Iran scheint entschlossen, ein amerikanisches Kriegsschiff zu treffen und damit womöglich weitere amerikanische Soldaten zu töten. In Washington wächst laut dem „Wall Street Journal“ die Sorge, dass China und Russland dem Land dabei helfen könnten, indem sie die Koordinaten der Schiffe bereitstellen. Soweit bekannt, hatte die Revolutionsgarde in der Nacht zum Samstag erstmals ballistische Raketen auf einen amerikanischen Flugzeugträger und einen Zerstörer abgefeuert. Seither wurden weitere Zerstörer ins Visier genommen. Zwar habe keine der Raketen ihr Ziel getroffen, aber manche hätten es nur knapp verfehlt, berichtet die Zeitung unter Berufung auf amerikanische Regierungsbeamte.Teheran setzte seine Angriffe auch dann noch fort, als Amerika am Samstag zur Abschreckung einen iranischen Öltanker versenkte und zwei weitere durch Beschuss manövrierunfähig machte. Der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Mohsen Rezaei, verkündete am Montag, Iran habe erstmals eine neu entwickelte Anti-Schiffs-Rakete gegen ein amerikanisches Kriegsschiff „getestet“. Das Ergebnis sei so wirkmächtig gewesen, dass das US-Militär dies nicht habe verheimlichen können, triumphierte er.In der Nacht zum Mittwoch erhöhten die Vereinigten Staaten den Preis, den Iran für sein Vorgehen zu zahlen habe. Bei jedem Versuch, ein amerikanisches Kriegsschiff zu treffen, „werden sie Tankschiffe verlieren“, sagte Außenminister Marco Rubio. Anschließend gab das für die Region zuständige US-Militärkommando Centcom bekannt, dass vier iranische Tankschiffe im Golf von Oman und ein weiteres vor der Insel Kharg zerstört worden seien. Die Besatzungen seien vorab aufgefordert worden, die Schiffe zu verlassen. Im Unterschied zu vorherigen Angriffen richteten sich diese nicht mehr nur gegen Schiffe, die versuchten, die amerikanische Seeblockade zu durchbrechen. Centcom rechtfertigte das damit, dass die Tanker „Teil eines milliardenschweren Schattennetzwerks“ seien, mit dem die Revolutionsgarde und ihre regionalen Stellvertreter finanziert würden.Iran greift US-Stützpunkt mit mindestens 20 Raketen anIran reagierte zunächst mit massivem Raketenbeschuss auf den vom US-Militär genutzten Luftwaffenstützpunkt Al Azraq in Jordanien. Das jordanische Militär teilte mit, 18 Raketen seien abgefangen worden und zwei weitere in unbewohntem Gebiet niedergegangen. Fachleute berichteten, dass dabei möglicherweise Streumunition zum Einsatz gekommen sei, um die Flugabwehr zu überwinden. Später verkündete die Revolutionsgarde eigene Angriffe auf insgesamt zwanzig Schiffe: „Zwei US-Schiffe und acht Öltanker in der Region“ sowie zehn Handelsschiffe, die versucht hätten, mithilfe des US-Militärs die Straße von Hormus zu durchqueren. Zuvor hatte die Garde die Besatzung von Öltankern in kuwaitischen und bahrainischen Häfen aufgefordert, von Bord zu gehen, weil ihre Schiffe zu Zielen werden könnten.Die iranische Vergeltung schien den „neuen Spielregeln“ zu folgen, die Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf am Sonntag verkündet hatte. Demnach sollen Irans Vergeltungsschläge nicht mehr proportional ausfallen, sondern schneller und heftiger erfolgen. Rezaei hatte zudem die Einrichtung einer Sperrzone nahe der Straße von Hormus angekündigt, was eine potentielle Ausweitung seines Angriffsradius bedeuten könnte. Damit droht eine schwer zu begrenzende Eskalation des Tankerkriegs im Persischen Golf.Irans Risikobereitschaft scheint zuzunehmen, weil der wirtschaftliche Druck auf das Land steigt und sein eigenes Druckmittel, die Sperrung der Straße von Hormus, mit der Zeit an Wirksamkeit verlieren könnte. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate exportieren eine zunehmende Menge an Öl auf alternativen Wegen, und das US-Militär eskortiert immer wieder Handelsschiffe durch die Meerenge. Dennoch stieg am Mittwoch der Preis eines Barrels der Sorte Brent erstmals seit Juli wieder über 100 Dollar. Ein weiterer Anreiz zur Eskalation zum aktuellen Zeitpunkt sind aus iranischer Sicht die näher rückenden Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten im November.Teheran will vorerst keine Öltanker versenkenIran scheint gleichwohl besorgt, dass der neu entbrannte Tankerkrieg zu einer Umweltkatastrophe vor der eigenen Küste führen könnte. Der Sekretär des Sicherheitsrats, Rezaei, sagte, aus diesem Grund habe man bislang davon abgesehen, die angegriffenen Tankschiffe zu versenken. Die von den USA versenkten Öltanker sollen unbeladen gewesen sein. Über mögliche Verunreinigungen wurde aktuell nichts bekannt. Im August und im April war jedoch über Ölteppiche berichtet worden, die auf iranischen Inseln Mangrovenwälder, Fische und Vögel bedrohten.Unterdessen erbeutete die Revolutionsgarde am Dienstag ein amerikanisches unbemanntes Unterwasserfahrzeug. Entsprechende Aufnahmen des sogenannten Dive-LD wurden von der Nachrichtenagentur Tasnim veröffentlicht. Einem Medienbericht zufolge wurden solche Fahrzeuge unter anderem zur Minenräumung in der Straße von Hormus eingesetzt. Das US-Militär teilte mit, die Drohne habe „regionale Gewässer beobachtet“. Sie sei defekt gewesen und enthalte keine sensiblen Daten oder geheimen Sonar- oder Radargeräte. Die Revolutionsgarde sprach von „weltweit führender Technologie im Bereich der Unterwasserfahrzeuge“, die erst im vergangenen Jahr von der US-Marine in Dienst gestellt worden und „durch die Gnade des allmächtigen Gottes“ in iranische Hände gefallen sei.Die amerikanische Regierung erhöht derweil den wirtschaftlichen Druck auf Iran. Das Finanzministerium verkündete Strafmaßnahmen gegen alle bislang noch nicht sanktionierten iranischen Fluggesellschaften. Washington drohte mit Sekundärsanktionen gegen ausländische Unternehmen, die Geschäfte mit den Fluggesellschaften machten. Dennoch landete am Mittwochmorgen ein Iran-Air-Flug in Istanbul. Sanktionierte Fluggesellschaften verkauften weiterhin Tickets für Auslandsflüge.