Es ist der Abend des 7. September 1901. Im Haus an der Wöhlerstraße 2 im Frankfurter Westend brennt noch Licht. Länger als gewöhnlich sitzt Johannes von Miquel in seinem Lesezimmer. Er hat sich nicht wie sonst um elf Uhr abends von seinem Hausdiener ins Bett bringen lassen. Stattdessen legt er sich erst um halb eins selbständig hin. Sein nachmittäglicher Spaziergang hatte ihn noch über die nach ihm benannte Miquelstraße geführt, die heutige Siesmayerstraße. Am darauffolgenden Morgen wacht er nicht mehr auf – davon schreibt die „Frankfurter Zeitung“ einen Tag nach Miquels Tod. In ihrem Nachruf lobt sie Miquel als einen „hervorragenden Staatsmann“ und einen „verdienstvollen früheren Oberbürgermeister“.Bis heute steht Johannes von Miquel in der Reihe der wichtigsten Frankfurter Oberbürgermeister. In seine Amtszeit als Oberbürgermeister von 1880 bis 1890 fielen der Bau des Hauptbahnhofs und des Westhafens sowie die Mainkanalisierung. Damit schloss Miquel die Stadt an den modernen Personen- und Warenverkehr an. Mit der Kläranlage in Niederrad ließ er das erste kommunale Klärwerk auf dem europäischen Festland bauen und verbesserte damit die städtische Hygiene. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1880 hatte Frankfurt finanziell zu kämpfen gehabt, hatte mit den Messen und dem privaten Bankwesen sein Kerngeschäft verloren. Bei Miquels freiwilligem Rücktritt zehn Jahre darauf waren die Finanzen saniert, Frankfurt war auf dem Weg zu einer modernen Großstadt.Hebt man die Großprojekte heraus, tut man Miquel jedoch beinahe Unrecht. Denn er machte sich seinerzeit weniger mit Investitionen einen Namen als mit einem strikten Sparkurs. „Mit seinem Eintritt in die Stadtverwaltung begann eine Zeit rühriger Arbeit und peinlichster Sparsamkeit“, schrieb etwa der Frankfurter Historiker Friedrich Bothe in seiner 1913 erschienenen „Geschichte der Stadt Frankfurt am Main“.Aus einem Kommunisten wird ein NationalliberalerAber auch um ein sozialpolitisches Anliegen machte Miquel sich verdient: die Armenfürsorge. War diese bis dato in öffentliche und private Initiativen zersplittert gewesen, vereinheitlichte Miquel sie unter kommunaler Führung. Er gründete ein Armenamt, setzte zahlreiche Armenpfleger ein und förderte den sozialen Wohnungsbau. Darin zeigte sich wahrscheinlich noch ein Rest seiner einstmals linken Gesellschaftsauffassung.Johannes von MiquelDieter SchirgAls Student der Rechtswissenschaft hatte Miquel sich an der deutschen Revolution von 1848/49 beteiligt. Aufseiten der Radikaldemokraten hatte er an den Barrikadenkämpfen teilgenommen. Er war Mitglied des illegalen Bundes der Kommunisten gewesen und hatte in regem Austausch mit Karl Marx gestanden.Bis zu seinem Eintritt in die Politik war von diesen Überzeugungen immer weniger geblieben. 1867 hatte Miquel die Nationalliberale Partei mitgegründet, die der autoritären preußischen Führung nahestand. Mehrfach hatte er im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag gesessen. Miquel zählte 1882 auch zu den Mitbegründern des Deutschen Kolonialvereins, der deutsche Kolonien für notwendig hielt und für eine Ausweitung der Kolonialherrschaft eintrat. Im Jahr 2022 führte dies zu einer Diskussion darüber, ob Frankfurt die Miquelallee umbenennen sollte.Stadtoberhaupt mit VerhandlungsgeschickStadtpolitisch bewies Miquel diplomatisches Verhandlungsgeschick und suchte den Interessenausgleich. Er verstand sich weniger als Führungsfigur, sondern als Primus inter Pares. Teils entsprach das seinem Wesen. Teils lag darin aber auch ein politisches Erfordernis – denn seine Nationalliberale Partei war in der Stadtverordnetenversammlung eine Minderheit. „Versöhnen will ich, nicht trennen, versammeln statt zu verbittern“, sagte Miquel selbst. Der spätere Frankfurter Bürgermeister Adolf Varrentrapp erinnerte sich: „In mündlichen Unterredungen stellte er sich klug auf den Standpunkt des anderen, schien ihm recht zu geben und verstand es – ohne dass der andere es recht gewahr wurde – die Entschließung nach seinem eigenen Willen zu lenken.“Ehrengrab: Auf dem Hauptfriedhof wird Johannes von Miquel besonders gewürdigt.Felix Kaspar RosicSo oder so: Miquel war unter den Stadtverordneten beliebt. Dabei hatte er sich zunächst sogar als Außenseiter verstanden. Geboren worden war er im heutigen Niedersachsen. Als Nachfahre südfranzösischer Einwanderer sprach er seinen Namen immer noch französisch aus („Mikel“). Studium, Arbeit und Politik hatten ihn nach Göttingen, Heidelberg, Berlin und Osnabrück geführt. Ein Rastloser und Heimatloser, könnte man meinen. Bei seinem Amtsantritt in Frankfurt hatte er sich noch dafür bedankt, dass einem Nichtfrankfurter das Amt des Oberbürgermeisters übertragen worden war. Bei seinem Rücktritt wiederum bezeichnete sich Miquel selbst als Frankfurter: „Diese Stadt ist mir innerlich zu einer Vaterstadt geworden, und ich werde mich nie von diesem Gefühle trennen.“Das war keine bloße Floskel. Erst nach seiner Zeit als Oberbürgermeister fand Miquels Karriere zu ihrem eigentlichen Höhepunkt. Als preußischer Finanzminister führte er tiefgreifende Neuerungen ein, die teilweise bis heute gelten – etwa die Pflicht zur Steuererklärung. Dafür wurde er sogar in den preußischen Adelsstand erhoben.Trotzdem kehrte er für seinen Ruhestand nach Frankfurt zurück. Erst im Winter vor seinem Tod kaufte er das Haus an der Wöhlerstraße. Unmittelbar nach seinem Tod war der Ort seiner Beerdigung noch nicht bekanntgegeben. Trotzdem mutmaßte die „Frankfurter Zeitung“ bereits: „voraussichtlich in unserer Stadt, die ihm lieb war“. Er wurde auf dem Hauptfriedhof bestattet. Heute hat er dort ein Ehrengrab.
Johannes von Miquel: Wie er das moderne Frankfurt schuf
Hauptbahnhof, Hafen, Kläranlage: Johannes von Miquel modernisierte Frankfurt wie kein anderer vor ihm. Vor 125 Jahren ist der frühere Oberbürgermeister gestorben.






