Gasspeicher kann man sich vorstellen wie große Luftballons: Man kann Gas hineinpusten, aber nur in einer bestimmten Geschwindigkeit. Fängt man nicht früh genug damit an oder pustet nicht kräftig genug, werden sie nicht rechtzeitig voll.Kurz vor Beginn der Heizperiode ist klar: Selbst wenn sehr kräftig gepustet und bis zum 1. November mehr Gas eingespeichert wird als in den vergangenen drei Monaten zusammen, kann bis dahin aus technischen Gründen nur noch ein Füllstand von 77 Prozent erreicht werden. Das zeigen Modellrechnungen, die der Speicherverband INES am Dienstagmorgen veröffentlicht hat. Damit ist klar, dass das Ziel von 80 Prozent in den deutschen Speichern verfehlt wird.Der Verband warnt zudem, dass der maximal mögliche Füllstand von 77 Prozent bei extrem niedrigen Temperaturen im kommenden Winter nicht ausreichen könnte, um die Versorgung zu gewährleisten. An einzelnen Tagen könne es zu einer Unterdeckung des Bedarfs von mehr als 25 Prozent kommen, so der Verband. Sollte jene sehr optimistische Annahme der kräftigen Einspeicherung nicht eintreffen, könnte es im Falle eines kalten Winters noch düsterer kommen.Angespannte Lage auch in den NiederlandenGrund für die Malaise sind die Preise, die sich weiter auf sehr hohem Niveau bewegen. Im Großhandel kostet eine Megawattstunde derzeit etwa 75 Euro, das sind 150 Prozent mehr als vor Beginn des Konfliktes in Iran. Zugleich erwartet der Markt für die kommenden Wochen und Monate ähnlich hohe Preise. Entsprechend unattraktiv ist es für Händler derzeit, Gas einzuspeichern und es im Winter wieder auf den Markt zu bringen. Das Ergebnis sind Füllstände, die mit 54 Prozent so niedrig sind wie seit Beginn der Aufzeichnungen nicht mehr zu diesem Zeitpunkt.Auch in den Niederlanden – ein Knotenpunkt im europäischen Netz und wichtiger Lieferant für Deutschland – ist die Lage angespannt. Der staatliche Infrastrukturbetreiber Gasunie warnte kürzlich, das Land werde sein Ziel für diesen Winter, etwa die Hälfte des Bedarfs einzuspeichern, nicht erreichen. Seinen Angaben zufolge ist das Land ähnlich wie Deutschland für einen besonders kalten Winter nicht gewappnet.Gasunie weist der Regierung die Verantwortung für die jetzige Lage zu; man habe mit Blick auf die langsame Füllrate regelmäßig gewarnt. Die staatliche Agentur EBN soll seit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 einen Beitrag liefern, die Gasspeicher zu füllen, auch in diesem Jahr. Sie verkauft unter anderem Gas aus den verbliebenen kleinen Erdgasfeldern im Inland. Denn die privaten Wettbewerber haben dazu – wie in Deutschland auch – keinen kommerziellen Anreiz. „Für reguläre Marktteilnehmer ist es in diesem Sommer wirtschaftlich nicht machbar, die Speicher im Sommer für den Verkauf im Winter zu füllen“, teilte der Betreiber im vergangenen Monat mit.EU: Lage nicht mit letzter Energiekrise vergleichbarDie Bundesnetzagentur und auch Stimmen aus der Branche weisen immer wieder darauf hin, dass Europa seine Kapazität für den Import von Flüssiggas (LNG) seit der Energiekrise 2022 um ein Drittel gesteigert hat und die Füllstände der Speicher damit weniger wichtig seien als noch vor vier Jahren. Im EU-Durchschnitt betragen sie derzeit 67 Prozent.Die Vorgaben verlangen eigentlich 90 Prozent zum Beginn des Winters. Sie erlauben aber ein Unterschreiten von bis zu zehn Prozentpunkten. Die Kommission kann die Vorgaben unter bestimmten Umständen zudem auf 75 Prozent absenken. Es gebe keinen Grund zur Beunruhigung, heißt es in Brüssel. Zu einem ähnlichen Schluss kam am vergangenen Donnerstag die Gaskoordinierungsgruppe der Europäischen Union, zu der Vertreter von Regierungen, Industrie und Verbrauchern gehören. Trotz im Jahresvergleich niedriger Füllstände gebe es kein unmittelbares Risiko für die Versorgungssicherheit, teilte die Gruppe mit.Die aktuelle Lage sei nicht mit dem Höhepunkt der Energiekrise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine vergleichbar. Die EU sei auf gutem Wege, ihre Speicher bis zum Winter ausreichend zu füllen. Dazu trage bei, dass der Verbrauch seit der letzten Krise um 17 Prozent gesunken sei. Das Gassystem sei in der Lage, niedrigere Füllstände im kommenden Winter aufzufangen. Dafür reicht nach Einschätzung der Fachleute ein Füllstand von 80 Prozent zu Beginn des Winters aus.Italien versucht zu diversifizierenBesser als in Deutschland und den Niederlanden läuft es in Italien: Die Speicher sind zu 83 Prozent gefüllt, das Land liegt also deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Staatlich gesetzte Anreize haben erheblich dazu beigetragen. So gibt es seit Beginn des Ukrainekrieges im Februar 2022 einen Bonus für die Händler, damit diese ihre gebuchten Speicherkapazitäten auch nutzen, selbst wenn der erwartete Preis für das Wintergas nicht so hoch sein sollte. Er kostete im vergangenen Winter rund 182 Millionen Euro – eine Summe, die letztlich als Teil der Netzentgelte auf der Gasrechnung der Verbraucher landet.Eine weitgehend zentralstaatliche Steuerung hilft zusätzlich, die Versorgungssicherheit zu garantieren. Die Gasspeicher werden von einer Tochtergesellschaft des mehrheitlich staatlichen Gasunternehmens Snam verantwortet. Das Land, das stark von dem Energieträger abhängig ist, verfügt nach Deutschland über die zweitgrößten Speicherkapazitäten Europas.Ähnlich wie Deutschland versucht Italien seit Februar 2022, seine Lieferquellen zu diversifizieren. Im ersten Halbjahr kam das Gas zu 36 Prozent aus Algerien, zu 16 Prozent aus Aserbaidschan und zu elf Prozent aus Nordwesteuropa. Flüssiggas trug 34 Prozent bei. Als die Lieferungen durch Irans Bomben auf Qatar und durch die Sperrung der Straße von Hormus knapper wurden, kaufte Italien unter anderem in den Vereinigten Staaten mehr ein. Die Infrastruktur mit heute fünf großen Flüssiggas-Terminals wurde ausgebaut, schwimmende Anlagen vor Piombino und Ravenna kamen hinzu.Preisspitzen wahrscheinlichWie also geht es für Europa im kommenden Winter nun weiter? Andreas Goldthau von der Universität Erfurt hält Preisspitzen für wahrscheinlich. „In der angespannten Situation können einzelne regionale Ereignisse große Auswirkungen auf die Preise am Weltmarkt haben“, sagt er. „Allein eine Ankündigung der US-Regierung, Exportgenehmigungen möglicherweise zu widerrufen, würde den Preis in Europa scharf nach oben treiben.“ Vorstellbar sei zudem, dass eine der großen Flüssiggas-Exportstätten in Louisiana oder Texas wegen einer harten Hurrikan-Saison ausfällt, in Australien an einem LNG-Terminal gestreikt wird oder Norwegen eine seiner Pipelines länger als geplant warten muss und Deutschland dann mehr Gas auf dem LNG-Markt kaufen muss.Solch hohe Preise träfen zunächst die Händler, in Deutschland also Uniper, RWE, Sefe, VNG und Co. Sie müssen sicherstellen, dass sie ihren Kunden – Stadtwerken zum Beispiel oder großen Industriekunden – das vertraglich zugesicherte Gas auch liefern. Darauf weist auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) immer wieder hin. Sollte sich herausstellen, dass sie nicht ausreichend Gas eingespeichert haben, müssten sie Energie auf dem Spotmarkt zukaufen und sie im Zweifel auch zu geringeren – vorher zugesicherten – Preisen verkaufen.Physische Knappheiten hält Goldthau in zwei Fällen für möglich: Wenn Pipeline-Lieferungen aus Norwegen ausfallen sollten. Oder wenn sich der amerikanische Präsident aus irgendeinem Grund tatsächlich dafür entscheiden sollte, Flüssiggaslieferungen nach Europa zu stoppen.
Gasspeicher in Deutschland: Droht ein kalter Winter?
Das deutsche Füllstandsziel kann aus technischen Gründen nicht mehr erreicht werden. Wie es in anderen Ländern aussieht und was das für die kalte Jahreszeit bedeutet.











