Oskarchen sitzt auf der Traufkante des Flachdachs vom Mies-van-der-Rohe-Tempel, lässt die Beinchen baumeln und die Haare im Wind wehen. Und schlägt seine rot-weiße Blechtrommel. Passanten gucken irritiert nach oben, manche mit dem Aha-Effekt des Erkennens in der Miene, andere ratlos-amüsiert.Welch ein Symbol ist der Nationalgalerie und damit unserer Zeit aufs Dach gestiegen! Ein Kind mit Wachstumsverweigerung haut auf die Trommel. Günter Grass schrieb die „Blechtrommel“ 1959, das war 14 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Volker Schlöndorff verfilmte die Handlung 1979; dafür gab es in den USA einen Oscar. Der kleinwüchsige Sohn eines NS-Mitläufers trommelt aus Protest gegen die Nazi-Ideologie, das Mitläufertum. Es ist auch eine Anklage gegen Gewalt, Rassismus, Holocaust und Krieg.

Oskarchen trommelt gegen kollektiven Gedächtnisverlust

Wir schreiben das Jahr 2026. Kriege, Krisen, Zerrissenheit, Wut und Ratlosigkeit sind in der Welt. Und das vor 36 Jahren wiedervereinte Deutschland ist ideologisch gespalten und wird von „Heilsbringern“ verführt. Der Riss im deutschen Raum geht mitten durch Dörfer, Städte, Klassen, Teams, Familien und Freunde. Und Oskarchen trommelt unablässig vom Tempelbau eines im Dritten Reich ins Exil getriebenen Bauhaus-Architekten herunter – gegen kollektiven Gedächtnisverlust.