Neuer Pisa-Schock: Das Bildungsniveau der Schüler in Deutschland fällt auf einen historischen TiefstandNaturwissenschaften, Mathematik und Lesen – in allen Kompetenzbereichen verschlechtern sich die Leistungen der Schüler in Deutschland. Der Abstand zu den führenden Ländern in Asien wird immer grösser. Das hat weitreichende Folgen für den Wohlstand.08.09.2026, 14.47 Uhr7 LeseminutenMit der Bildung der Schüler in Deutschland geht es seit zehn Jahren steil bergab.Gerhard Leber / ImagoWenn sich Ökonomen in einer Sache einig sind, dann ist es dies: Die Bildung der Bevölkerung ist einer der wichtigsten Motoren für das Wachstum der Wirtschaft. Je besser die Menschen gebildet sind, desto mehr Innovationen bringen sie zustande. Das beschleunigt den technischen Fortschritt und steigert die Produktivität.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gemessen daran sieht es nicht gut aus für das künftige Wachstum in Deutschland. Denn das Leistungsniveau der Schüler sinkt seit Jahren. Jetzt hat es einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das zeigt der neue Pisa-Bildungsbericht, den die Industrieländer-Organisation OECD an diesem Dienstag vorgestellt hat.Die OECD hat dazu die Kenntnisse von mehr als 760 000 Schülern im Alter von 15 Jahren in 91 Ländern in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen geprüft. In Deutschland nahmen mehr als 6600 Schüler in 246 Schulen an den Tests teil. Für die Testergebnisse verteilte die OECD Punkte. Je besser die Leistung, desto höher die Punktzahl.Der Abwärtstrend begann mit der MasseneinwanderungDie Kompetenzen der Schüler in Deutschland haben sich sowohl in den Naturwissenschaften, die den Schwerpunkt der aktuellen Pisa-Studie bilden, als auch in der Mathematik und bei der Lesekompetenz im Vergleich zum vorangegangenen Pisa-Test aus dem Jahr 2022 verschlechtert.Damit setzte sich der Abwärtstrend in allen drei Disziplinen fort. Dieser begann Mitte des vergangenen Jahrzehnts, just zu dem Zeitpunkt, als die Masseneinwanderung nach Deutschland und Europa einsetzte. Seither geht es mit den Leistungsniveaus steil nach unten. In den Naturwissenschaften sackte der Bildungsstand der Schüler in Deutschland von 524 Punkten im Jahr 2012 auf derzeit nur noch 486 Punkte ab. In der Mathematik verschlechterte sich das Leistungsniveau von 514 auf 464 Zähler. Bei der Lesekompetenz ging es von 2012 bis 2025 von 508 auf 465 Punkte nach unten.Die Ergebnisse der Schüler in Deutschland seien «in allen drei Erhebungsbereichen die niedrigsten, die jemals im Rahmen von Pisa in Deutschland gemessen wurden», schreiben die OECD-Ökonomen in ihrer Studie. Im Vergleich zu 2015 hat sich der Anteil der leistungsschwachen Schüler in Mathematik um 17 Prozentpunkte erhöht, bei der Lesekompetenz nahm der Anteil der Leistungsschwachen um 15 Prozentpunkte zu, in den Naturwissenschaften waren es 10 Prozentpunkte.Sozial benachteiligte Schüler fallen zurückDie Untersuchung zeigt einen engen Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status der Schüler und ihren Leistungen. Dabei fällt auf, dass in Deutschland der Leistungsabstand zwischen den sozioökonomisch begünstigten Schülern und den benachteiligten Schülern in den Naturwissenschaften in den vergangenen zehn Jahren zugenommen hat, während er im Durchschnitt aller OECD-Länder zurückging.In Deutschland gehören nur 9 Prozent der sozioökonomisch benachteiligten Schüler in den Naturwissenschaften zum obersten Viertel der leistungsstärksten Schüler. Im Schnitt der OECD-Länder lag dieser Anteil bei 12 Prozent. Die Herkunft und der Status der Eltern spielen in Deutschland eine grössere Rolle für die Leistungen der Schüler als im Schnitt der Industrieländer.Das spiegelt sich auch beim Vergleich der naturwissenschaftlichen Leistungen zwischen den Schülern mit und ohne Migrationshintergrund wider. In Deutschland übertrifft das Leistungsniveau der Schüler ohne Migrationshintergrund das derjenigen mit Migrationshintergrund um 83 Punkte. Im OECD-Durchschnitt beträgt der Leistungsvorsprung der Schüler ohne Migrationshintergrund hingegen nur 43 Punkte.Asien hängt Deutschland abDer von der OECD konstatierte Leistungsabfall ist nicht nur in Deutschland zu beobachten. Auch in vielen anderen Industrieländern haben sich die Schülerleistungen in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert. Inzwischen gilt in den OECD-Ländern jeder fünfte Schüler im Alter von 15 Jahren in Mathematik, den Naturwissenschaften und beim Lesen als leistungsschwach.Besonders deutlich habe sich die Lesekompetenz verschlechtert, schreiben die OECD-Ökonomen. Das sei «besonders besorgniserregend», weil die Fähigkeit, Texte zu lesen und zu verstehen, «eine Grundvoraussetzung für das Lernen in allen anderen Fächern ist», so die Pariser Organisation.Allerdings zeigen sich zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede im Leistungsniveau der Schüler. Während Deutschland in den untersuchten Disziplinen etwa auf dem Durchschnittsniveau aller OECD-Länder liegt, schneiden die Länder in Asien weit überdurchschnittlich ab. Das gilt vor allem für China, Singapur, Südkorea und Japan. Von den europäischen Ländern können sich nur Estland und Grossbritannien unter den Top 10 platzieren.Besser als Deutschland schneiden auch die Schweiz und Österreich ab, auch wenn beide Länder es nicht in die Top 10 schaffen. Die Schweiz erreicht bei den naturwissenschaftlichen Kompetenzen der Schüler immerhin 501 Punkte, Österreich kommt auf 497 Zähler. Auch bei den Mathematikkenntnissen liegen die Schweiz (499 Punkte) und Österreich (477 Punkte) deutlich vor Deutschland. Weniger ausgeprägt ist der Vorsprung beider Länder gegenüber Deutschland bei der Lesekompetenz der Schüler. Hier liegt die Schweiz mit 470 Punkten vor Österreich (467 Punkte) und Deutschland (465 Punkte).Gegenüber China aber fallen alle drei deutschsprachigen Länder zurück. So übertrifft die naturwissenschaftliche Bildung der Schüler in den grossen Städten Chinas mit 597 Punkten das Niveau der Schüler in Deutschland (486 Punkte) um mehr als 100 Zähler. Auch in der Mathematik liegen die Schüler in China mit 612 Punkten vor allen anderen Ländern. Das zweitplatzierte Land Singapur kommt in dieser Disziplin auf 563 Punkte, Deutschland ist mit 464 Zählern bei den Mathematikkenntnissen der Schüler abgeschlagen. Bei der Lesekompetenz liegen die Schüler in Singapur (535 Punkte) knapp vor denen in China (527 Punkte). Deutschland kommt hier nur auf 465 Punkte.Chinesische Schüler weisen in den Naturwissenschaften und in der Mathematik den weltweit höchsten Bildungsstand auf.ImagoDie staatlichen Bildungsausgaben sind nicht allesDabei fällt auf, dass in den asiatischen Ländern der Anteil der leistungsstarken Schüler den der leistungsschwachen Schüler deutlich übertrifft. In China zählen 55,5 Prozent der Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz zur Gruppe der leistungsstärksten Schüler. Nur 1,8 Prozent gehören zur Gruppe der Leistungsschwachen. In Singapur liegt das Verhältnis bei 42,3 Prozent (leistungsstark) zu 6,8 Prozent (leistungsschwach). In Japan beträgt die Relation 27,1 Prozent zu 8,8 Prozent.Auch in der Schweiz übersteigt der Anteil der leistungsstarken Schüler den der leistungsschwachen, wenn auch vergleichsweise knapp, mit 18,1 zu 15 Prozent. In Deutschland hingegen verhält es sich umgekehrt. Die Gruppe der leistungsstarken Schüler bildet mit 14 Prozent die Minderheit gegenüber den Leistungsschwachen, die auf einen Anteil von 20,7 Prozent kommen. Auch in Österreich sind die leistungsstarken Schüler mit einem Anteil von 12,6 Prozent in der Minderheit gegenüber ihren leistungsschwachen Kameraden (16,5 Prozent).Dass sich die schulischen Leistungen zwischen den Ländern zum Teil deutlich unterscheiden, hat nicht unbedingt finanzielle Gründe. Die OECD weist darauf hin, dass Luxemburg mit 288 521 Dollar je Schüler mit Abstand das meiste Geld in den Bildungssektor pumpt. In den Naturwissenschaften bleiben die Schüler dort jedoch hinter denen aus Irland, Frankreich und Italien zurück, obwohl diese Länder weniger als halb so viel je Schüler für die Bildung ausgeben.Chaos im Klassenzimmer, Desinteresse der ElternEine massgebliche Rolle für den Bildungserfolg der Schüler kommt laut Ökonomen den Lehrkräften, der Zusammensetzung der Klassen sowie der Wertschätzung von Schülern und Eltern für eine gute Bildung zu. Gerade in diesen Bereichen liegt in Deutschland einiges im Argen.So gab ein knappes Drittel der von der OECD befragten Schüler in Deutschland an, es falle ihnen schwer, dem Unterricht zu folgen, weil es in den Klassen drunter und drüber gehe und es zu laut sei. Mehr als die Hälfte der Schüler besucht Schulen, in denen es an Lehrern fehlt. Ein knappes Drittel der Schüler klagt, häufig Opfer von Mobbing in der Schule zu sein.Dazu kommt, dass das Interesse vieler Eltern am Lernerfolg ihres Nachwuchses nachgelassen hat. Gaben 2022 noch 57 Prozent der Schüler an, mindestens einmal in der Woche mit ihren Eltern über mögliche Probleme in der Schule zu sprechen, waren es 2025 mit 41 Prozent weniger als die Hälfte.Volkswirtschaftliche Verluste in BillionenhöheDer Abstieg Deutschlands beim Bildungsniveau hat weitreichende Folgen für die Wirtschaft. Nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts entspricht der Rückgang der Mathematik- und Leseleistungen seit dem letzten Pisa-Test 2022 auf lange Sicht einem durchschnittlichen Verlust beim Erwerbseinkommen von 3 bis 4 Prozent. Der gesamten Wirtschaft gingen dadurch Einkommen in Billionenhöhe verloren, schreibt das Institut. Arbeitskräfte mit geringer Basisbildung seien weniger produktiv und arbeiteten in Bereichen mit geringer Wertschöpfung.Zudem geht ein geringes Bildungsniveau mit fehlender Innovationsfähigkeit einher. «Um in gut bezahlten Hightech-Berufen international wettbewerbsfähig zu sein, benötigen wir ein Bildungssystem, das Spitzenleistungen hervorbringt», sagt Ludger Wössmann, Bildungsexperte beim Ifo-Institut. Der Abstieg Deutschlands bei den Pisa-Ergebnissen müsse zu einem Umdenken in der Bildungspolitik führen, fordert er. Die Vermittlung der Basiskompetenzen müsse dabei «höchste Priorität» haben.Konkret schlägt Wössmann vor, die Inflation von guten Noten an den deutschen Schulen zu beenden und mit deutschlandweit einheitlichen Tests Transparenz über den wahren Bildungsstand der Schüler herzustellen. Zugleich sollten die Schulen mehr Autonomie erhalten, um den besten Weg zum Erreichen der Bildungsziele zu finden.Kinder mit ungünstigen sozioökonomischen Hintergründen sollten durch Nachhilfe gezielt gefördert werden. Wichtig seien in diesem Zusammenhang Sprachtests für Kinder im Vorschulalter. «Die grundlegenden Kompetenzen der Bevölkerung sind von zentraler Bedeutung für die wirtschaftliche Produktivität, individuelle Einkommen und gesamtwirtschaftliches Wachstum», sagt der Ifo-Forscher.Passend zum Artikel
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