Die sogenannten Korridorsanierungen der Deutschen Bahn sind schon länger in der Diskussion. Das Konzept sieht vor, Problemstrecken vollständig und über Monate zu sperren und dann auf einen Streich zu sanieren. Das soll dann schneller, günstiger und effizienter sein, so die Idee. Doch der Staatskonzern hat damit bislang wenig Glück, der neue Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hat bereits Kritik geübt.Jetzt gibt es neue Schwierigkeiten bei der Sanierung einer der wichtigsten Strecken in Deutschland, nämlich der zwischen Berlin und Hannover, über die nahezu der gesamte Verkehr zwischen der Hauptstadt und Nordrhein-Westfalen läuft. Schon von Oktober an werde die Reise von Berlin nach Hannover 80 Minuten länger dauern und damit fast doppelt so lang wie derzeit, teilte die Deutsche Bahn am Mittwoch mit. Die Generalsanierung der betroffenen Strecke Berlin-Lehrte soll 14 Monate dauern.„Jetzt rächt sich die jahrzehntelange Schlafmützigkeit.“Ursprünglich war geplant, dass zumindest ein Teil der Züge über eine parallele Strecke geführt wird und damit der Zeitverlust nicht so hoch ist. Neben der Schnellfahrstrecke, die saniert werden muss, läuft eine eingleisige Strecke, die sogenannten Lehrter Stammbahn. Doch die Bahn teilte nun mit, dass die derzeit laufende Elektrifizierung dieser Ausweichstrecke sich erheblich verzögere. Diese werde den Angaben der Bahn zufolge ebenfalls bis Dezember 2027 dauern, das ist ein Jahr länger als ursprünglich geplant. Gründe dafür werden nicht genannt.„Jetzt rächt sich die jahrzehntelange Schlafmützigkeit des Bundes in Sachen Elektrifizierung“, sagt dazu Dirk Flege von der Lobbyvereinigung Allianz pro Schiene: „Ausbaden müssen es nun die Fahrgäste und die Güterverkehrskunden durch Umwege und längere Fahrzeiten.“ Der Verband der privaten Güterbahnen reagierte mit scharfer Kritik. Die Vollsperrung müsse ganz oder teilweise verschoben werden, wenn es der Bahn nicht gelinge, das dritte Gleis parallel zur Schnellfahrstrecke als Umleitung zur Verfügung zu stellen.Künftig soll es über Braunschweig und Magdeburg gehenDie Bahn plant, vom 2. Oktober an bis Dezember 2027 sämtliche Fernzüge zwischen Berlin und Hannover über Braunschweig und Magdeburg umzuleiten. Am Tag sollen pro Zwei-Stunden-Zeitraum jeweils drei Fernzüge pro Richtung unterwegs sein. Die Strecke zwischen Berlin und Hannover ist fast 230 Kilometer lang. Die Bahn teilte mit, dass mehr als 214 Weichen, rund 357 Kilometer Gleise, 100 Kilometer Oberleitungen sowie 13 Kilometer Lärmschutzwände erneuert werden sollen. Entlang der Strecke würden zudem 27 Bahnhöfe modernisiert und sechs Stellwerke grundlegend erneuert. Bis zur Sperrung sind es noch drei Wochen.Evelyn Palla ist seit fast einem Jahr Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn.Bernd von Jutrczenka/dpaUnklar ist, was die Sperrung für den Nah- und Regionalverkehr genau bedeuten wird. Ein detaillierteres Konzept werde derzeit ausgearbeitet, hieß es. Die Bahn teilte mit, man werde ein „verlässliches Grundangebot“ bereitstellen. „Dort, wo keine Züge fahren können, sind leistungsfähige Ersatzverkehre mit Bussen vorgesehen, um die Auswirkungen notwendiger Fahrplananpassungen für Reisende möglichst gering zu halten“, so die Bahn.Ein detailliertes Nahverkehrskonzept zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 werde aktuell mit den Aufgabenträgern und Eisenbahnverkehrsunternehmen ausgearbeitet. Güterzüge würden während der Sanierung auch über Braunschweig und Magdeburg umgeleitet, von Ende Januar 2027 an stehe für Güterzüge eine zusätzliche zweite Umleitungsstrecke über Halle zur Verfügung.Schienenverkehr:Die Deutsche Bahn sanieren? Ja klar. Aber wie?Monatelang werden Strecken gesperrt und saniert, manchmal fahren die Züge danach noch unpünktlicher: Die Deutsche Bahn will das umstrittene Prinzip der Korridorsanierung retten. Doch das wird nicht einfach.Zuletzt gab es erhebliche Probleme mit Korridorsanierungen. Die Bauarbeiten liefen teilweise länger als geplant und wurden auch teurer als geplant, der Verkehr lief danach teilweise nicht deutlich besser, das war versprochen worden. Die Sperrung der wichtigen Strecke von Nürnberg nach Regensburg beispielsweise wurde kurzfristig um drei Wochen verlängert, was für die Reisenden viele Unannehmlichkeiten bedeutete. Auf der Strecke zwischen Nürnberg und Regensburg sind normalerweise mehr als 350 Fern-, Regional- und Güterzüge am Tag unterwegs.Auch bei der Sanierung der wichtigen Strecke zwischen Hamburg und Berlin und bei der sogenannten Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim lief nicht alles glatt, im Gegenteil. Zwischen Hamburg und Berlin hatten direkt nach der Wiedereröffnung 133 von 1272 Zügen Verspätungen von 91 Minuten oder länger, geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Lediglich 105 verspäteten sich weniger als eine Minute. „Dazu kamen Zugausfälle sowie eine nicht funktionierende Informationspolitik“, heißt es weiter. Die viel genutzte Strecke war von August 2025 bis Juni 2026 saniert worden, die Vollsperrung musste um rund eineinhalb Monate verlängert werden. Die Bahn hatte das mit dem Frost zu Jahresbeginn begründet, was die Bauarbeiten verzögert habe.Mit den Generalsanierungen will die Deutsche Bahn bis Mitte der 30er-Jahre mehr als 40 stark ausgelastete Streckenkorridore umfassend instand setzen. Dafür sollen viele Milliarden investiert werden. Evelyn Palla, die Vorstandsvorsitzende der Bahn, hat bereits eine Überprüfung des Konzepts angekündigt. Die Sanierung solle besser geplant werden, für die Wiederinbetriebnahme will man sich mehr Zeit nehmen. Demnächst soll ein Plan dazu vorgestellt werden. Das grundsätzliche Prinzip der Korridorsanierung soll aber beibehalten werden, hieß es bisher.