Rückkehr unter Polizeischutz: Nach fast tausend Jahren ist der Teppich von Bayeux in England zu sehenDas siebzig Meter lange Leinentuch gehört zu den wichtigsten Zeugnissen des Mittelalters. Eine Ausstellung in London begeistert die Briten.Marion Löhndorf10.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenHorden von galoppierenden und kopfüber stürzenden Pferden, bewaffnete Soldaten in Kettenhemden: Ein Besucher vor dem Teppich von Bayeux, 7. September 2026.Suzanne Plunkett / ReutersSchlagzeilen macht dieser Teppich seit Tagen. Das British Museum hat auch alles dafür getan, um ihm grösstmögliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, unter Mithilfe von Staatsoberhäuptern, Botschaftern, Denkmalschützern und Medien. Innerhalb von 24 Stunden wurden 100 000 Tickets verkauft. Manche Besucher sahen sich mit neunstündigen Online-Wartezeiten für eine Eintrittskarte konfrontiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Teppich von Bayeux besitzt historische Bedeutung für England. Die auf eine siebzig Meter lange Stoffbahn gestickten Szenen dokumentieren den Tag, der die englische Geschichte und Sprache für immer veränderte. Die Jahreszahl der Schlacht von Hastings 1066 ist in England so geläufig wie der Beginn der Französischen Revolution in Frankreich. Es war ein 14. Oktober, an dem König Harold Godwinson fiel und Wilhelm der Eroberer den englischen Thron übernahm – der Tag, an dem sich eine neue Klasse etablierte, ein zentralistisch geprägter Regierungsstil nach französischem Vorbild, ein neues Rechtssystem und eine Vermischung von französischer und englischer Sprache.Die auf dem Teppich dargestellte Schlacht von Hastings vom 14. Oktober 1066 machte England französischer – und veränderte auch die Sprache.Kin Cheung / APEigentlich ist es nur ein Leinentuch, ohne kostbare Materialien. Vielleicht hat der Teppich von Bayeux gerade deshalb überlebt.Suzanne Plunkett / ReutersDie Geschichte dieses Kunstwerks ist eine Geschichte der Superlative. Fast tausend Jahre hat es überlebt, wie durch ein Wunder. Die Tatsache, dass der Teppich eigentlich ein langes Leinentuch ist und keine kostbaren Materialien enthielt, zählt zu den Gründen für sein langes Überdauern. Der Wandbehang gehört zu den fragilsten Kunstwerken der Welt und gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse des Mittelalters. Seit Jahrhunderten befindet es sich in Bayeux in der Normandie, seit einigen Jahrzehnten in einem Museum, das gegenwärtig umgebaut wird und geschlossen ist. Der Moment für eine zeitweilige Übersiedelung nach London war ideal, aber keineswegs unumstritten.Der französische Präsident Emmanuel Macron hatte den Transfer schon 2018 angekündigt – als Symbol einer zunehmenden Annäherung zwischen England und Frankreich. Doch das Unternehmen wäre fast an den Bedenken der Experten gescheitert. Um die Transportierbarkeit der hoch empfindlichen Stickerei mit vielen Fehlstellen und Rissen entzündeten sich monatelange Debatten. Der französische Kunsthistoriker Didier Rykner startete eine Online-Petition gegen die Reise des Teppichs. Fast 100 000 Menschen unterschrieben. Das Werk galt als untransportierbar, Mission impossible. Aber wie im Film gelang das Unmögliche dann doch.Symbol der anglo-französischen Allianz: Der britische König Charles III. mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Brigitte Macron and Königin Camilla vor dem British Museum in London, Britain, 2. September 2026.Neil Hall / EPAGeheime Aktion in der Nacht: In einem klimatisierten Kasten wurde der Teppich nach England gebracht, eskortiert von bewaffneten Polizisten.Trustees of the British MuseumIn Blut getränktDer Teppich traf am 10. Juli 2026 im Rahmen einer geheimen, streng bewachten Nachtaktion im British Museum ein. Wie eine Ziehharmonika war das Leinentuch auf einen speziellen Paravent gefaltet, in einen klimatisierten Innenkasten gelegt und mithilfe von Drahtseilisolatoren in einem Metallkäfig aufgehängt worden, um eine Schwingungsreduzierung von 96 Prozent zu erreichen. Die Überführung des Schatzes in einem speziell angefertigten Grosslastwagen wurde sowohl von der französischen als auch von der britischen Polizei bewaffnet eskortiert und von einem Helikopter begleitet. Die mittelalterliche Stickerei legte in elf Stunden eine Strecke von 350 Meilen von Frankreich aus durch den Kanaltunnel zurück und traf um 2 Uhr 48 morgens im Museum ein.Nun ist der Teppich aller Teppiche also endlich im British Museum in London gelandet. Und wie. London inszeniert das Leinentuch, auf dem sich Geschichte vor unseren Augen entfaltet, als ganz grosses Kino. Wissenschaftliche Anmerkungen – etwa zum Material, zu seiner Konservierung, zur wechselhaften, bis zuletzt spannenden Geschichte des Transports des kostbaren Wandbehangs – werden so weit wie möglich reduziert. Die Ausstellung konzentriert sich auf das, wovon die 58 gestickten Szenen erzählen: auf die Schlacht von Hastings, deren Ausgang England 88 Jahre lang unter normannische Herrschaft stellte und deren Auswirkung bis heute andauert.Der gesamte Ausstellungsraum ist schwarz ausgekleidet und dunkel wie ein Theater, dann hebt sich der Vorhang. Bevor man zum eigentlichen Werk gelangt, gilt es, eine ebenfalls schwarz ausgeschlagene und nur schwach beleuchtete Treppe zu erklimmen, einen langen schwarzen Korridor zu durchschreiten und dann eine weitere dunkle Treppe hinabzusteigen.Am Ende des Parcours, also nach Besichtigung der geschlagenen Schlacht, sind in grossen Lettern die Worte des normannischen Chronisten William de Poitiers (ca. 1020–1090) zu lesen: «Soaked in blood, the flower of England’s nobility and youth covered the ground far and wide»: Blutgetränkt bedeckten die Blüte des englischen Adels und der englischen Jugend den Boden weit und breit. Dramatischer ist selten eine Ausstellung in Szene gesetzt worden. Die britische Presse reagierte, wie vom Museum wohl erhofft: Ein «grossartiges, Gänsehaut erzeugendes Erlebnis» nannte die «Times» die Begegnung mit dem Artefakt, stellvertretend für viele andere, denen es ähnlich ging.Die Schilde standen dicht an dichtIn London ist das Werk nicht aufgehängt – anders als in seinem Heimatort Bayeux. Vielmehr liegt es horizontal ausgebreitet in einer Vitrine. Um es vor Vibrationen zu schützen, wie das British Museum schreibt. Die Besucher begegnen den Ereignissen also nicht, wie in Frankreich, auf Augenhöhe. Sie blicken auf Krieg und Frieden, auf Truppenbewegungen und Verhandlungen herab. Sie begleiten Horden von galoppierenden und kopfüber stürzenden Pferden, bewaffnete Soldaten in Kettenhemden und mehrere Reisen über den Ärmelkanal, manchmal auch mit Pferden an Bord, die neugierig über die Reling zu spähen scheinen.Wir sehen riesige Bewegungen von Menschen, Tieren und Schiffen, die nach vorn streben – hin zur Schlacht, hin zum Ende des Teppichs mit seinen Leichenteilen. Harolds Männer bildeten einen Schildwall, der, wie es heisst, so dicht stand, dass die Toten nicht umfallen konnten. Es half nichts, er selbst und seine beiden Brüder fielen. Selbst der Sieger war beeindruckt vom Ausmass der Zerstörung, wie sein Chronist William de Poitiers festhielt: «William kehrte auf das Schlachtfeld zurück und erkannte das Ausmass des Gemetzels, das er nicht ohne Mitleid betrachtete.»Es herrscht helle Aufregung in dieser Bilderzählung, die oft mit einem Comic verglichen wurde. Momente des Stillstands entstehen, wenn die Könige tafeln oder miteinander diskutieren. Oder in dem Augenblick, in dem der Halleysche Komet am Horizont erscheint und als Vorzeichen für den Sturz des angelsächsischen Königs gedeutet wird. Es ist die vermutlich älteste erhaltene Darstellung des Halleyschen Kometen – wie überhaupt fast jedes Detail des Teppichs irgendeine Besonderheit oder Sensation birgt.Die lebendige Darstellung des Kampfes, der vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte, ist zu einem Aufhänger der Völkerverbindung geworden. In dem Teppich, der zum Unesco-Welterbe gehört, sind englische und französische Geschichte aufs Engste verwoben. Und das nicht nur, weil der Ausgang der Schlacht die englische Gesellschaft, Sprache und Kultur grundlegend veränderte. Historiker gehen davon aus, dass das Werk von hochqualifizierten Handwerkerinnen in England hergestellt wurde, vermutlich in Canterbury. Der englische König Charles III. sagte bei der Ausstellungseröffnung, das Werk hätte genauso gut als «Stickerei von Canterbury» in die Geschichte eingehen können.Bei der Gelegenheit beugten sich König Charles und seine Frau gemeinsam mit dem französischen Präsidentenpaar über das Kunstwerk, anscheinend in bestem Einvernehmen. Es habe «etwas zugleich Ironisches und Wunderbares», schrieb der «Daily Telegraph», dass der König und Emmanuel Macron die Ausstellung als Symbol der anglo-französischen Allianz und Freundschaft würdigten. Eine Art Happy End also, tausend Jahre nach der Schlacht.Anders als in seinem Heimatort Bayeux ist der Teppich in London nicht aufgehängt. Vielmehr liegt er horizontal ausgebreitet in einer Vitrine.Kin Cheung / APPassend zum Artikel