Das sagt der Literaturagent dem alten Dichter: «Sie sind keine Entdeckung. Sie sind etwas viel Besseres: Sie sind eine Wiederentdeckung»Ein einstiger Star-Poet und eine Clique von New Yorker Hipstern, die ihn umgarnen: Daraus macht der Regisseur Kent Jones in «Late Fame» einen bewegenden Künstlerfilm.Daniel Haas08.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenZwischen der New Yorker Sexarbeiterin (Greta Lee) und dem alternden Dichter (Willem Dafoe) will es nicht recht funken.Atsushi Nishijima / Magnolia PicturesEin Dichter als Postbote. Das ist eigentlich schon eine Pointe. «Wenn ich eine Message hätte, würde ich sie mit der Post verschicken», soll Roman Polanski gesagt haben. Und diese Meinung würden wohl alle ernstzunehmenden Künstler teilen. Kunstwerke sollten nicht Vehikel für Meinungen sein, sondern ästhetische Zeichensysteme – oder, weiter und offener gedacht, eine gestaltete Art von Rätseln.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dass Ed Saxberger (Willem Dafoe) im Postamt Briefe in Fächer sortiert – seit 37 Jahren macht er den Job –, übersetzt die Idee des Künstlers als eines interesselosen Schöpfers in ein ironisches Bild. Zumal dieser bei der Post arbeitende Mann einst ein grosser Lyriker war. Seine literarischen Vorbilder: Pound, Eliot, Beckett.Inhalt und FormEd Saxberger ist ein Künstler im Geiste der Hochmoderne. Da werden per Gedicht keine Botschaften versendet. Inhalt und Form sind gleichberechtigt bei dieser Art von Poesie. Meyers (Edmund Donovan), ein hipper junger Literaturstudent, erkennt den einstigen Lyrik-Star, macht ihm die Aufwartung und kann ihn zu einem Treffen seiner Autorenfreunde locken. Kulturbegeisterte Hipster, die Essays schreiben, Gedichte und Theaterstücke.Auch eine Frau gehört zur Gruppe: Gloria (Greta Lee), Schauspielerin und von allen bewunderte Hetäre eines New York, das anscheinend noch Bedarf hat an Exzentrikerinnen mit dem Look des Zwanziger-Jahre-Flapper-Girls. Eine Künstlergruppe wollen sie gründen, die schicken Upperclass-Jungs mit ihren Masterabschlüssen von Elite-Unis. Saxberger könnte ihre Entdeckung sein, und Meyers vermittelt Saxberger sogar an einen Agenten.Jake Lacy spielt diesen als slicken Impresario mit Ear-Pods im Ohr und einem Eckbüro in kaltem Weiss. Ob er schon angefangen habe mit seinen Memoiren, fragt er den sichtlich verdatterten Autor. «Äh, nein, sollte ich?», fragt Saxberger. Und dann erklärt ihm der in Marketing geschulte Agent: «Sie sind keine Entdeckung. Sie sind etwas viel Besseres: Sie sind eine Wiederentdeckung.»Nostalgische HipsterDer feinsinnige Künstler aus der Lower Class, in den siebziger Jahren als Geheimtipp der Lyrik gehandelt, jetzt Postbote: Das ist ein Glücksfall für die nostalgiesüchtigen Hipster, die Vinyl-Schallplatten sammeln, Ein-Gang-Fahrräder fahren und sich nach einem New York sehnen, in dem William Burroughs den Roman «Junkie» schrieb und Jack Kerouac «On the Road» verfasste, den vielleicht wichtigsten amerikanischen Roman der Sechziger-Jahre-Gegenkultur.Für Saxberger, der allein lebt und nur ab und zu in die Kneipe Billard spielen geht, ist die Bewunderung der jungen Bourgeois eine Genugtuung. Und, noch wichtiger – als Literat fühlt er sich wiederbelebt. Er nimmt an den Treffen der Gruppe teil und verliebt sich so halb in Gloria. Sie erweist sich als weniger gutsituiert, als es den Anschein hat, und ist deshalb nicht nur Hetäre, sondern auch Sexarbeiterin.Saxberger liest auch an einer Theaterpremiere der Gruppe – ein besseres Sit-in, wo Leute, statt «Fight the power» zu rufen, still zuhören und, ihrer Generation entsprechend, auf dem Handy herumwischen. Die Desillusionierung bleibt nicht aus: Der Poet stellt fest, dass die selbsternannten Literaturnovizen seine Gedichte gar nicht gelesen haben. Sie wollen nur einen Gratis-Rat abgreifen für die eigene Dichterkarriere.Willem Dafoe gewinnt seinem in vielen Arthouse-Filmen bewährten Knautschgesicht erstaunlich zarte Ausdrucksnuancen ab. Wehmut, Sehnsucht, Hoffnung und bittere Enttäuschung wechseln sich ab in seiner Mimik – erneut eine beachtliche Darstellungsleistung. Edmund Donovan als Wohlstands-Boy mit künstlerischen Ambitionen ist so chic wie arrogant. Seine Eitelkeit erstreckt sich in die literarische Sphäre hinein, wo sie in der Person von Saxberger auf zähe Widerstände stösst. Ganz so leicht kann man einen alten New Yorker Lyriker dann doch nicht einspannen für den eigenen Grössenwahn.Greta Lee ist exzellent als die Grossstadtnomadin, die in keinem Milieu heimisch werden kann und die in Saxberger den väterlichen Mentor zu erkennen glaubt. Auch diese Rechnung geht nicht auf: Alte Männer haben immer noch Libido zur Verfügung, romantisch und konkret.Eine Novelle von Arthur SchnitzlerKent Jones hat den Film auf der Grundlage von Arthur Schnitzlers postum entdeckter Novelle «Später Ruhm» verfilmt; sogar den Namen der Hauptfigur, Saxberger, hat er übernommen. In Schnitzlers Text steht Saxbergers Entourage für den George-Kreis. Schnitzler wollte den sklavischen Verehrern des deutschen Grossdichters eins auswischen. Und Jones überträgt diese Kritik auf unsere Gegenwart: Die dilettantische Hingabe der Hipster-Schickeria verkennt ihren Gegenstand mindestens ebenso sehr, wie sie ihn bewundert.Am Ende des Films steht eine Aussöhnung mit der Gegenwart zu ihren neuen, harten, von Medien bestimmten Bedingungen: Saxberger geht in die Kneipe und . . . Nun, das muss man sich selber anschauen.Late Fame: Im Kino (97 Minuten).Passend zum Artikel
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