Der andere BlickArmin ArbeiterDeutschland kann nicht jede Attacke verhindern – aber es sollte endlich vorbereitet seinDer Hackerangriff auf Berlin zeigt exemplarisch, wie gross die Lücke zwischen politischen Erkenntnissen und tatsächlicher Widerstandsfähigkeit des Staates ist.08.09.2026, 06.00 Uhr3 LeseminutenVon ärztlichen Attesten bis hin zu Informationen über kritische Infrastruktur. Hacker der Gruppe Rhysida erbeuteten in Berlin Daten im Umfang von 5,8 Terabyte.Illustration Anja Lemcke / NZZSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Armin Arbeiter, Redaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1,44 Millionen Dateien, darunter persönliche Informationen über Berliner Bürger, Daten von Rüstungsunternehmen und vieles mehr sind seit Freitag im Darknet frei abrufbar. Das ist das Ergebnis des grössten Datendiebstahls in der Geschichte der Berliner Landesverwaltung. Die Informationen könnten sowohl ausländische Dienste, Saboteure, Erpresser und Kriminelle nutzen: vom Anschlag auf kritische Infrastruktur bis hin zu Betrug mit den erbeuteten Daten von Einzelpersonen.Eine Einzelperson im Dienste der Berliner Verwaltung war es auch, die Anfang August auf eine Nachricht klickte und nicht wusste, dass es sich um ein «Phishing-Mail» handelte. Die Angreifer fanden ihren Weg in die Berliner Datenschatzkammer und konnten dort bis zum 12. August alles einsammeln, was nicht niet- und nagelfest war. Und das war viel.Veraltete TechnikDass ein Mensch durch Unbedarftheit einen Fehler macht, damit muss eine Institution rechnen. Wenn diese Institution jedoch trotz jahrelanger Warnungen zentrale Sicherheitslücken nicht schliesst und wichtige zusätzliche Schutzmechanismen fehlen, um die Daten ihrer Bürger und der kritischen Infrastruktur zu schützen, dann ist das grob fahrlässig.Die Bürger dürfen erwarten, dass der Staat jene Daten schützt, deren Herausgabe er ihnen in zahllosen Lebensbereichen abverlangt. Oft auch dieselben Daten mehrfach.Ein Grund für das leichte Spiel der Hacker war, dass einige IT-Systeme auf einem solch miserablen Stand waren, dass sie nicht an ein besser gesichertes Netz angeschlossen werden konnten. Dass eine Stadtverwaltung, die pro Jahr Milliarden Euro (2025: 4,2) allein durch den Länderfinanzausgleich bekommt, kein Geld für IT-Systeme auf dem neuesten Stand der Technik hat, ist desaströs. Gerade dort wäre das Geld besser angelegt als bei so manchen Veranstaltungen, auf denen Israelhass befördert wird.Zumal sich die sicherheitspolitische Lage insgesamt verschärft. Russische Drohnen dringen unbehelligt bis zu Frachtmaschinen auf Flughäfen vor, ein mutmasslicher Klimaextremist beschiesst über Tage Umspannwerke mit Raketen und ist nach wie vor nicht gefasst, Linksextremisten legen die Stromversorgung ganzer Stadtviertel lahm – und nach wie vor geschieht in Deutschland zu wenig, etwas gegen Bedrohungen dieser Art zu unternehmen.Die Täter und ihre Motive könnten unterschiedlicher kaum sein. Gemeinsam ist den Fällen die erschreckende Verwundbarkeit des Landes. Und das in einer Zeit, in der Russland Deutschland offen droht.Die Angriffe durch sogenannte Wegwerf-Agenten werden zunehmen, ebenso Cyberattacken. Nicht immer wird Russland dahinterstecken, weswegen die Politik gut beraten wäre, nicht bei jedem Vorfall sofort gen Osten zu zeigen. Wie die Regierung auf den versuchten Anschlag in Leipzig reagierte, war dagegen mustergültig.Ein Gesetz ohne ZähneDas soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Deutschland in einer schwierigen sicherheitspolitischen Lage befindet und das derzeitige Gefahrenniveau vergleichsweise gering ist, sich aber steigern dürfte.Und noch immer ist vielen Betreibern von Kraftwerken, Krankenhäusern oder Bahnhöfen nicht klar, wie sie sich gegen welche Bedrohungen am besten zur Wehr setzen können.Ein Gesetz zum Schutz kritischer Infrastruktur ist zwar seit März in Kraft. Doch noch immer ist nicht abschliessend geregelt, welche Anlagen überhaupt darunterfallen. Die Verordnung dazu fehlt ebenso wie endgültige Vorgaben für Risikoanalysen und sektorübergreifende Mindeststandards. Betreiber müssen derzeit nach dem Gesetz noch nicht einmal tätig werden.Nach wie vor ist die Drohnenabwehr in Deutschland ein einziger Flickenteppich mit viel zu wenig personeller Stärke und Gerät, um im Falle einer Bedrohung tatsächlich rasch und effektiv handeln zu können. Gerade berät das deutsche Innenministerium, privaten Betreibern doch eine eigene Drohnenabwehr zu gestatten.Sollte das geschehen, gesteht sich der Staat ein, mit den derzeitigen sicherheitspolitischen Herausforderungen überfordert zu sein. Das wäre keine Schande, nutzte man dann Ressourcen und Energien, um die erkannten Fähigkeitslücken zu schliessen. Dafür wäre aber ein klares Verständnis der aktuellen Sicherheitslage notwendig – und diese ist ernst. Berlin könnte zumindest damit anfangen, die digitale Infrastruktur seiner Verwaltung auf einen Sicherheitsstandard zu bringen, der der heutigen Bedrohungslage entspricht.11 KommentareMichael Warkus HeuteDieser Artikel will nur auf durchschaubare Weise davon ablenken, dass die wahre Gefahr für unser Land von RECHTS ausgeht.