In Berlin lässt der Kubicki-Effekt noch auf sich warten. Während die Bundes-FDP in Umfragen zugelegt hat, seit der neue Parteichef amtiert, stagniert sie in der Hauptstadt. Seit knapp drei Jahren steht sie zwischen drei und vier Prozent, also nur knapp höher, als sie am Sonntag in Sachsen-Anhalt abschnitt. Zwischendurch sackt sie auch mal kurz in das Schattenreich darunter und wird gar nicht mehr ausgewiesen. So war es auch in der jüngsten Umfrage wieder.So bleibt die Partei im Berliner Wahlkampf oft unter der Aufmerksamkeitsschwelle, obwohl sie eigentlich das Rampenlicht bräuchte. Manchmal steht sie zwar im Rampenlicht, aber auf einer sehr niedrigen Rampe: An diesem Montag tritt ihr Spitzenkandidat Christoph Meyer bei der Veranstaltung „Smalltalk BERLIN“ auf, der „Wahlarena der kleineren Parteien“, wie sie der Veranstalter nennt. Da gesellt sich die altehrwürdige FDP zu Tierschutzpartei, der Satirepartei „Die Partei“ und dem liberalen Konkurrenten Volt. Was kann jetzt noch helfen? Vielleicht ja der Lindner-Effekt.Sekt und Flammkuchen, dazu SturmEffektvoll ist es jedenfalls, dass Christian Lindner sich in dieser schweren Stunde wieder auf einer FDP-Bühne zeigt. Unter Hauptstadtjournalisten war sogleich diskutiert worden, ob er damit eine Rückkehr auf die politische Bühne vorbereite. Das verrät zwar mehr über Journalisten als über Lindner, zeigt aber zugleich, welche Strahlkraft der langjährige Vorsitzende der Liberalen immer noch hat. Und zwar über das Regierungsviertel hinaus. Am Freitagnachmittag ist die elegante Brasserie am Halensee, wo Lindner gleich reden wird, rappelvoll.Gekühlter Sekt und Wein werden für die Besucherinnen und Besucher angeboten.Anton VesterWie in alten, besseren Zeiten geht es zu: Es gibt Sekt und knusprig warmen Flammkuchen, und fröhlich plaudern elegante Damen mit Oberstufenschülern, die in Anzug und Krawatte erschienen sind. Wie um die Lage der Partei zu illustrieren, zieht draußen ein Sturm auf; bald weht er kühle Luft und Regentropfen durch die weit offenen Fenster hinein. „Die Liberalen bleiben standhaft und wetterfest“, verspricht der örtliche Kandidat fürs Abgeordnetenhaus.„Wirtschaft gut, alles gut“Er präsentiert den Gästen gleich eine typische Berliner Hiobsbotschaft: Der Pächter der Brasserie, die Teil einer größeren Anlage inklusive Strandbad ist, wolle den Standort aufgeben. „Der bürokratische Irrsinn“ mache solche Orte kaputt; im konkreten Fall dürfe Musik nur leise gespielt werden. Enttäuschtes Raunen, missmutiges Seufzen bei den Zuhörern. Das Ärgernis ist aber zugleich eine Steilvorlage für die FDP. Denn sie will ja Berlin auch für Unternehmer attraktiver machen.Wirtschaft stärken, Bürokratie abbauen – das sind neben Bildung die wichtigsten Themen der Liberalen im Berliner Wahlkampf. „Wirtschaft gut, alles gut“, fassen sie es auf einem Plakat zusammen. Fragen dazu beschäftigen auch in der Brasserie viele Gäste. Ihnen steht neben Lindner auch Spitzenkandidat Meyer Rede und Antwort. Der 50-jährige Jurist kennt den früheren Bundesfinanzminister noch aus der gemeinsamen Arbeit im Bundestag; dort war er zwischen 2017 und 2025 Abgeordneter mit Schwerpunkt Haushaltspolitik.Berlin soll wieder Start-ups anziehenSein großes Ziel für Berlin: vom Nehmer- zum Geberland werden. Dafür muss die Wirtschaft wachsen, die FDP will dafür ein Bürokratieentlastungspaket schnüren und die Gewerbesteuer senken. Meyer und Lindner betonen, wie ärgerlich es für Berlin sei, dass ausgerechnet die Start-up-Szene von der Hauptstadt enttäuscht sei. Ein Unternehmer aus dem Publikum bestätigt: Er investiere jetzt woanders, teils in München – wo sich viele Start-ups neu angesiedelt haben –, teils im Ausland.Meyer zeigt sich entschlossen, das Ruder herumzureißen. Mammutaufgaben machen ihm keine Angst, sonst hätte er nicht die Spitzenkandidatur übernommen. Sebastian Czaja, der zuvor bei drei Abgeordnetenhauswahlen als Spitzenkandidat der FDP angetreten war, hatte die Partei im März verlassen. Er wollte – ohne neue Parteimitgliedschaft – den Weg bürgerlicher Politik unterstützen, den der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) eingeschlagen habe. Die bisherige Bilanz der schwarz-roten Landesregierung sei zwar nicht perfekt, aber die einzige Zukunftschance, die Berlin habe, so Czaja. Er wolle eine linke Mehrheit verhindern.„Klingt so, als wäre ich nie weg gewesen aus dem Amt“Das ließ die FDP schlecht aussehen. Eben so, als bringe es nichts, sie zu wählen. Dass es etwas bringt, kann andererseits niemand versprechen angesichts der Umfragen. So gesehen ist ein Kreuz bei der FDP ein eher riskantes Investment und keine sichere Stimmanlage. Stellt sich die Frage, wie die Partei die Bereitschaft der Berliner, das Investment zu wagen, steigern kann.Die ohnehin FDP-affinen Gäste in der Brasserie scheinen immerhin Mut zu fassen durch Lindners Auftritt. Immer wieder bekommt er starken Applaus, ob für seine Analyse, welche Folgen die Wahl in Sachsen-Anhalt auf die Bundespolitik haben könnte, oder für seine finanzpolitischen Einschätzungen dazu, wie man einen Wirtschaftsstandort stärken könne. Meyer kommentiert das fast bewundernd: Man sehe, dass Lindner „immer noch Vollblutpolitiker“ sei. Lindner selbst scheint es auch zu gefallen, mal wieder in politischer Mission unterwegs zu sein: „Klingt so, als wär ich nie weg gewesen aus dem Amt“, ordnet er seine Performance mit schätzungsweise 49 Prozent Ironie in der Stimme ein.Alle Anwesenden sollen Freunde und Bekannte überzeugenLindner versteht es auch, dem Fatalismus mancher Zuhörer etwas entgegenzusetzen. Der Hauptgewinn seien liberale Gesetze. Aber auch im Rahmen der bestehenden ließen sich Wege finden; er berichtet von einem Beispiel aus seinem neuen Arbeitsalltag im Vorstand des Autohandelskonzerns Autoland.Aber was heißt das für die FDP? Nicht aufgeben, ist Meyers Credo. Acht bis neun Prozent der Berliner fänden, es bräuchte eine liberale Partei. Das sei ermutigend. Alle Anwesenden sollten auf ihre Freunde und Bekannten einwirken. Und dann schaltet sich auch bald Parteichef Kubicki in den Wahlkampf ein. Effekt nicht ausgeschlossen.
Christian Lindner kämpft für die FDP im Berliner Wahlkampf
Die FDP kämpft ums Überleben. Und auf einmal kämpft der frühere Parteichef wieder mit – in Berlin, mit dem dortigen Spitzenkandidaten. Bedeutet das was?








