Schock für Winterthur: Zimmer Biomet möchte mehr als 500 Stellen abbauenDer traditionsreiche Hersteller von Implantaten, früher Teil des Sulzer-Imperiums, könnte 80 Prozent der Belegschaft entlassen. Der Industriestandort Winterthur steht vor einer Zäsur.09.09.2026, 19.02 Uhr3 LeseminutenHier könnten die Lichter ausgehen: Blick in die Produktion von Zimmer Biomet in Winterthur.Arnd Wiegmann / ReutersDem Industriestandort Winterthur droht ein Aderlass. Der Medizintechnikhersteller Zimmer Biomet, dessen dortige Präsenz auf das Sulzer-Imperium zurückgeht, könnte bis zu 580 seiner rund 730 Arbeitsplätze in der Stadt streichen. Das Konsultationsverfahren zum Stellenabbau ist eröffnet, wie das amerikanische Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Alternativen würden geprüft, um den Stellenabbau zu begrenzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zimmer Biomet fertigt Implantate, vor allem Hüft- und Kniegelenke. Die mögliche Massenentlassung sei Teil der kontinuierlichen Weiterentwicklung der globalen Produktion, liess die Firma in einem Communiqué wissen. Der Konzern mit einem Jahresumsatz von zuletzt 8,2 Milliarden Dollar beschäftigt weltweit rund 17 000 Mitarbeiter und fertigt neben den USA unter anderem in Irland und Frankreich.Seit mehr als zwanzig Jahren in amerikanischer HandDas Unternehmen betont, es sei sich der langjährigen Tradition des Standorts Winterthur sehr bewusst. Die dortige Produktion geht auf den Industriekonzern Sulzer zurück. Dieser brachte 1997 seine Medizintechnik unter dem Namen Sulzer Medica an die Börse und spaltete sie später ab. Nach einem Skandal mit verunreinigten Gelenken wurde die Firma in Centerpulse umbenannt.Centerpulse, seinerzeit der wichtigste Hersteller von Orthopädie-Implantaten in Europa, wurde wiederum im Jahr 2003 von Zimmer übernommen. Die Amerikaner zahlten rund 4,5 Milliarden Franken und setzten sich gegen den britischen Konkurrenten Smith & Nephew (S&N) durch. Winterthur avancierte zeitweise zum Europasitz des amerikanischen Konzerns aus dem Gliedstaat Indiana. Inzwischen wurde der Europasitz nach Zug verlegt.Zimmer Biomet kann nicht auf eine so lange Tradition wie Sulzer zurückblicken. Die Firma entstand in den 1920er Jahren und stellt seit den 1950er Jahren Hüftprothesen her. Zukäufe gehörten nach der Jahrhundertwende fest zur Firmenstrategie – so auch bei der 2016 für mehr als 13 Milliarden Dollar übernommenen Biomet, wobei der Zusammenschluss aufgrund der Marktmacht des neuen Konzerns in Europa zunächst auf Bedenken der Wettbewerbsbehörden stiess.Bestürzung in WinterthurJetzt stehen die Zeichen auf Schrumpfung, zumindest in der Schweiz. Der Stadtrat von Winterthur sprach in einer Mitteilung von grosser Besorgnis und Betroffenheit. Zimmer Biomet sei ein wichtiger industrieller Arbeitgeber und ein Schlüsselunternehmen für den Wandel vom Maschinenbau zur Hightech-Industrie. Man habe ein Gespräch vereinbart, hiess es. Es sind keine guten Tage für die Stadt: Jüngst hatte der Maschinenbauer Burckhardt Compression den Abbau von bis zu 150 Arbeitsplätzen in Aussicht gestellt.Die Organisation Angestellte Schweiz zeigte sich erschüttert und verwies auf frühere Stellenstreichungen von Zimmer Biomet in den Jahren 2022, 2023 und 2024. Die Gewerkschaft Unia kritisierte, das Unternehmen wolle nur einen Rumpf in Winterthur behalten, um seine Produkte auch in Zukunft auf dem Weltmarkt als «Swiss made» verkaufen zu können. Die Beschäftigten und die Stadt müssten die Zeche für die Bereicherung der Aktionäre zahlen.Sonderlich reich wurden die Aktionäre in jüngster Zeit allerdings nicht. Die Valoren des an der New Yorker Börse kotierten Implantateherstellers sind seit Mitte 2023 um rund 30 Prozent abgesackt. Der Firmenchef Ivan Tornos baut den Konzern um und möchte ihn stärker auf das Geschäft in den USA ausrichten.Schweizer Produktion unter DruckIn der Heimat erzielt Zimmer Biomet mehr als die Hälfte des Umsatzes. In dieser Woche wurde die Führungsebene in Amerika ausgetauscht, der Wechsel des Finanzchefs ist bereits angekündigt. 2026 werde für die Firma ein Übergangsjahr, das in eine neue Ära führen werde, so formulierte es Tornos bei einer früheren Gelegenheit.Eine Fokussierung auf den grossen und oft profitablen amerikanischen Markt mag den Konzern auch vor möglichen Zöllen der Regierung von Donald Trump schützen. Zwar sind viele Medtech-Produkte traditionell von Zöllen ausgenommen – aber es ist nicht garantiert, dass der amerikanische Präsident sich stets an diese Traditionen hält.Derweil wächst in der Schweizer Medizintechnikbranche die Sorge, dass sie in den Plänen der Unternehmen an Bedeutung verlieren könnte. Während die Schweiz bei Forschung und Entwicklung noch gute Karten hat, machen die hohen Kosten und der starke Franken insbesondere die Produktion im Inland zur Herausforderung.Weil viele internationale Medtech-Konzerne und auch immer mehr heimische Hersteller auf Standorte im Ausland ausweichen können, steht die Fertigung hierzulande unter einem schlechten Stern. Der mögliche Kahlschlag bei Zimmer Biomet passt in dieses Bild.Passend zum Artikel
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