Wie sichtbar soll der Islam in Frankreich sein? Linke und Rechte streiten wieder über das KopftuchMarine Le Pen will das Kopftuch aus der Öffentlichkeit verbannen, Jean-Luc Mélenchon will das islamische Frauengewand Abaya wieder an Schulen zulassen. Im Präsidentschaftswahlkampf prallen zwei gegensätzliche Vorstellungen von Frankreich aufeinander.08.09.2026, 15.25 Uhr4 LeseminutenProtest gegen das Abaya-Verbot an Schulen im Pariser Vorort Stains im September 2023.Mohamad Salaheldin Abdelg Alsayed / Anadolu / GettyJean-Luc Mélenchon gab sich zerknirscht. «Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht», sagte der Präsidentschaftskandidat der linksradikalen Partei La France insoumise (LFI) vergangene Woche vor Anhängern in Paris. 2010 hatte er das islamische Kopftuch noch als «Zeichen patriarchaler Unterwerfung» bezeichnet. Ein anderes Mal spottete er darüber, warum Gott sich für einen «Lappen auf dem Kopf» interessieren sollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er habe seine Meinung inzwischen geändert, beteuerte der 75-Jährige nun. Gespräche mit muslimischen Frauen hätten ihn eines Besseren belehrt. Er wisse jetzt, so Mélenchon, dass ihm kein Urteil über den Glauben anderer zustehe.Einige Tage zuvor hatte sich auch eine andere französische Politikerin zur Kopftuchfrage geäussert: Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin der Rechtsaussenpartei Rassemblement national (RN), kündigte für den Fall ihres Wahlsieges 2027 eine Volksbefragung zur Bekämpfung der islamistischen Ideologie an. Dazu gehöre für sie auch ein Verbot des ihrer Ansicht nach islamistischen Kopftuchs im gesamten öffentlichen Raum.Wider die VerfassungNach Le Pens Willen dürften Musliminnen den «voile», wie die Kopfbedeckung in Frankreich genannt wird, dann nicht mehr auf Strassen, in Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln tragen. Wer sich nicht daran halte, müsse mit einer Busse rechnen, erklärte der RN-Abgeordnete Jean-Philippe Tanguy – «so wie die Leute, die im Auto keinen Sicherheitsgurt tragen».Die Forderung der nationalistischen Oppositionsführerin ist nicht neu. Schon 2012 wollte Le Pen das Kopftuch aus der Öffentlichkeit verbannen. Damals berief sie sich auf eine besonders strikte Auslegung der Laizität und bezog deshalb auch die jüdische Kippa ein. Heute sollen Kippa und christliches Kreuz unangetastet bleiben. Le Pen begründet den Unterschied damit, dass sie nicht gegen eine Religion, sondern gegen eine politische Ideologie vorgehe.Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin des rechtsnationalen Rassemblement national, hat dem islamischen Kopftuch den Kampf angesagt.Alice Sacco / ReutersMélenchon, Le Pens schärfster Rivale, steht heute auf der anderen Seite. So verteidigt LFI nicht nur das Recht erwachsener Frauen auf das Kopftuch. Die Linksaussenpartei will auch das Verbot der Abaya, des langen islamischen Frauengewandes, an öffentlichen Schulen aufheben. Die Fraktionschefin Mathilde Panot kündigte dies am Wochenende für den Fall eines Wahlsiegs an. Die derzeitige Regelung sei «absurd».Damit ist der alte Streit um die Sichtbarkeit des Islam in Frankreich zurück im Präsidentschaftswahlkampf. In der laizistischen Republik gelten eigentlich schon heute strenge Vorschriften. Staatsbedienstete dürfen im Dienst grundsätzlich keine religiösen Zeichen tragen. An öffentlichen Schulen sind Kopftuch, Kippa und andere auffällige religiöse Zeichen seit 2004 verboten.Seit 2010 ist zudem die Verhüllung des Gesichts im öffentlichen Raum untersagt. Nikab und Burka sind deshalb tabu, das gewöhnliche Kopftuch nicht.2023 weitete der damalige Bildungsminister Gabriel Attal das Verbot auf die Abaya aus. Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht, der Conseil d’État, bestätigte die Regelung: Das Gewand sei an Schulen wiederholt als Ausdruck religiöser Zugehörigkeit getragen worden.Le Pens generelles Kopftuchverbot wäre dagegen von einer anderen Tragweite. Verfassungsrechtler bezweifeln, dass es mit der Religionsfreiheit und dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar wäre. Auch der angekündigte Volksentscheid böte vorerst keinen Ausweg: Die Verfassung lässt Referenden nur zu bestimmten politischen Fragen zu, ein Kopftuchverbot fällt nach Ansicht von Experten nicht darunter. Le Pen, so führt «Le Monde» aus, müsste zunächst die Verfassung ändern.Selbst in ihrer eigenen Partei gibt es deswegen Vorbehalte. Der RN-Parteichef Jordan Bardella strich ein allgemeines Kopftuchverbot 2024 aus dem Programm für die Parlamentswahl. Schon die Umsetzung, argumentierte er, wäre heikel, weil Polizisten entscheiden müssten, was überhaupt als islamisches Kopftuch gilt.Politisch trifft Le Pen dagegen einen Nerv. In einer Umfrage des Instituts Verian vom Januar befürworteten 66 Prozent der Befragten ein Kopftuchverbot im öffentlichen Raum. Unter RN-Anhängern waren es sogar 94 Prozent. Darin liegt Le Pens populistisches Kalkül: Juristisch ist ihr Plan kaum durchsetzbar, in der Bevölkerung aber mehrheitsfähig.Buhlen um die BanlieuesDoch auch Mélenchons öffentlich inszenierter Sinneswandel ist kalkulierend. Der frühere sozialistische Minister gehörte lange zur republikanisch-laizistischen Linken in Frankreich, die religiösen Identitäten in der Politik grundsätzlich misstraut. Noch 2015 lehnte er den Begriff «Islamophobie» ab: Man habe das Recht, den Islam ebenso wenig zu mögen wie den Katholizismus, sagte er damals.2019 marschierte Mélenchon dann bei einer «Demonstration gegen Islamophobie» mit. Fortan wurde der Kampf gegen die Stigmatisierung von Muslimen zu einem zentralen Thema von LFI. Seinen Gegnern wirft Mélenchon regelmässig vor, muslimische Franzosen unter Generalverdacht zu stellen.Diese Haltung fällt mit einer neuen Wahlstrategie zusammen. Nachdem der vierfache Präsidentschaftskandidat 2017 die Stichwahl um nur rund 600 000 Stimmen verpasst hatte, setzte seine Bewegung verstärkt auf die ärmeren Vorstädte, die «quartiers populaires». Dort leben viele Franzosen arabischer und afrikanischer Herkunft. Der Kampf gegen tatsächliche oder vermeintliche Diskriminierung wurde zu einem wichtigen Thema, später kam die Palästinafrage hinzu.Jean-Luc Mélenchon, Präsidentschaftskandidat der Linksaussenpartei La France insoumise, buhlt um muslimische Wählerstimmen.Stéphanie Lecocq / Reuters2022 zeigte sich der Erfolg: Mehr als zwei Drittel der muslimischen Wähler stimmten damals für Mélenchon. Im April 2027, wenn er zum vierten Mal für das Präsidentenamt antritt, soll ihm dieses Wählerreservoir endlich den Weg in die Stichwahl ebnen.Passend zum Artikel
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