Oasis: Wenn sich zwei britische Streithammel versöhnen, ist der Weltfrieden nicht mehr fernFünfzehn Jahre lang waren Liam und Noel Gallagher verkracht, inzwischen stehen die Brüder wieder gemeinsam auf der Bühne. Der Konzertfilm «Don’t Look Back in Anger» lässt ihre Wiedervereinigung wie ein Fanal für eine sich dauernd zankende Gegenwart wirken.09.09.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNeuerdings zu Scherzen aufgelegt: Liam und Noel Gallagher auf ihrer Tour.DisneyEs waren einmal zwei Brüder, die sich jahrzehntelang bei jeder Gelegenheit auf die Nerven und an die Gurgel gingen. Der eine hielt sich für ein Genie, weil er sang, der andere, weil er die Liedtexte dichtete. So schrieben und schrien sie gegeneinander an, beleidigten, verprügelten und verachteten sich, während sie ihre ungeschliffenen Hymnen in einen Hit nach dem anderen verwandelten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eines sonnigen Sommerabends Ende August 2009 in Paris war damit Schluss. Liam und Noel Gallagher brachen endgültig miteinander. Das letzte Konzert von Oasis beim Festival «Rock en Seine» fiel ins Wasser, der Veranstalter gab vor Tausenden enttäuschten Fans das sofortige Ende der Band bekannt.Händchenhalten und BussiRund fünfzehn Jahre lang sprachen die Brüder nicht miteinander, ihre jüngeren Kinder lernten einander nicht kennen. Irgendwann war es kaum mehr denkbar, dass sich das jemals ändern könnte. Im August 2024 folgte schliesslich die Sensation: Die Gallaghers hatten sich zusammengerauft und kündigten eine Tour an, die schliesslich 41 Konzerte in 11 Staaten umfassen sollte. Ausverkauft in Rekordzeit.Von dieser erstaunlichen Versöhnung und dem triumphalen Comeback handelt die Konzertdoku «Don’t Look Back in Anger», die gerade an den Filmfestspielen von Venedig bejubelt wurde. Den Lido säumten Fans in Band-Shirts, Noel verdrückte an der Premiere ein paar Tränen. Und einträchtig schwänzten die beiden die Pressekonferenz. Fast wie in alten Zeiten, nur miteinander.Schliesslich war die hemdsärmlige Raubeinigkeit das Markenzeichen der Band, die sich vor allem über ihre beiden zankenden Frontleute definierte. Oasis standen für Melancholie und Zuversicht, für Abstürze und Wiederaufstehen. Und für Manchester, den Working-Class-Stolz einer abgerockten Industriestadt, für Fussball, Bier, Freiheit – und den unbedingten Glauben, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können.Bekanntlich liegen Zweifel und Glaube nahe beieinander, und so gestalten sich im Film die ersten Proben zur neuen Tour zäh: Sobald Liam die Tür zur glanzlosen, grauen Lagerhalle aufschlägt, wird die Luft zum Schneiden dick.Ein müder, unrasierter Noel zupft unmotiviert an der Gitarre, während Liam motzt und mit Kapuze über dem Gesicht stoisch das Mikrofon anbrüllt. An manchen Tagen will der Sänger überhaupt nicht üben, heisst: langes Wochenende und lange Gesichter bei der Crew.Doch sobald die beiden «lads» die Bühne betreten, nehmen sie sich an der Hand, nach und nach herrscht eine wunderbare, warme Eintracht. Die sich früher bei Auftritten oft komplett ignorierenden Brüder lächeln sich an, scherzen, Liam gibt dem überraschten Noel ein Bussi.Der sagt, eine andere Bezeichnung als «pain in the ass», unerträgliche Nervensäge, habe er früher für seinen Bruder nicht gefunden. Am Schluss des Films nennt er ihn «delightful», entzückend. Ein Wort, das wohl viele mehr mit der Teestunde im Buckingham Palace assoziieren als mit dem Pub zur Sperrstunde.Dass die Musik so frisch klingt wie vor dreissig Jahren, liegt aber nicht zuletzt an der Rückkehr von Paul «Bonehead» Arthurs: Der Gitarrist war hauptsächlich für die charakteristische «Wall of Sound» der Band verantwortlich, dieses dicke, leicht verzerrte Klangbrett, das jeden Klub und jedes Stadion zum Vibrieren brachte.Auch der Dokumentarfilm von Dylan Southern und Will Lovelace dröhnt extrem kraftvoll – und ist wie schon lange keiner mehr fürs Kinoerlebnis gemacht. Sehr schade, läuft er nun in der Schweiz ebenso wie in Deutschland lediglich für vier Tage (bis 13. September) auf der grossen Leinwand, ehe er zum Streamingportal seines Produzenten Disney wandert.Ein Fanal für die WeltWie genau die Versöhnung gelungen ist, lässt der Film offen. Es zähle nicht zu seinen Charakterzügen, vergeben zu können, sagt Noel anfangs. Und Liam erklärt mit steinernem Gesicht und seinem eigenwilligen Humor, «it takes a lot of caring to not give a fuck», also zu kultivieren, dass einem wirklich gar nichts nahegeht.1995 waren die Brüder Superstars und bekriegten einander heftig.Dave Hogan / GettyKlar, die Brüder werden sich kaum für eine Gesprächstherapie auf die Couch gelegt haben. Wahrscheinlich haben sie nicht einmal miteinander über ihre Probleme gesprochen. Der Wandel ist einfach passiert, durchs Alter, durch innere Reife, durch gewonnene Lässigkeit. Egal, auf das Ergebnis kommt es an: Kein Mord wie bei Kain und Abel, sondern eine herzliche Umarmung.«Don’t Look Back in Anger» präsentiert wenig subtil eine solche religiöse Lesart, die zwar etwas abgegriffen ist, aber doch ergreifend sein kann. Weil sie eine politische Komponente hat: Pop wird hier zum positiven Populismus.Die Versöhnung zwischen Noel und Liam ist ein Fanal für die Welt: Einheit statt Spaltung. Wenn selbst diese zwei stieren Dickschädel es schaffen, dann kann es jeder Streithammel. Der Change, der von der Politik immer beschworen wird, wird hier wahr. Zumindest für den Moment.Dazu passend erzählen im Film Oasis-Jünger von ihren Lieblingssongs, wie ihnen «Supersonic» oder «Wonderwall» geholfen hätten, über Liebeskummer und andere Lebenskrisen hinwegzukommen. Später sieht man dieselben Fans feiernd im Stadion. Drehbuchtechnisch ist das trotz Überlänge geschickt gestaltet von Steven Knight, der nicht nur «Peaky Blinders» erfand, sondern auch am nächsten «James Bond» arbeitet.Cool Britannia elektrisiert die WeltDoch wo man sich bei dem Geheimagenten und seinem langen Hiatus schwertut, in der Gegenwart anzukommen, sind Oasis weiter. Und überraschend anschlussfähig: Cool Britannia elektrisiert nicht nur die Insel, sondern die ganze Welt. Asien und sogar Amerika, wo man dem Britpop stets reserviert gegenüberstand.Selbst die Gen Z entdeckt Oasis – mitsamt der Sehnsucht nach einem Lebensgefühl, das sie selbst nur aus Erzählungen der Eltern kennt: die Unbeschwertheit der neunziger Jahre, den Exzess und sogar das Analoge: «Put your fucking phones down!», sagt Liam. Geniesst den Moment, anstatt euch auf X zu streiten, lieber blau sein als ins blaue Bildschirmlicht starren.Freilich ist die Wucht dieses Pathos im Film auch kalkulierte PR, entziehen kann sich ihr dennoch niemand. Nicht der Polizeikommandant im Film, der seine Mannschaft vor dem ersten Konzert in Cardiff brieft – und dabei ständig Songtitel einbaut. Und nicht die Trauernden in Manchester, die nach dem Anschlag auf das Ariana-Grande-Konzert 2017 spontan «Don’t Look Back in Anger» anstimmten.Schau nicht zurück in Zorn: Könnte es für unsere Zeit voller Ressentiments und bitterer, rückwärts gerichteter Blicke ein besseres Antidot geben?Oasis: Don’t Look Back in Anger: Im Kino von 9. bis zum 13. September, danach auf Disney+ (122 Minuten).Passend zum Artikel
«Don’t Look Back in Anger»: Oasis schreiben Geschichte neu
Fünfzehn Jahre lang waren Liam und Noel Gallagher verkracht, inzwischen stehen die Brüder wieder gemeinsam auf der Bühne. Der Konzertfilm «Don’t Look Back in Anger» lässt ihre Wiedervereinigung wie ein Fanal für eine sich dauernd zankende Gegenwart wirken.










