Eigentlich ist er der Mann fürs Fiktive. Steven Knight ist einer der erfolgreichsten britischen Drehbuchautoren der Gegenwart. Der 67-Jährige schuf die Gangsterserie „Peaky Blinders“, schrieb Filme wie „Tödliche Versprechen“ und „Spencer“. Gerade arbeitet er am Drehbuch für den nächsten James-Bond-Film, bei dem Denis Villeneuve Regie führen wird. Für den Dokumentarfilm „Oasis: Don’t Look Back In Anger“, der in Venedig beim Filmfestival minutenlange Standing Ovations bekommen hat und von Donnerstag an in den deutschen Kinos zu sehen ist, entwickelte Knight Konzept und Drehbuch. Der Film begleitet die Wiedervereinigung von Liam und Noel Gallagher nach 15 Jahren Trennung, interessiert sich dabei weniger für die alte Rivalität der Brüder als für die Frage, warum ihre Musik heute mehrere Generationen verbindet. Herr Knight, Ihr Name im Zusammenhang mit den Gallagher-Brüdern ist eher eine Überraschung. Wie sind Sie zu diesem Oasis-Film gekommen?Ich hatte für eine von Liams Soloveröffentlichungen ein Video gemacht. Das war Teil eines Deals ohne Geld: Er trat bei einem „Peaky Blinders“-Festival in Birmingham auf, dafür machte ich das Video. Kurz vor Weihnachten 2024 meldete sich dann Liams Partnerin und fragte, ob ich Interesse an diesem Film hätte. Liam und Noel wollten, dass ich es mache. Ich war Fan ihrer Musik – das war einfach eine zu gute Gelegenheit, um sie auszuschlagen.Was hat Sie an der Geschichte interessiert?Bei einem meiner ersten Treffen mit Noel erzählte er, wie überrascht sie von der Reaktion auf die Reunion waren. Sie wollten Arenen füllen. Am Ende waren es Stadien. Da wurde klar: Das ist nicht nur die Generation, die Oasis damals erlebt hat. Da sind eine zweite und sogar eine dritte Generation dazugekommen. Für mich soll ein Dokumentarfilm immer eine Frage stellen. Meine war: Wie zum Teufel sind wir hierhergekommen? Wie konnte eine Band, die 16 Jahre lang keine neue Musik vermarktet hat, von einer neuen Generation entdeckt werden, die eine ganz eigene Beziehung zu diesen Songs entwickelt hat?Ankunft am Lido: Liam und Noel Gallagher auf dem Weg zur Pressekonferenz zum Film „Oasis: Don't Look Back In Anger“ReutersGeht es deshalb im Film auffallend stark um die Fans?Das war von Anfang an das Konzept. Wir wollten nicht einfach nur die Tour filmen, wir wollten Menschen finden, die nicht zur ursprünglichen Oasis-Generation gehören, und sie fragen, warum ihnen die Musik so viel bedeutet. Dabei haben wir festgestellt, dass ihre Beziehung zu den Songs häufig auch etwas mit ihren Eltern zu tun hat. Bei den Konzerten sahen wir dann Menschen, die bei den ersten Tönen in Tränen ausbrachen und sich umarmten: Väter und Söhne, Mütter und Töchter. Sogar Fremde, Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, lagen sich weinend in den Armen. Sobald die Musik beginnt, entsteht eine Verbindung. Wie Moleküle, die sich wieder zusammenfügen. Ich wollte wissen, was da eigentlich gerade passiert.Haben Sie eine Antwort gefunden?Die Wirkung ihrer Musik bleibt geheimnisvoll. Als Autor interessiert mich besonders, wie die Poesie dieser Songs funktioniert. Zwei Menschen können dieselben Worte vollkommen unterschiedlich interpretieren und trotzdem beide das Gefühl haben, dass dieser Song von ihnen handelt. Ich glaube nicht, dass man vollständig erklären kann, warum Musik das schafft. Vor allem nicht die von Oasis.Gleichzeitig erzählt „Don’t Look Back In Anger“ vor allem die Geschichte zweier Brüder, die 15 Jahre lang kaum miteinander gesprochen haben. Wie war ihre erste Begegnung?Sie hatten vorher gerade lange genug gemeinsam in einem Raum gestanden, um ein Foto zu machen. Dann kam Liam in den Proberaum. Die Anspannung war bei allen spürbar. Kommt er, kommt er nicht? Wann rastet er aus? Dann ging die Tür auf, und er war da. Keine Umarmung, kein High Five, keine Tränen. Nur: Sollen wir? Können wir loslegen? Seid ihr bereit? Eins, zwei, drei, vier – und los. Aber gerade in diesem völligen Mangel an sichtbarer Emotion steckte unglaublich viel Emotion. Und nach und nach erlaubten sie sich wieder, etwas davon zu zeigen. Sie fanden wieder zueinander.Wie viel Zeit haben Liam und Noel während der Tour tatsächlich miteinander verbracht?Am Anfang gab es praktisch keine Gespräche. Dann geschahen nach und nach kleine Dinge. Als sie in Cardiff auf die Bühne gingen, wusste Noel zum Beispiel nicht, dass Liam plötzlich seine Hand nehmen würde. Im Film erzählt er, dass er in diesem Moment dachte: Was zum Teufel passiert hier, der hat meine Hand! So lief das: eine Reihe von Ereignissen, die im Nachhinein unvermeidlich erscheinen, es aber überhaupt nicht waren. Stück für Stück haben sie wieder entdeckt, dass sie Brüder sind.Der Autor und die Musiker: Liam Gallagher (links) mit Drehbuchautor Steven Knight (Mitte) und Bruder Noel in VenedigdpaNoel Gallagher hat gesagt, die Reunion habe auch die Geschichte von Oasis verändern sollen. Sollte Ihr Film dasselbe tun?Das kann ein Dokumentarfilm nur, wenn sich die Realität tatsächlich verändert. Wenn wir gedreht hätten und die beiden hätten sich auf halber Strecke wieder zerstritten, dann hätten wir die alte Geschichte nicht verändert, sondern noch verschlimmert. Aber sie haben sich versöhnt. Insofern hat sich die Geschichte verändert.Spielte nicht auch Geld einen Grund für die Reunion?Natürlich spielte Geld eine Rolle. Man geht zur Arbeit und wird dafür bezahlt, das ist nun einmal ihr Job. Aber nach meinen Gesprächen mit ihnen glaube ich nicht, dass das die wichtigste Motivation war. Beide hatten das Gefühl, dass Oasis auf die falsche Art zu Ende gegangen war. Da war etwas nicht abgeschlossen. Für sie war die Reunion gleichzeitig unmöglich und unvermeidlich: Es ist unmöglich, dass wir jemals wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen – und gleichzeitig ist es unvermeidlich, dass wir es irgendwann tun. Irgendwann hat das Unvermeidliche das Unmögliche besiegt.Der Film ist erstaunlich versöhnlich.Ich möchte sogar, dass er naiv wirkt. Ich möchte diese Botschaft von Versöhnung, Vergebung und Erlösung vermitteln – gerade in einer Zeit, in der Menschen so seltsam und unangenehm miteinander umgehen und die Gesellschaft politisch so gespalten ist. Wir erfinden ja nichts dazu. Das ist nun einmal wirklich passiert. Hätte es diese Versöhnung nicht gegeben, wäre auch der Film ein anderer geworden.Hatten Sie nie den Verdacht, dass diese Versöhnung für die Kameras inszeniert sein könnte?Wenn es zwei Menschen auf diesem Planeten gibt, die keinen Bullshit darüber erzählen, was gerade los ist, dann sind das Liam und Noel Gallagher. Sie sagen einfach, was sie denken. Ungefiltert. Das war wahrscheinlich überhaupt einer der Gründe für ihre Probleme. Aber wenn sie jetzt sagen, unsere Kinder sind Freunde, wir sind wieder eine Familie – dann ist das so. Und ich möchte, dass das kitschig klingt. Denn ich glaube, genau das brauchen wir gerade.Sie haben selbst vier Brüder und zwei Schwestern. Hat Ihnen das geholfen, Liam und Noel zu verstehen?Natürlich, ich weiß, wie Familien funktionieren. Da ist es manchmal kochend heiß und manchmal eiskalt. Bei Liam und Noel dachte ich: Hier sind zwei Menschen, die so weit voneinander entfernt waren, wie zwei Menschen nur sein können. Wenn die wieder zusammenfinden können, kann es vielleicht jeder.Sind die beiden mit dem Alter sanfter geworden?Vielleicht sind sie einfach mehr sie selbst geworden. Ohne dieses ganze Imponiergehabe, ohne ständig etwas beweisen zu müssen. Noel hat es sehr schön formuliert: „Wir sind jetzt gleichberechtigt.“ Wer Geschwister hat, kennt das: Wer ist der Chef? Wer ist älter, größer, stärker? Das beginnt in der Kindheit. Bei ihnen ist das jetzt weg.Ihr Film wirkt mitunter wie ein Gottesdienst. Kann Musik etwas Ähnliches leisten wie Religion?Das hängt davon ab, wie man Religion definiert. Aber die Emotionen bei einem Konzert – egal ob Gospel, Oasis oder klassische Musik – findet man in ähnlicher Form eigentlich nur noch beim Fußball oder in der Religion. Der einzige Moment, in dem englische Männer aus der Arbeiterklasse einander umarmen, ist, wenn ein Tor fällt. Bei Musik spürt man etwas, schaut zum Menschen neben sich und merkt, der fühlt gerade dasselbe. Also müssen wir uns irgendwie ähnlich sein. Möge das bitte so bleiben.Hatten Sie während der Dreharbeiten Angst, dass sie sich doch wieder zerstreiten könnten?Seltsamerweise nicht. Vielleicht bin ich Optimist. Aber wenn es passiert wäre, hätten die Kameras weitergedreht. Wir hätten nicht gesagt, verdammt, jetzt können wir den Film nicht mehr machen. Wir hätten es gefilmt. Gleichzeitig hat während der Produktion niemand gehofft, dass es einen Streit gibt, weil das dramatischer wäre. Darum ging es uns nicht. Wir wollten, dass es funktioniert.Sie haben gesagt, Vergebung statt Verbitterung sei für Sie auch eine politische Botschaft.Wir leben in einer zerrissenen Welt. Spaltung wird gefeiert, Boshaftigkeit wird gefeiert, Menschen schreien sich anonym über ihre Tastaturen Beleidigungen entgegen. So wie die Dinge gerade sind, halte ich die sehr offensichtliche Botschaft dieses Films für wichtig: Was die Welt jetzt braucht, ist Liebe.Das klingt beinahe so, als hätten Oasis die Welt gerettet.Nein, natürlich nicht. Aber wenn man einen Spielfilm schreibt, erzählt man vielleicht von einer Nonne und einem Lastwagenfahrer und hofft, dass in dieser konkreten Beziehung etwas Universelles steckt. Man kann einen Film über zwei Menschen machen und hoffen, dass ihre Geschichte die Menschen über etwas Größeres nachdenken lässt. Bei diesem Dokumentarfilm ist es genauso.War es leicht, die beiden zu interviewen?Ja, aber nicht, weil ich eine besondere Beziehung zu ihnen hätte. Es liegt an ihnen. Fast alles, was sie sagen, könnte man auf ein T-Shirt drucken. Liam sagte einmal: „You have to really, really care to not give a fuck.“ Ich weiß nicht einmal genau, was das bedeutet. Aber es ist brillant.