Die „Times“ beurteilt den „gewaltigen Sieg“ der AfD in Sachsen-Anhalt als zweiten Mauerfall, 37 Jahre nach dem ersten. Gemeint ist der Riss in der „sogenannten Brandmauer“ zwischen Konservativen und rechtsextremen Ethnonationalisten. Der Mittelgrund sei auf lokaler und Bundesebene sumpfig geworden. Die Zeitung ermahnt jene Politiker der Mitte, die versucht seien, behutsam mit der aufrührerischen Partei zusammenzuarbeiten, mit einem langen Löffel zu essen.Der „Daily Telegraph“ berichtet, dass der ehemalige kommunistische Osten psychisch, wirtschaftlich und politisch ein anderes Land geblieben sei und warnt, dass der beispiellose Erfolg der AfD weit über die Grenzen des östlichen Bundeslandes hinaus Folgen haben könne. Und im „Guardian“ beschwört Rafael Behr Stefan Zweig, der im Exil auf die Welt vor dem Ersten Weltkrieg zurückblickte, in der der Glauben geherrscht habe, die Divergenzen zwischen den Nationen würden allmählich zerfließen. Diese Annahme, meint Behr, könnten auch den Globalisierungsgeist der Jahrtausendwende beschreiben. Nun seien die Nationalisten wieder im Aufwind. Der Wahlsieg der AfD sei nicht der größte, den eine rechtsextreme Partei in den vergangenen Jahren in Europa errungen habe, aber er sei einer der schockierendsten, weil er in Deutschland errungen wurde.Britische Reaktionen sind freilich im Spiegel jüngster Entwicklungen auf eigenem Boden zu sehen. In seiner Kolumne für die „Times“ nannte Trevor Phillips es Wunschdenken, Parteien, die mindestens ein Viertel der Wählerschaft anzögen, als rechtsextrem zu bezeichnen. Der Begriff suggeriere eine feste politische Mitte. Doch die populistischen Parteien hätten über Europa hinweg das ganze Spektrum um mehrere Grade nach rechts gezerrt. Dazu passt, dass zur selben Zeit, als die ersten Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt bekannt wurden, sich an der englischen Südküste Hunderte von teilweise vermummten, schwarz gekleideten Männern versammelten, die von der neuen rechtsextremen Gruppe „Patriot Platform“ zusammengetrommelt worden waren, um die Bevölkerung gegen irreguläre Migranten aufzuheizen, die über den Ärmelkanal nach Großbritannien kommen.„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“Am Sonntag hatte die BBC ihre ganze der Wahl in Sachsen-Anhalt gewidmete mittägliche Nachrichtensendung mit einem Brecht-Zitat eingeleitet: „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Am Montag kam die Schlagzeile hinzu, dass „eine rechtsextreme Partei zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutsches Land regieren“ könne, jedoch an vierter Stelle. Erst in der 41. Minute von „Today“ folgte ein ausführlicher Bericht aus Magdeburg. Die britische Innenpolitik hatte Vorrang, wobei Kommentatoren keinen Zweifel daran ließen, dass die Entwicklungen in dem kleinen Bundesland, auf das alle Welt jetzt blickt, gerade wegen der englischen Antimigrations-Proteste von hoher Relevanz auch für Großbritannien seien.Statt auf Sachsen-Anhalt einzugehen, veröffentlichte Nigel Farage, Parteiführer der rechtspopulistischen Reform-Partei, den das einzige sich zur Wahl in Sachsen-Anhalt äußernde Kabinettsmitglied in einen Topf mit der AfD warf, eine Videoansprache zu dem „riesigen spontanen“ Protest gegen die Bootsmigranten. Aufwieglerische Parolen mit einer Allüre der Vernunft verbindend, verurteilte er das Tragen von Masken und paramilitärischer Kleidung. Das Problem der angeblichen „Invasion“ von sexuellen Gewalttätern, Vergewaltigern und Mördern lasse sich nur durch die Wahlurne lösen. Das Nachrichtenportal „Politico“ konnte in Erfahrung bringen, dass Farage sich im Rahmen von geplanten Besuchen bei Führern europäischer Rechtsparteien nicht mit der AfD treffen werde. Zuvor hatte er von deren „respektabler kultureller Einstellung“ gesprochen, die Verbindungen zu Putin jedoch als „sehr, sehr schwierig“ bezeichnet.In der „Times“ behauptete William Hague, der einst den Tories vorstand, dass alle großen Konservativen des 20. Jahrhunderts – von Churchill über Reagan bis Thatcher – über den massiven Sieg der AfD entsetzt gewesen wären. Hague forderte eine Erneuerung des konservativen Denkens. Diese müsse mehrere dem Anschein nach widersprüchliche Prinzipien miteinander verbinden: eine breite Wohlstandsverteilung im Sinne Disraelis, ein Ideal aktiver Bürgerlichkeit im Sinne Tocquevilles, eine Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen, wie sie Burke vertreten hätte, das unnachgiebige Beharren auf Einheit aller Demokratien, wie es für Churchill selbstverständlich war, den Glauben an Eigenverantwortung, wie Thatcher ihn verkörperte, sowie den Optimismus hinsichtlich Technologie und Wachstum, für den Reagan stand. Sachsen-Anhalt sei die bisher klarste Warnung, dass die Zeit dränge, den Vormarsch des rechtspopulistischen Gegenmodells zu stoppen.