Als die Motoren schweigen, füllt ein Tosen den Königlichen Park von Monza. Tausende laufen wenige Minuten nach dem Großen Preis von Italien über die Rennstrecke, füllen die unendlich lang scheinende Zielgerade unterhalb des Podiums für die Siegerehrung. Die meisten mit Ferrari-Shirts auf dem Leib und Rotkäppchen auf dem Kopf. Als Kimi Antonelli als letzter der ersten drei Formel-1-Piloten hinaustritt auf die Plattform, schalten die Fans noch einen Gang höher. Der Sieger, ihr Landsmann, hat nur einen Makel im Ferrari-Land. Er fährt Mercedes.Das spielt keine Rolle mehr am späten Sonntagnachmittag. Als es dämmert, belagern immer noch begeisterte Zuschauer den Fahrerlagerausgang nach einem Renntag der Königsklasse, an dem vieles sehr deutlich zutage getreten ist. Vor allem die besondere Klasse des ersten italienischen Monza-Siegers der Formel 1 seit 60 Jahren.„Oh my God“Allein rund 100 000 Zuschauer an der Strecke, so die offizielle Angabe, wurden Zeugen der Show eines gerade Zwanzigjährigen: von Startplatz 19 losgefahren, als Erster vor dem Teamkollegen George Russell und Max Verstappen im Red Bull ins Ziel gekommen. Der Schrei von Antonelli Sekunden später über Funk erschüttert Mark und Bein: „Oh my God“, brüllt er. Später spricht die halbe Formel-1-Welt sinngemäß vom Erweckungsmoment eines Fahrers, der das Zeug hat, irgendwann vergöttert zu werden, Senna oder Schumacher.Antonelli schüttelt sich. Selbstverständlich denkt er an den WM-Titel. Der siebte Sieg im zwölften Rennen vergrößert seine Führung in der Fahrerwertung auf 66 Punkte. „Aber er wird nicht abheben“, sagt sein Teamchef Toto Wolff, „dafür sorgt die Familie, und ich mache das auch.“ Wolff erinnert gerne an den Moment, als die Szene den Kopf schüttelte, weil er einen Achtzehnjährigen 2025 ins Cockpit des zu Ferrari abgewanderten Hamilton setzte.„Niemand hat an ihn geglaubt.“ Auch Wolff nicht an alles, was er zu sehen bekommt. Das Entwicklungstempo. Im vergangenen Jahr schon schnell, aber nicht konstant, mitunter abgelenkt vom Leben außerhalb des Cockpits, von allen, die an Formel-1-Piloten zerren von morgens bis abends. Da krachte es schon mal draußen auf der Strecke und auch drinnen.Jetzt fährt der Junge aus Bologna dem Establishment vor der Nase her. Am Sonntag schien er allen einen Vorsprung zu gönnen. Aus der vorletzten Startreihe vorbei an einer Menge Steuerkünstler, zweimal an Superstar Hamilton und dann noch am eigenen Teamkollegen ganz vorne. Unglaublich. Wie ist das möglich?Schöner TrugschlussMit Können, das weit über die hohe Kunst des Rennfahrens hinaus reicht. Der vom Team geschliffene Silberpfeil wirkte wie geschaffen mit seinem starken Antrieb für den „Temple of Speed“. Dazu nahmen Rennstall und Pilot alle Chancen wahr, die sich im Verlauf des Rennens boten: Etwa den heftigen, aber glimpflich verlaufenen Crash von Ferrari-Pilot Charles Leclerc am Ende der zweiten Runde samt Abbruch.Schon beim ersten Start aus dem Stand schoss Antonelli um sieben Plätze nach vorne auf Rang zwölf. Beim zweiten um sechs weitere: „Da dachte ich mir“, erzählte Antonelli fröhlich, „dass ich vielleicht auch gewinnen könnte.“Champions zeichnet aus, in schwierigen Lagen die Ruhe zu behalten. Antonelli erzwang nichts beim Ritt vorbei an allen jenen Kollegen, die hart im Mittelfeld um ihre Positionen kämpfen. Es gibt keine Geschenke – sieht man vom technischen Defekt eines Aston Martin auf offener Strecke etwa zur Rennmitte ab. Weil die Rennleitung zur Sicherheit das virtuelle Safety-Car losschickte, rief Mercedes Antonelli zur Box, für einen zweiten Reifenwechsel.Ein Risiko laut Wolff: „Zu dem Zeitpunkt sagten die Daten, dass die Ein-Stopp-Strategie noch schneller sei.“ Ein schöner Trugschluss. Neue Reifen sind wie ein großer Schuss Benzin in den leeren Tank. Ab geht’s durch die Mitte. Auto, zur Seite! Hier kommt Antonelli.In Zukunft Teamorder?Niemand, der einen Satz Reifen über 47 Runden gefahren ist, wie George Russell, hat eine Chance gegen Angreifer mit zwanzig Touren jüngeren Pneus. Das wäre ein Wunder. Russell wehrte sich zwar. Und Antonelli rutschte beim ersten Überholversuch zum Sieg kurz vor Ende des Rennens ins Kiesbett. Aber eine Runde später zog er vorbei. Was für den technischen Vorteil und für ein freies Spiel der Kräfte sprach im Werksteam: „Wir müssen mal schauen“, sagte Dirigent Wolff, „wie wir solche Situationen in Zukunft regeln.“In diesem Moment trat der Zauber des Nachmittags mit den vielen leichten und teils haarigen Überholmanövern unter Teamkollegen wie auch bei Ferrari oder McLaren wieder in den Vordergrund. War es das mit dem Zweikampf bei Mercedes um den WM-Titel? Dient die von außen als demütigend wirkende Vorführung als Rechtfertigung für zukünftige Teamorder? Antonelli glaubt, am Nachmittag des 6. September sei etwas Besonderes geschehen: „Das werde ich nie mehr vergessen.“George Russell blieb äußerlich gelassen. Er gratulierte ohne auch nur den Anschein von Missgunst. Dann erklärte der Engländer, warum er keine Chance hatte. Und warum die unterschiedlichen Strategien kein Grund zur Klage seien. Chapeau. Er fuhr fehlerlos und gab doch mit einem Satz zu erkennen, was er neben dem Sieg an Antonelli verloren hat: „Ich muss es akzeptieren. Es ist, wie es ist. Ich werde es jetzt genießen und versuchen, Rennen zu gewinnen.“Als im Motorhome bei Mercedes zur Dämmerung noch Gläser klirren, wirkt das Ferrari-Haus auf Rädern wie verweist. Alle ausgeflogen. Der lädierte Leclerc und der klagende Hamilton. Beim Heim-Grand-Prix funktionierte weder das Teamwork noch der Bolide wie erwartet. Trotz der Beschwörung des Michael-Schumacher-Geistes und eines überarbeiteten und gestärkten Motors im Heck. Auch Antonelli hätte im Ferrari die Kurve nicht bekommen.
Kimi Antonelli gewinnt Formel 1 in Monza: Wie bei Senna und Schumacher
Monza tobt: Einen italienischen Sieger haben sie hier seit 60 Jahren nicht gesehen. Wie aus dem Teenager Kimi Antonelli, an den „niemand geglaubt“ hat, der neue Überflieger der Formel 1 wird.












