GastkommentarFred LuksEs gibt derzeit wohl kaum eine staatliche oder globale Organisation, die sich das Ziel der Nachhaltigkeit nicht auf die Fahnen geschrieben hätte. Dabei ist mittlerweile evident, dass sehr vieles uns überfordert. Nachzudenken wäre daher über eine neue Form von Nachhaltigkeit.08.09.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenWährend manche weiter auf die sozialökologische Transformation hoffen, vollzieht sich ein Wandel historischen Ausmasses in Gesellschaft und Wirtschaft.Hasnoor Hussain / ReutersDas Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ist eine Erfolgsgeschichte. Ihr Modell, das Bedürfnisbefriedigung für alle Menschen garantiert und gleichzeitig die Interessen zukünftiger Generationen berücksichtigt, kann heute als globaler Konsens und als öffentlicher Mainstream gelten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als modernes Leitbild entstand Nachhaltigkeit mit dem Brundtland-Bericht 1987, es setzte sich dann mit der Uno-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio fort, verfestigte sich in unzähligen Konferenzen, Regierungsprogrammen und Wirtschaftsinitiativen und erlebte seinen Höhepunkt 2015.«Niemanden zurücklassen»Damals wurde das Pariser Klimaschutzabkommen verabschiedet und Papst Franziskus’ vieldiskutierte Enzyklika «Laudato si’» veröffentlicht. Derweil stimmten in der Uno-Generalversammlung alle 193 Mitglieder den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen zu. Diese üblicherweise als SDG (Sustainable Development Goals) bezeichneten Ziele reichen von Zugang zu Wasser über Geschlechtergerechtigkeit und Klimaschutz bis hin zum Frieden. Sie umfassen eine weltweite Agenda, bei der «niemand zurückgelassen werden soll».Chinas Führung kann über «Postwachstum», Moralappelle und Bürgerbeteiligung wohl nur müde lächeln.Gewiss haben die SDG auch Gutes bewirkt. Es springt aber doch heftig ins Auge, wer alles diesem Zielkatalog zugestimmt hat. Man staunt: Die arabischen Ölstaaten sind für Klimaschutz und Gleichberechtigung? Russland befürwortet Frieden und Gerechtigkeit? Deutschland bekennt sich zur Nachhaltigkeit von Kommunen? Man sieht: Die Uno-Nachhaltigkeitsziele sind ein Dokument beträchtlicher Verlogenheit. Und das führt zu einem zentralen Problem der Nachhaltigkeit hier und heute – einer immer grösser werdenden Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.Dennoch gibt es nach wie vor jede Menge Sachbücher, Politikerreden und Wirtschaftsprogramme, die im Bann der alten Nachhaltigkeit stehen. Beispiele für Dogmen aus unterschiedlichen Ecken der Nachhaltigkeitswelt: Nachhaltigkeit ist wichtiger als Freiheit, wir müssen effizienter werden, wir müssen moralischer werden, wir müssen die Leute «mitnehmen», gesellschaftliche Entwicklung lässt sich zielgerichtet transformieren, also steuern. Dass diese Rezepte weder den Komplexitäten noch den Konflikten unserer Gegenwart gerecht werden, ist offensichtlich.Während manche naiv weiter auf die sozialökologische Transformation hoffen, vollzieht sich ein Wandel historischen Ausmasses in Gesellschaft und Wirtschaft. Das atemberaubende Entwicklungstempo der künstlichen Intelligenz verändert mit wachsender Geschwindigkeit etablierte Geschäftsmodelle und den Alltag der Menschen. In Europa ist Krieg (und bekanntlich nicht nur dort). Und mit China drängt ein Staat mit Macht zur Weltherrschaft, dessen Führung über «Postwachstum», Moralappelle und Bürgerbeteiligung wohl nur müde lächeln (oder sich gar totlachen) kann. Die Welt ist nicht mehr jene von 1987 oder 2015, sondern eine gänzlich andere.Nicht das Ende der WeltWer das nicht sieht, geht in die Irre. Gerade wenn man an Generationengerechtigkeit, Umweltschutz und Entwicklung interessiert ist, muss man einsehen: Von der Nachhaltigkeit, wie wir sie kannten, ist Abschied zu nehmen. Und zwar nicht in dem Sinne, den viele sozialwissenschaftliche Texte nahezulegen scheinen: Das Ende der Welt naht, die Apokalypse droht, Fortschritt kann es nicht mehr geben. Sondern in dem Bewusstsein, dass «die» Welt nicht untergeht, der Weltuntergang nicht vor der Tür steht und dass das Gerede vom Ende des Fortschritts eine westliche Dekadenzerscheinung ist.Elemente einer neuen, zeitgemässen Nachhaltigkeit beginnen sich erst abzuzeichnen. Jenseits manichäischer Aufteilungen – Wachstum contra Schrumpfung, Technik contra Moral, Freiheit contra Klimaschutz – sind immerhin Konturen einer «neuen Nachhaltigkeit» sichtbar. Resilienz bleibt ein zentraler Begriff für die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften. Immer mehr Menschen erkennen, wie sehr nicht nur gesellschaftliche Nichtnachhaltigkeit, sondern auch das Gegenrezept Nachhaltigkeit von Illusionen geprägt ist. Und ein zentraler Punkt der künftigen Debatten muss sein, dass Nachhaltigkeit sich nicht bürokratisch steuern oder planen lässt.Die Erkenntnis, dass es bei einem wirksamen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit im Wesentlichen darum gehen muss, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, muss im Zentrum zukunftsgerichteter Bemühungen stehen. Ohne ein Bewusstsein davon, dass gesellschaftliche Systeme nach ihrer eigenen Musik spielen und nicht beliebig verwaltbar sind, kann es eine für alle gedeihliche Entwicklung nicht geben.Eine gesunde Steuerungsskepsis in Kombination mit einem klaren Bewusstsein der Nachhaltigkeitsrelevanz von KI, Krieg und Chinas Aufstieg ist ein zentraler Aspekt einer zeitgemässen Konzeption von Zukunftsfähigkeit. Der Abschied von der alten, einseitig dem Machbarkeitsglauben verfallenen Nachhaltigkeit ist unabdingbar. Gelingt dieser schmerzhafte Prozess nicht, wird Nachhaltigkeit als Leitbild endgültig scheitern. Der Hitzesommer 2026 zeigt, wie viel unseres Wohlstands auf dem Spiel steht.Fred Luks ist Ökonom und Nachhaltigkeitsforscher. Er lebt in Wien. Unlängst ist erschienen: «Abschied von der Nachhaltigkeit. Eine neue Philosophie der Transformation» (Transcript).19 KommentareHansjörg Stieger Gestern3 EmpfehlungenErstaunlich wie viele kommentare in letzter zeit wegen verstosses gegen NZZ (medien akademisches/ besserwisserisches gedankengut) gelöscht werden.
Abschied von der Nachhaltigkeit – es ist nicht alles machbar, was wünschbar ist
Es gibt derzeit wohl kaum eine staatliche oder globale Organisation, die sich das Ziel der Nachhaltigkeit nicht auf die Fahnen geschrieben hätte. Dabei ist mittlerweile evident, dass sehr vieles uns überfordert. Nachzudenken wäre daher über eine neue Form von Nachhaltigkeit.






