Der neue deutsche Öko-Terrorismus: Immer mehr linke Saboteure lehnen die Moderne und ihren angeblichen Raubbau an der Natur abDie Polizei hat einen Verdächtigen gefasst, der in den vergangenen Tagen Hochspannungsleitungen mit selbstgebauten Raketen attackiert haben soll. Seine Taten stehen in einer langen Reihe politisch motivierter Sabotage, die bis in die Anti-AKW-Bewegung zurückreicht.Armin Arbeiter, Berlin08.09.2026, 17.33 Uhr3 LeseminutenAm Dienstag nahm die Polizei den mutmasslichen Klimaterroristen fest.Tim Oelbermann / ImagoNach der Serie von Sabotageangriffen auf das deutsche Stromnetz hat die Polizei einen 48 Jahre alten Tatverdächtigen festgenommen. Der Mann fiel der Polizei in der Nähe des Kraftwerks Weisweiler bei der westdeutschen Stadt Aachen auf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Behörden hatten seit Tagen nach ihm gefahndet. Er soll an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen versucht haben, mit selbstgebauten Raketen einen dünnen Draht über Hochspannungsleitungen zu schiessen und so einen Kurzschluss auszulösen.Zuletzt sind am Montag abermals mehrere Abschussvorrichtungen an einer Hochspannungsleitung in der Nähe des Kraftwerks Weisweiler entdeckt worden – also ganz in der Nähe der Stelle, an der die Polizei den Mann festnahm.In mindestens zwei Fällen ist der Plan des Täters offensichtlich aufgegangen. In Bergheim westlich von Köln waren durch einen Kurzschluss mehrere Blöcke eines Kraftwerks für einige Tage lahmgelegt worden. In Brandenburg hatte es am Umspannwerk Turnow-Preilack zwei Kurzschlüsse gegeben. Mehr als zwanzig selbstgebaute Raketen sollen dort leitfähiges Material auf die Hochspannungsleitungen geschossen haben. Einen tatsächlichen Stromausfall gab es bei den beiden Taten nicht.Der Innenminister spricht von KlimaterrorismusDeutschlands Innenminister Alexander Dobrindt hatte die Taten kürzlich als «Klimaterrorismus» eines Einzeltäters bezeichnet.Zu der Sabotage-Serie gibt es Bekennerbriefe, die die Ermittlungsbehörden für authentisch halten und dem Verdächtigen zuordnen. Darin werden die Angriffe auf das Stromnetz mit dem Kampf gegen fossile Energien begründet. «Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen ist ein Verbrechen», heisst es dort.Obgleich er höchstwahrscheinlich auf eigene Faust handelte, ist in Deutschland in den vergangenen Jahren zunehmend eine neue Form von Ökoterrorismus zu beobachten. Vor allem die linksextreme Szene verübt immer wieder Anschläge gegen die deutsche Infrastruktur. Zum grossflächigen Stromausfall in Berlin Anfang Jahr bekannte sich etwa die linksextreme «Vulkangruppe». Auch damals begründeten die Täter ihr Handeln mit dem Raubbau an der Natur und einer grundsätzlichen Ablehnung der Moderne. Sicherheitsbehörden stuften das Bekennerschreiben als glaubwürdig ein. Der Generalbundesanwalt ermittelt wegen Terrorverdachts.Hochspannungsmasten gesprengtDie Wurzeln dieses Öko- oder Klimaterrorismus reichen zurück bis zu der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre. Die Proteste liefen anfangs mehr oder minder gewaltfrei ab, doch bereits damals kam es immer wieder zu Sabotageakten gegen Infrastruktur der Atomwirtschaft. So wurden etwa im Juni 1979 Überlandleitungen, die zum nahezu fertiggestellten Atomkraftwerk Krümmel führten, durchtrennt. Sechs Jahre später sprengten Klimaterroristen einen Hochspannungsmasten in der Nähe dieses Kraftwerks.In den 1990er Jahren verübten autonome Gruppen Anschläge gegen Castor-Transporte, die hochradioaktive Abfälle in besonders gesicherten Spezialbehältern transportieren, meist per Bahn oder Lkw. Militante Gruppen sabotierten Bahnstrecken und Oberleitungen, um diese Transporte zu verhindern.Seit den 2010er Jahren kommen zu den ökologischen Forderungen der linksextremen Szene immer öfter Themen wie Antikapitalismus, die Kritik am «postkolonialen System» und eine grundsätzliche Ablehnung von Technologie – und der Moderne.Neue radikale GruppenAuch der Verdächtige verbindet sein ökologisches Tatmotiv mit anderen politischen Themen: In seinem Bekennerschreiben wirft er Deutschland unter anderem vor, einen «Völkermord in Palästina» zu unterstützen.Gerade den «Vulkangruppen» werden seit 2011 zahlreiche Anschläge auf Bahn-, Energie- und Telekommunikationsanlagen zugeschrieben. Im März 2024 legten sie mit einem Anschlag auf einen Hochspannungsmasten die Tesla-Fabrik in der Nähe Berlins zeitweise lahm.2023 wurde der deutsche Verfassungsschutz auf eine weitere Organisation aufmerksam: «Switch off – the system of destruction», ein Zusammenschluss von Anarchisten, die immer wieder Anschläge auf Infrastruktur und Unternehmen verüben und damit einen «revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus» fördern möchten.Passend zum Artikel