Milieu. Immer kurz vor Weihnachten fahre er aufs Land, erzählt Weise, um «eine glückliche Gans zu kaufen». Und dort höre er den Leuten zu, die für ihn die Gans ein Jahr lang gezüchtet hätten. «Für alles ist Geld da, nur für die eigenen Leute nicht.» Das hört er dort. Ja, sagt er, das sei zwar sehr vereinfacht. Aber es bringe die Meinung vieler Leute auf dem Dorf auf den Punkt.Als Toni, die Lehramtsstudentin, wieder die Karten auf dem Tisch verteilt, Weise dabei das Leben geniesst mit dem nächsten Glas Wein, da sagt er noch einen Satz, der viel erklärt über die Situation in diesem kleinen ostdeutschen Bundesland einen Tag nach der Wahl.In seinem Leben spiele es keine Rolle, welche Parteien in Magdeburg regierten. Er habe die CDU nicht bemerkt, auch die SPD nicht. «Und ich gehe davon aus, dass das auch bei der AfD so sein wird.»Anti-AfD-Aufkleber auf dem Marktplatz in Halle an der Saale.Passend zum Artikel