Wie der Schmerz einer Nation in Rache mündet – «Fauda» bleibt die Erzählung des NahostkonfliktesIns Zentrum von Staffel 5 rücken die Ereignisse des 7. Oktober und die Folgen. Die Serienhelden sind traumatisiert, die Hamas findet in Marseille Unterschlupf.08.09.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenKann sich nicht erinnern, was er am 7. Oktober erlebt hat: Lior Raz in der Hauptrolle des Doron KabilioNetflixAls am 7. Oktober vor drei Jahren die Terrororganisation Hamas Israel überfiel, war nicht die Zeit, an Fernsehserien zu denken. Aber wer «Fauda» gesehen hatte, der wurde mit einem Schlag der prophetischen Kraft der israelischen TV-Serie gewahr: «Fauda» hatte die Eskalation kommen sehen. Seit ihrem Start 2015 handelte die Filmerzählung über eine Anti-Terror-Einheit des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet davon, in welcher Ausweglosigkeit und Desillusionierung die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung feststeckte. Mit jeder der vier bisherigen Staffeln, in denen die Truppe im Westjordanland oder im Gazastreifen Terroristen ausschaltete, sank die Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konfliktes.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Tag der Terrorattacke wurde «Fauda» von der Wirklichkeit eingeholt – nach dem Prinzip der Serie, das besagt, dass Schmerzzufügung der Erkenntnis förderlich ist. Die verheerenden Anschläge der radikalislamischen Hamas standen für das Unvorstellbare – es brauchte keine von Tod und Verzweiflung wissenden Bilder mehr. Es war eine Zäsur und eigentlich auch undenkbar, dass «Fauda» überhaupt noch würde weitergehen können.Doch in den Tagen und Wochen darauf dominierte in der Weltöffentlichkeit nicht Mitgefühl für die Angegriffenen, sondern das, was die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz als «krankhaften Jubel» von linken, antikolonialistischen Kreisen bezeichnet. Diese solidarisierten sich von Paris über Berlin und London bis New York mit den Palästinensern gegen Israel und legitimierten den Terrorangriff als Akt des Widerstands, so Illouz. Unmittelbar zum Ausdruck kam dies in der fehlenden Empathie vieler Medien weltweit gegenüber den von der Hamas verschleppten israelischen Geiseln.Seither gibt es eine neue Dimension in der israelischen Frage, und diese treibt die neue Staffel voran. Der Hauptdarsteller Lior Raz (in der Rolle des Doron Kabilio) und der Journalist Avi Issacharoff – sie wirken als Co-Autoren, gelten aber mittlerweile als die herausragenden Köpfe der Serie – schrieben nach dem 7. Oktober das Drehbuch zur vorliegenden fünften Staffel komplett um.Doron (Lior Raz, links) wird zum Schutz von Eli (Yaakov Zada-Daniel) nach Marseille geschickt.NetflixVersprengte TruppeMan führt hier nochmals vor Augen, weshalb «Fauda» seit Jahren zum Besten gehört, was grosses Erzählfernsehen zu bieten hat. Raz und Issacharoff finden einen überzeugenden Dreh, das Faktum des 7. Oktober, den Schock in Israel und die Gleichgültigkeit der Welt zu thematisieren. Die etablierte Geschichte um eine Anti-Terror-Spezialeinheit geht vor dem Hintergrund dieser neuen israelischen Realität konsequent weiter.Das Team um Doron Kabilio ist zwei Jahre nach den Ereignissen des 7. Oktober eigentlich nicht mehr im Dienst – und dann doch so halb schon wieder im Einsatz. Das erlaubt eine gewisse Distanzierung vom eigenen Modus und nachdenkliche Zwischentöne.Es gibt keinen Übergang zur Tagesordnung, und das ist klug gemacht: Doron, Eli, Steve, Sagi, aber auch die Verantwortlichen beim Shin Bet, Gabi (Itzik Cohen) und Dana (Meirav Shirom), stehen hier stellvertretend für die Traumatisierung der israelischen Gesellschaft. In den Folgen sieben und acht erleben wir durch ihre Augen, was am 7. Oktober passierte. Es geht um den Schmerz einer Nation.Die zum Inlandgeheimdienst Shin Bet gehörenden Anti-Terror-Kämpfer sind keine Einheit mehr, sondern eine versprengte Truppe. Alle vier sind von den Ereignissen am 7. Oktober nachhaltig beschädigt. Die Familie von Eli (Yaakov Zada Daniel) wurde ausgelöscht; Doron leidet an Amnesie und kann sich nicht erinnern, was an dem Tag passierte, als er Elis Familie zu Hilfe eilte. Bis in die Wirklichkeit des Filmteams hinein sind sie hier reduziert: Sagi, eine der Hauptfiguren, hat nur einen Mini-Auftritt, weil der Darsteller Idan Amedi im Januar 2024 als Reservist bei einem Militäreinsatz in Gaza als Folge der Terrorattacke so schwer verletzt wurde, dass er keine grössere Rolle übernehmen konnte.Die beiden Episoden sind schwer zu ertragen. In einem kurzen Vorspann wird an der Stelle warnend darauf hingewiesen, dass die Folgen für manche (etwa traumatisierte) Zuschauer nicht empfehlenswert seien und ausgelassen werden könnten, was aber dem Verständnis des Ganzen keinen Abbruch tue.Die Warnung ist berechtigt, auch wenn der Horror ganz ohne Voyeurismus oder Übertreibung gezeigt wird. Die Realität braucht hier keine Überzeichnung. Ohnehin war «Fauda» grundsätzlich nie zimperlich, wenn es darum geht, die rohe Gewalt, den psychologischen Druck, die politische Hoffnungslosigkeit, den blanken Hass auf beiden Seiten, die Mechanismen zu zeigen, die den Nahostkonflikt vorantreiben.Trotzdem ist es eine absurde Vorstellung, dass man sich die Serie anschauen könnte ohne die beiden Schlüsselepisoden zum 7. Oktober. Denn der Terror ist Realität. Und wo Israels Feinde gut im Verleugnen und Umdeuten sind, erscheint es umso zwingender, dass nun im Kontext dieses Werks der unvorstellbare Schrecken nicht einfach ausgeblendet, sondern eben benannt wird.Saïd Al-Khatib (Hakim Djaziri, links vorne) war massgeblich am Attentat des 7. Oktober beteiligt. Melanie Laurent (rechts) spielt Anne, eine Palästina-Sympathisantin, die den Mord an ihrem Mann, einem Hamas-Kämpfer, durch die Israeli rächen will.NetflixBrennpunkt MarseilleIn einem cleveren Schachzug nimmt diese Geschichte ihren Auftakt in Europa, wo die ersten sechs Folgen hauptsächlich spielen. Man thematisiert den Zusammenhang von Migration, Antisemitismus und Israel-Hass und knüpft an die vorangegangene Staffel an. Dort spürte man im Brüsseler Stadtteil Molenbeek einen Ausläufer der libanesischen Terrormiliz Hizbullah auf und führte den europäischen Ländern ihre gefährliche Zögerlichkeit im Umgang mit dem erstarkenden Islamismus und dem zunehmenden Antisemitismus vor Augen.Nun also Marseille, wo am Massaker des 7. Oktober massgeblich beteiligte Terroristen der Hamas Unterschlupf gefunden haben. Hierhin begleitet Eli seinen drusischen Freund Salem (Bian Anteer), der den Mord an seinem am 7. Oktober getöteten Sohn rächen will. Gabi Ayub (Itzik Cohen) hält Eli nicht für stabil genug und schickt zu dessen Schutz Doron und später auch Steve (Doron Ben-David) hinterher.Während sich hier die Erzählung vom grossen israelischen Trauma des 7. Oktober auftut, finden die drei Israeli heraus, dass die Drahtzieher der Hamas von Marseille aus nach dem Vorbild des 7. Oktober bereits eine zweite «Al-Aksa-Flut» planen. Im Handumdrehen wird aus der privaten Vendetta eine inoffizielle Operation des Shin Bet. Doron und Eli infiltrieren die Hamas. Schnell wird deutlich, wie die Islamisten vor Ort Schutz geniessen, da hier ein Teil der französischen Polizei korrumpiert ist.Israel zählt nicht mehr auf EuropaDer importierte Antisemitismus in Frankreich steht hier beispielhaft für ähnliche Brennpunkte in Europa. Mit Anne, eindrücklich gespielt von Mélanie Laurent («Inglourious Basterds»), der Witwe eines von den Israeli umgebrachten Täters am 7. Oktober, rücken auch die militanten europäischen Hamas-Sympathisanten ins Bild.Im Fokus auf Marseille und den dortigen migrantischen Islamismus macht «Fauda» deutlich, dass Israel keinen Glauben mehr an die Solidarität der Europäer hat und von ihnen, gelinde gesagt, generell nicht viel hält.Die international überaus erfolgreiche Serie trägt hier eine Mahnung in die Welt, die schnell ihre Solidarität zu Israel aufgab und in beschämender Weise etwa die Situation der Geiseln beiseiteschob. Es macht sich hier auch politische Ernüchterung breit darüber, wie die europäischen Regierungen, abgesehen von Deutschland und Österreich, auf die Seite der Palästinenser abgedriftet sind.Aber «Fauda» war nie eine Serie der Larmoyanz. Man stellt das ernüchtert fest und fährt weiter im Text.Der Schock sitzt tiefIndes manifestiert sich eine Verschiebung im Fokus der Serie, da hier zum ersten Mal die Situation im Westjordanland oder im Gazastreifen keine Rolle spielt. Einerseits hat das damit zu tun, dass zur Zeit der Entstehung der neuen Folgen nicht klar war, was mit den verbliebenen Geiseln passieren wird. Eine Staffel darüber, wie die Anti-Terror-Einheit versucht, Geiseln aus Gaza zu befreien, verbot sich aus Respekt. Andererseits richten die Macher ihr Engagement diesmal eng an den Ereignissen des 7. Oktober und den Opfern jenes Angriffs aus.Das ist ein Bruch mit der Tradition von «Fauda»; zumindest die ersten drei Staffeln thematisierten die Lage der Palästinenser in einer Zeit, in der die israelische Gesellschaft deren Situation ignorierte und ausblendete. Während Netanyahu vor allem Iran, den Hizbullah und allenfalls noch Syrien ins Schaufenster stellte, spielten die Palästinenser in der öffentlichen Debatte keine Rolle. «Fauda», die sowohl beim israelischen wie beim arabischen Publikum erfolgreiche Serie, machte auf deren Situation immer wieder prominent aufmerksam.Zu Zeiten, als die Israeli dachten, nun gingen sie die Palästinenser, hinter Zaun und Mauer versorgt, nichts mehr an, sendete die Fernsehserie Warnsignale aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen herüber, die unmissverständlich zeigten, was sich dort zusammenbraute. Trotzdem trägt man hier nicht dick auf. Man führt nicht vor, dass man mit allem recht hatte, während die israelische Gesellschaft in ihrer Palästina-Ignoranz fehl ging. Israel hatte das Gewaltpotenzial und die Militanz, mit der die Hamas die Herrschaft im Gazastreifen übernahm, total unterschätzt.Der Schock sitzt tief. Am Ende ist – in memoriam – die Staffel schlicht den Opfern des 7. Oktober gewidmet.Ob es eine sechste Staffel geben wird, ist noch unklar. Undenkbar ist es angesichts der neuen Folgen nicht; die Showrunner lassen sich erst einmal alles offen. Dass dann der Fokus wieder mehr auf der palästinensischen Frage liegen dürfte, ist anzunehmen: Raz und Issacharoff gaben sich immer als Anhänger einer Zweistaatenlösung zu erkennen, machten aber auch deutlich, dass sie diesbezüglich keine realistische Lösung mehr sehen.«Fauda» (Regie: Omri Givon), 11 Folgen, ab Dienstag, 8. September, bei Netflix.Passend zum Artikel