Die Amerikaner sind zurückDer Flugzeugträger USS «Abraham Lincoln» legte nahe Pattaya an. Landgang für 5000 Soldaten im Sündenpfuhl, den es ohne die Amerikaner gar nicht gäbe. Sie haben einst ganz Thailand verändert.07.09.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenDie USS «Abraham Lincoln» im Hafen in der Nähe von Pattaya.Thananuwat Srirasant / GettySeit fast fünfzig Jahren hocken Männer in dieser Bar, die schon am Nachmittag dunkel ist. Frauen im Bikini wippen auf der Bühne ihre Hüften zu Rockmusik, die älter ist, als sie selber. Es sind nur ein paar Gäste hier an diesem Freitagnachmittag in der «Tahitian Queen», Pattayas ältester Gogo-Bar. «Wir haben noch keinen von denen gesehen», sagt Woody, 49, der Manager, der seinen Nachnamen nicht nennen will.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er meint die 5000 amerikanischen Marinesoldaten und -soldatinnen, die in diesen Tagen in Pattaya sind. Am Mittwoch vergangener Woche legte der Flugzeugträger USS «Abraham Lincoln» nahe der thailändischen Küstenstadt an.Es ist kein normaler Landgang, einerseits wegen der vergangenen Monate: Die «Abraham Lincoln» war im Iran-Krieg im Einsatz, neun Monate lang war sie auf dem Wasser, drei Monate länger als geplant. Die Zustände an Bord sollen angespannt gewesen sein, amerikanische Medien berichteten von psychischen Problemen der Crew in den beengten Verhältnissen auf dem Schiff. Der Captain, Dan Keeler, sagte bei einer Pressekonferenz nach der Ankunft in Pattaya, das Schiff sehe aus wie «ein dreckiges Auto auf einem Parkplatz», aber die Berichte über die Zustände auf dem Flugzeugträger seien übertrieben gewesen: Einzig Obst und Gemüse seien knapp geworden, und Zahnpasta und Seife seien rationiert worden.Es ist kein normaler Landgang, auch wegen Pattaya. Der Name allein bringt Kulturreisende zum Nasenrümpfen. Pattaya ist die Stadt, in der Männer seit Jahrzehnten die westlichen Währungen in ihren Taschen eintauschen gegen Sex. Zehntausende Sexarbeiterinnen bevölkern die Stadt, offizielle Zahlen gibt es nicht, weil Prostitution in Thailand eigentlich verboten ist. Internationale Medien schwärmten in den Tagen des Landgangs nach Pattaya, um die Soldaten im Sündenpfuhl zu erwischen.Ein Sündenpfuhl, dessen Geschichte mit amerikanischen Soldaten ihren Anfang genommen hatte.Die berühmte Walking Street in Pattaya heisst die US-Truppen willkommen.Chalinee Thirasupa / ReutersSchon während des Vietnamkriegs eine Basis für amerikanische TruppenAls die Bar «Tahitian Queen» 1978 eröffnete, war die Promenade am Strand noch nicht asphaltiert. Pattaya war noch eine verschlafene Stadt am Strand. Der Vietnamkrieg war gerade vorbei. Der Krieg hatte Pattaya, eigentlich ganz Thailand verändert.Thailand galt für die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg als freundliches Land in der Region. Regiert von einer Militärdiktatur, stramm antikommunistisch, anders als Vietnam, Laos, Kambodscha. Das thailändische Militär, noch heute die Schattenmacht im Land, hätte nie dazu aufsteigen können ohne die Hunderte Millionen Dollar amerikanischer Militärhilfe. Den ersten Bombenangriff auf Nordvietnam flogen die Amerikaner 1964 von Thailand aus, und auch die Bomber, die in den Jahren darauf ganze Landstriche in Laos und Vietnam zerstörten, starteten in Thailand. 45 000 amerikanische Soldaten waren Ende der sechziger Jahre in Thailand stationiert. Tausende mehr kamen später auf Fronturlaub.R&R hiess es, Rest and Recreation, wenn die Frontsoldaten aus Vietnam ein paar Tage nach Thailand geflogen wurden. «Die Sexindustrie war nicht neu; die öffentliche Grellheit war es», schreibt der Historiker Chris Baker in «A History of Thailand» über die amerikanischen Jahre.Noch gut ein Drittel der Kunden der «Tahitian Queen» sind ehemalige amerikanische Soldaten. Die Verbindung zwischen Pattaya und ihnen sei nie abgebrochen, sagt Woody. Einer seiner Stammkunden habe die Marinesoldaten auf Landurlaub am Tag zuvor angesprochen und sie gefragt, was sie am Abend machten. «Die sagten, sie würden zu McDonald’s gehen und dann in ihrem Zimmer X-Box spielen», erzählt Woody. Er scheint ein bisschen erstaunt. Die Marine hat für die Soldaten das Hard-Rock-Hotel gebucht, ein Resort gleich an der Promenade.Er glaubt, dass die jungen Marinesoldaten nicht in seine Gogo-Bar kämen, habe auch mit einem Kulturwandel zu tun. Die Regeln für Soldaten auf Landgang seien schärfer geworden. Die Soi 6 und 7, die Bordellstrassen in Pattaya, hat die Admiralität für die Soldaten zur No-Go-Zone erklärt. Einzig die etwas zahmere Walking Street dürfen sie besuchen.Aber auch Thailand habe sich verändert, sagt Woody. Der Bürgermeister von Pattaya sagte bei der Ankunft des Flugzeugträgers, Pattaya sei nun im Scheinwerferlicht der Welt, man wolle zeigen, wie sich die Stadt entwickelt habe: Die Soldaten genössen das Essen, die neuen Malls, die neuen Wellness-Center. Tage vor der Ankunft liess die Stadt mehrere Prostituierte verhaften. Woody glaubt, die Gogo-Bars und die Sexindustrie würden immer Teil von Pattaya bleiben, aber in ein paar Jahren würden sie wahrscheinlich zurückgedrängt werden, weg vom Strand.Amerikanische Marine-Soldaten erkennt man an den Schnauzbärten und den grossen Bizeps.Sakchai Lalit / APSchnauzbärte und TattoosEin paar Soldaten sitzen an diesem Freitagnachmittag vor der Mall an der Strandpromenade. Ihre Kollegen wandeln drinnen in der Kühle, in der Hand Einkaufstüten, ein paar vergnügen sich im obersten Stock in der Videospielhalle. Man erkennt sie an den Schnauzbärten und den tätowierten Bizeps, die die Ärmel ihrer atmungsaktiven T-Shirts spannen. Die Soldaten sagen, sie dürften nicht mit Medien sprechen, so laute der Befehl. Dann erzählen sie doch ein bisschen: Sie genössen den Strand hier, seien schon auf einer Insel gewesen. Sie wirken wie junge Menschen in den Ferien, froh über ein paar entspannte Tage. Von der Geschichte der Amerikaner in Pattaya und Thailand wüssten sie nichts.Die Mall, vor der sie sitzen, gehört zur Kette der Chirathivat-Familie, die heute auch die Schweizer Globus-Gruppe besitzt. Die Familie legte den Grundstein für ihr Einkaufsimperium während der sechziger Jahre. Sie gründete die erste Mall in Bangkok, um die neuen amerikanischen Produkte, die ins Land kamen, an die Thailänder zu bringen. Unzählige weitere sollten folgen.Um in Pattaya etwas über das Früher zu erfahren, muss man weg vom Strand, zur verbauten Parallelstrasse. Hier liegt der VFW Post 9876. Die Anlaufstelle für Veterans of Foreign Wars. Harold Hart, 70 Jahre alt, hat an diesem Freitag Dienst. Er hilft amerikanischen Veteranen, die in Pattaya leben, mit ihrem Papierkram. Etwa 150 seien bei ihnen gemeldet. Hart war selber zwanzig Jahre bei der Marine, auf einem Zerstörer. «Join the Navy, see the world», davon liess er sich als junger Mann begeistern, und die Welt schaut er sich noch immer an – er reist den Bildern des Malers Johannes Vermeer nach, in welchem Museum und in welchem Land sie auch hängen.Neun Monate lang auf dem Meer, sagt Hart, das sei schwer. Seine längste Zeit ohne Landgang waren 59 Tage. Die Kabine, die er sich mit den Kameraden geteilt habe, sei gerade so gross gewesen wie dieses Büro – also nicht besonders gross. Dann legte sein Schiff in Côte d’Ivoire an, er nahm sich die grösste Hotelsuite und vermietete Sofa und Betten darin an seine Kameraden – das Bier bezahlte er. «Die Marine hat sich verändert», sagt er.Zu seiner Zeit, erzählt Hart, sei man in einen Hafen eingelaufen, jemand habe sich verliebt, und man habe aufpassen müssen, dass der Kamerad das Signal zum Aufbruch aus dem Hafen nicht verpasst habe. Heute patrouillieren an der Strandpromenade von Pattaya junge Männer in Poloshirts, auf ihren Ärmeln ist SLG aufgedruckt, Shore Liaison Group, interne Aufpasser. Sie stellen sicher, dass sich die Soldaten an Land benehmen. Die Polizei von Pattaya hat zudem ihre Präsenz erhöht.James Lee Stenger, 73, kommt ins Veteranenbüro. Hart soll ihm mit einigen Formularen für die Krankenkasse helfen, die er online einreichen muss. Er hat ein bisschen Zeit, zu erzählen: Stenger kämpfte ab 1969 in Vietnam, später litt er an Krebs, Nachwirkungen des hochgiftigen Mittels Agent Orange, mit dem die amerikanische Armee den Dschungel entlaubt hatte. Zum Fronturlaub ist er nach Bangkok gekommen, ins Metro-Hotel, das die Armee für ihre Soldaten gemietet hat. Es sei eine andere Stadt gewesen damals, noch ohne Hochhäuser. Was er damals gemacht hat, in seinen sieben Tage Rest and Recreation? «Typische GI-Sachen», sagt Stenger und meint damit Dinge, die amerikanische Soldaten im Urlaub halt so machten.Die Sexindustrie gehört zu Pattaya – auch wenn die Stadtregierung lieber anderes betont.Chalinee Thirasupa / ReutersEr habe sich Hahnenkämpfe angesehen, alles sei billig gewesen. Ein Taxifahrer für eine Woche: 35 Dollar. Ein Mädchen für eine Woche: 35 Dollar, ihren Namen wisse er noch immer, er sagt ihn aber nicht. Er sei jetzt allerdings ein anderer Mensch, vor 25 Jahren sei er nach Pattaya gezogen, habe geheiratet.Bis in die späten Fünfziger hatte Thailand etwas über 800 Hotelzimmer und etwa 40 000 Touristen im Jahr. In den sechziger Jahren kamen Tausende Hotelzimmer hinzu. 1970 besuchten 600 000 Touristen das Land, 2025 waren es fast 33 Millionen. Es gibt noch alte Fotos von Pattaya während des Krieges: Ein Marinesoldat springt vom Boot an den Strand von Pattaya, ihn erwarten junge Frauen in Baströcken, die eigentlich nach Hawaii gehören. Die Menschen in Pattaya verkleideten sich, um den Soldaten ein vertrautes tropisches Paradies zu bieten – sie haben das Geschäft mit den Besuchern früh erkannt.Angezogen von der amerikanischen Präsenz im Land, kamen andere internationale Behörden wie die Vereinten Nationen nach Bangkok. Mit amerikanischer Entwicklungshilfe wurden die Wälder im schwer zugänglichen Norden des Landes gerodet, um Landwirtschaftsfläche zu schaffen. 1971 reiste eine Weltbank-Delegation nach Bangkok, an ihrer Spitze der Präsident Robert McNamara – zuvor der amerikanische Verteidigungsminister, damals, als Thailand die Fronturlaub-Verträge unterschrieb. Die Delegation traf sich mit Würdenträgern und Wirtschaftsführern. Zusammen kamen sie zu dem Schluss, dass die Zukunft von Thailands Wirtschaft nach dem Ende des Vietnamkriegs nur eines sein könne: Massentourismus.Hart hat am Wochenende eine Tour auf der USS «Abraham Lincoln» für Veteranen gebucht, um in Erinnerungen zu schwelgen. Stenger bleibt in Pattaya. Er sagt, die Stadt habe sich in den vergangenen Jahren verändert. Der Verkehr sei unerträglich geworden. Die Geister, die sie riefen.Visaregeln verschärftNach dem Ende des Vietnamkriegs und spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges verlor die amerikanische Armee das Interesse an Thailand. Die Kommunisten waren besiegt oder keine Bedrohung mehr. China noch keine Grossmacht. Zwar schickte die Marine noch immer jährlich Schiffe und Soldaten nach Pattaya für eine Übung mit den Thailändern. Die Crew der USS «Abraham Lincoln» dürfte allerdings die erste seit den siebziger Jahren sein, die sich in Thailand von einem Kriegseinsatz erholt. Die geopolitischen Gewichte in der Region haben sich verschoben: Thailand versucht heute wie seine Nachbarn einen komplizierten Spagat zwischen China und den USA – und will dabei niemanden verärgern.In der Schneiderei Marco Custom Tailors haben sie ein Banner aufgehängt: «Welcomes all US Forces». Das Banner ist nicht neu. Das Foto eines Minensuchschiffs mit der Grussbotschaft des Captains, das vor der Tür steht, schon etwas vergilbt. Früher, sagt die Besitzerin Guddi, 69, seien sie von der Marine bei ihren Übungen noch auf die Schiffe eingeladen worden, das sei vor den Anschlägen am 11. September 2001 gewesen. «Wir arbeiten schon lange mit ihnen zusammen», sagt sie. Diesmal seien nur ein paar Soldaten in den Laden gekommen. Dabei sei Nebensaison in Pattaya, es wäre gut, wenn sie kämen, sagt Guddi.Die Läden in Pattaya erhoffen sich von den Soldaten ein Geschäft.Chalinee Thirasupa / ReutersDer Bürgermeister von Pattaya sagte bei einer Pressekonferenz nach der Ankunft des Flugzeugträgers, dass die Soldaten bei ihrem fünftägigen Besuch umgerechnet 2,5 Millionen Franken in die Stadt bringen würden. Er hoffte es zumindest. Pattaya zieht nicht mehr so viele Touristen an wie früher. Mit jenen, die kommen, tut sich Thailand gerade schwer: In den vergangenen Wochen kursierten in den sozialen Netzwerken Videos von ausländischen Besuchern, die sich danebenbenehmen. Das thailändische Fernsehen zeigte eine Sendung mit dem Namen «Tourists gone wild», dort prügelten sich in einem Clip mehrere Strandbesucher. Die Stimmung unter den Thailändern scheint gerade zu kippen, die Regierung hat die Visaregeln verschärft, europäische Touristen dürfen nur noch 30 Tage bleiben statt 60.Guddis Sohn Vincent, 39, sagt, die Beziehung zwischen Pattaya und den Amerikanern bestehe noch immer. Aber jene, die sie erhielten, seien vor allem die Veteranen, die zurückkämen oder hierhergezogen seien. «Diese junge Generation weiss davon nichts.»Am Sonntag legte die USS «Abraham Lincoln» ab. Der Landgang verlief ohne grössere Zwischenfälle. Bekannt wurde nur ein Streit zwischen zwei Soldaten am Donnerstagabend. Eine einzige Schlägerei.Passend zum Artikel