Im Sommer 2024 hat Fabian Wohlgemuth ein Angebot gemacht, das er eigentlich nicht abgeben kann. Er, der Sportvorstand des VfB Stuttgart, setzte sich damals dafür ein, dass sein Klub den Stürmer Deniz Undav kauft, der in der Saison davor aus Brighton ausgeliehen war, aber in Stuttgart so gut gespielt hat, dass dort etwas sehr Ungewöhnliches passiert ist: Aus dem Tabellensechzehnten, der dank der Relegationsspiele in der Bundesliga geblieben war, wurde in dieser einen Saison der Tabellenzweite, der in die Champions League gekommen ist.Plötzlich konnte der Klub mit deutlich mehr Geld planen (Startprämie in der Champions League: 18,62 Millionen Euro), aber Wohlgemuth wusste, dass er das eigentlich nicht machen kann: allein als Ablösesumme 30 Millionen Euro ausgeben für einen Achtundzwanzigjährigen, der gerade sein erstes Jahr in der höchsten deutschen Liga gespielt hat. Er wusste, dass das eine Falle ist.Weil er das alles wusste, kann man nicht sagen, dass er in diese Falle getappt ist. Aber einen Fuß hineingesetzt, das hat er schon.„Der erste Erfolg weckt den Anspruch auf den nächsten“An der Stelle, an der Fabian Wohlgemuth und der VfB Stuttgart im Sommer 2024 waren, sind in Deutschland immer wieder Fußballmanager mit ihren Fußballklubs gewesen. Und wenn man Wohlgemuth anruft und fragt, wie die Falle funktioniert, in die er damals einen Fuß setzte, dann antwortet er so.„Die Champions League kann zur unangenehmen Erfolgsspirale werden: Der erste Erfolg weckt den Anspruch auf den nächsten. Dafür braucht es bessere Spieler, und die kosten mehr Geld. Solange die sportlichen Erfolge und damit die Einnahmen mitwachsen, funktioniert dieses Modell. Doch sobald die Siege ausbleiben, der Pokal früh endet oder die Bundesliga-Platzierung und damit die TV-Einnahmen sinken, wird aus Investition Risiko. Dann frisst der Anspruch auf Erfolg die finanzielle Substanz auf – und der Verein sitzt in der Falle.“ In der Champions-League-Falle.An diesem Dienstag (18.45 und 21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei DAZN und Prime Video) fängt die Hauptrunde des größten, aber auch gefährlichsten Klubwettbewerbs an, der mit seinem Geld den europäischen Fußball für immer verändert hat. Wenn man mit diesen Millionen nicht Saison für Saison für Saison rechnen kann, sind sie keine Sicherheit, die einem Dauerteilnehmer wie dem FC Bayern auch Fehlinvestitionen erlaubt, sondern ein Risiko.Mit dem Deniz-Undav-Kauf haben die Stuttgarter damals einen Fuß in die Falle gesetzt, aus der sie es dann wieder herausgeschafft haben, wenngleich das nicht so einfach war, wie man heute meinen könnte. In der ersten Saison sind sie nämlich auch wegen der Belastungen der Champions League in der Bundesliga nur Neunter geworden, haben dafür aber den DFB-Pokal gewonnen und sind dadurch in die Europa League gekommen.Der VfB Stuttgart setzt wieder einen Fuß in die FalleIn der zweiten Saison sind sie in der Bundesliga dann allerdings auch dank Undav wieder Vierter geworden, weswegen sie am Mittwoch (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) mit einem Heimspiel gegen Viking Stavanger wieder in der Champions League an den Start gehen werden. Und davor wieder einen Fuß in die Falle gesetzt haben.In diesem Sommer hat Fabian Wohlgemuth ein weiteres Angebot für Deniz Undav abgegeben. Vor der Weltmeisterschaft hat der VfB Stuttgart den Vertrag mit dem Stürmer verlängert, und dessen Berater haben in den Verhandlungen sicher darauf hingewiesen, dass ihr bei den Fans sehr beliebter Klient seine Tore mittlerweile auch für die deutsche Nationalmannschaft schießt.Nicht nur wegen dieser Vertragsverlängerung sind die Kosten in Stuttgart weiter gestiegen. Und doch sind sie sich dort weiter sicher, dass sie anders als andere Bundesligaklubs auch wieder aus der Falle kommen können.Der SV Werder Bremen ist in der Falle stecken gebliebenDer erste Klub, der darin stecken geblieben ist, war der SV Werder Bremen. Zwischen 2004 und 2010 spielten dessen Mannschaften regelmäßig in der rasant wachsenden Champions League mit. Sie waren mit starken Spielern besetzt, zum Zeitpunkt der bis heute letzten Teilnahme 2010 hatten laut transfermarkt.de nur die Teams des FC Bayern und des VfL Wolfsburg einen noch höheren Marktwert.Damals gingen die Bremer „mit einem kalkulatorischen strukturellen Risiko in die Saison“, wie der frühere Bremer Stürmer und spätere Aufsichtsrat Marco Bode in seinem Buch „Tradition schießt keine Tore“ schreibt. Der Plan: „Die erneute Qualifikation für die Champions League sollte dieses ausgleichen.“Das Problem an dem Plan war, dass der Klub zugleich viel Geld für den Umbau des Stadions ausgab, das aber anschließend kaum größer war und wegen zu weniger Logen und anderer teurer Plätze keine deutlichen Einnahmesteigerungen bei Heimspielen möglich machte. So entwickelte der Abwärtsstrudel seinen Sog.Ohne die Champions League brach der Umsatz ein, der Kader aber blieb teuer, wodurch die Notwendigkeit entstand, wieder Zugang zu den Geldquellen des internationalen Wettbewerbs zu erhalten. Das erhöhte nicht nur den Druck, sondern auch die Risikobereitschaft des damaligen Managers Klaus Allofs. Bode schreibt: „Die Wette ging so lange auf, wie man in der Champions League spielte (…), der Kader dadurch eine Wertsteigerung erfuhr, man lukrative Verkäufe tätigte (…) und gute Einkäufe. Bricht nur ein Puzzleteil heraus, kann sehr schnell ein Teufelskreis daraus werden.“Wie sich das Risiko mit Kadermanagement minimieren lässtSo wurden Spieler in Bremen auch dann noch mit Champions-League-Gehältern bezahlt, als der Klub schon gegen den Abstieg spielte. Und auch wenn er nach dem Abstieg, der dann 2021 folgte, sofort wieder aufgestiegen ist, hat sich der SV Werder bis heute nicht von diesem Niedergang erholt.Später ist den Managern Christian Heidel beim FC Schalke 04 (zwischen 2017 und 2019) und Max Eberl bei Borussia Mönchengladbach (zwischen 2020 und 2022) Ähnliches passiert. In diesen Fällen noch forciert durch die Corona-Pandemie, in deren Verlauf der Transfermarkt einbrach. Und damit den neuen Rettungsmechanismus aushebelte, den Klaus Allofs in Bremen noch nicht so wirklich berücksichtigte in jenen Jahren, als das Geschäft mit dem Spitzenfußball in einem rasenden Tempo wuchs.Mittlerweile lässt sich das Risiko zumindest minimieren. So erzählt Simon Rolfes, der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, das nach zuletzt zwei Teilnahmen in dieser Saison nicht mehr in der Champions League spielt, im Gespräch mit der F.A.Z. von einer Absicherungsstrategie, die derzeit selbst beim Dauerteilnehmer Borussia Dortmund Anwendung findet. „Wichtig ist, dass durch das Kadermanagement Werte entstehen“, sagt Rolfes. „Deshalb verpflichten so viele Vereine junge Spieler, die in wirtschaftlich schwächeren Jahren verkauft werden können. Das geht mit älteren Spielern nicht so einfach.“„Wichtig ist, dass durch das Kadermanagement Werte entstehen“: Bayer Leverkusens Geschäftsführer Simon Rolfes sagt, wie man der Champions-League-Falle entkommt.dpaEin Spieler, der besonders begabt und dazu um die 20 Jahre alt ist, verliert dagegen in vielen Fällen kaum an Marktwert, wenn sein Team schlechter als erwartet abschneidet, was bei älteren Spielern anders aussieht. „Dreißigjährige“, sagt Rolfes, „haben in der Regel hohe Gehälter und geringe Transferwerte, das ist eine ungünstige Kombination für solche Fälle.“Das alles stimmt, allerdings gibt es schon noch einen anderen Grund, warum Bayer Leverkusen, aber auch RB Leipzig und selbst die TSG Hoffenheim, die in der Saison 2018/19 in der Champions League spielte, nie in der Falle stecken geblieben sind. Als der FC Schalke und auch Borussia Mönchengladbach während und auch nach der Corona-Pandemie noch feststeckten, haben sich Leverkusen, Leipzig und Hoffenheim befreit.Upside und Downside am Beispiel von Eintracht FrankfurtDas, was Simon Rolfes aus Leverkusen über das Kadermanagement gesagt hat, kann man auch in Stuttgart sehen. Dort findet man in dieser Saison nämlich nicht nur den mittlerweile 30 Jahre alten Deniz Undav in der Mannschaft. Sondern immer noch junge Spieler, die schon länger in der Nationalmannschaft spielen (Jamie Leweling, Angelo Stiller). Und sogar sehr junge Spieler, die in nicht allzu langer Zeit in der Nationalmannschaft spielen könnten (Dennis Seimen, Finn Jeltsch, Dženan Pejčinović).Sollten die Stuttgarter in der Bundesliga wieder nur Neunter werden (wovon wegen ihrer Spieler und vor allem ihres Trainers nicht auszugehen ist), dieses Mal nicht den DFB-Pokal gewinnen und deswegen Geld brauchen, könnten sie Spieler verkaufen. So wie das Eintracht Frankfurt in diesem Sommer gemacht hat.Die Eintracht spielte in den vergangenen fünf Jahren zweimal bei den Besten Europas mit. Das lief einmal gut, als sie 2023 erst im Achtelfinale gegen Neapel ausschied. Und einmal schlecht, als sie Anfang dieses Jahres ganz unten in der Tabelle ausschied. In Frankfurt aber geht es neben Punkten und Toren immer auch um das Upside. Basiskurs Fußballfinanzen: Wie hoch ist das Gewinnpotential eines Spielers; wann der beste Zeitpunkt, ihn abzugeben? Bei Randal Kolo Muani fand die Frankfurter ihn makellos, als der französische Stürmer für 95 Millionen Euro nach Paris wechselte.Hohes Upside: Mittlerweile spielt Eintracht-Rekordtransfer Randal Kolo Muani in Turin.AFPDas war nach der ersten Champions-League-Saison der Eintracht. Nach der zweiten sieht es anders aus, manch ein Spieler ließ sich nicht so teuer verkaufen wie erwartet. Die Eintracht hat sich dennoch dank ihrer 500 Transfermillionen ein Umsatzniveau von 250 Millionen Euro erarbeitet, das sie ganz ohne Upside-Wechsel erreicht.Aber sie wird so schnell wohl nicht wieder in der Champions League spielen, weil sie ständig ihre besten Spieler verkauft. Sie tut das, um die hohen Gehälter zu finanzieren, mit denen sie Talente nach Frankfurt lockt. Das ist eingepreist. Oder anders gesagt: Es ist ihr Downside.Die Champions League wird mit Ausnahme des FC Bayern und wohl auch Borussia Dortmunds für alle deutschen Klubs ein Spiel mit dem Risiko bleiben. Doch wenn diese Klubs und ihre Manager das wissen, warum werden sie sich dann weiter an diesem Spiel beteiligen, nicht selten sogar mit Wetten, von denen sie wissen, dass sie nur schwer zu gewinnen sein werden? Wegen eines anderen Spiels: des Spiels mit den Erwartungen.Man kann im Fußball nicht alles rational erklären. Wenn sich eine Mannschaft in einen Rausch spielt, reißt sie nicht nur ihre Fans mit, sondern auch ihre Manager. Dann werden Ablösesummen oder Verträge angeboten, weil neue Erwartungen erfüllt werden müssen.Und so kann man in diesem Risiko doch wieder Rationalität erkennen. Denn die Manager wissen, dass sie so oder so verantwortlich gemacht werden. Entweder weil sie die Erwartungen nicht erfüllen konnten. Oder weil sie sie nicht erfüllen wollten.
Champions-League-Falle: Wie der VfB Stuttgart damit umgeht
Der größte Fußball-Klubwettbewerb ist für die meisten Bundesligavereine auch der gefährlichste. Weil das Geld für die, die nicht damit rechnen können, keine Sicherheit darstellt. Sondern ein Risiko.







