KommentarErstmals erreicht eine private europäische Rakete den Weltraum. Damit sollte sich Europa nicht zufriedengebenRaketenkrise? Das war einmal. Mit dem Start einer Rakete des deutschen Unternehmens Isar Aerospace macht Europa einen weiteren Schritt in Richtung Souveränität im Weltraum.06.09.2026, 16.10 Uhr3 LeseminutenKurz nach 22 Uhr hebt die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace vom Startgelände in Norwegen vom Boden ab.Franziska Kegel / Isar Aerospace via ReutersWenn man Josef Aschbacher, den Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), in den letzten Jahren reden hörte, gab es vor allem ein Thema: Europa brauche einen eigenständigen Zugang zum Weltraum. In der momentanen Weltlage könne es sich Europa nicht leisten, von amerikanischen Raketenfirmen wie SpaceX abhängig zu sein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Samstag ist Europa diesem Ziel einen bedeutenden Schritt näher gekommen. In den späten Abendstunden hob eine Rakete des deutschen Unternehmens Isar Aerospace erfolgreich von einem Startgelände in Norwegen ab und beförderte fünf Minisatelliten in den erdnahen Weltraum. Es ist das erste Mal, dass eine privat finanzierte europäische Orbitalrakete die Erdumlaufbahn erreicht.Der Raketenstart in Norwegen war für das bayerische Start-up ein voller Erfolg.Isar Aerospace/NASASpaceflight.com»Die 28 Meter grosse Spectrum-Rakete von Isar Aerospace ist für kleine Nutzlasten von bis zu einer Tonne ausgelegt. Damit ist sie eine Ergänzung zu den Vega-C- und Ariane-6-Raketen der ESA, die mittelschwere und schwere Lasten von mehr als zehn Tonnen in den Weltraum befördern können. In einer Pressemitteilung der ESA gratulierte Aschbacher Isar Aerospace zum historischen Start. Er hat allen Grund dazu. Die europäische Raketenkrise, vor der er noch vor zwei Jahren eindringlich gewarnt hatte, sieht inzwischen nicht mehr so dramatisch aus.Die ESA darf sich bestätigt fühlenDer erfolgreiche Start der Spectrum-Rakete ist vor allem der Hartnäckigkeit von Isar Aerospace zu verdanken. Das vor acht Jahren gegründete Unternehmen hat sich auch von einem Fehlstart im vergangenen Jahr nicht vom Kurs abbringen lassen.Zum Erfolg hat aber auch die ESA beigetragen. Nach dem Vorbild der Nasa hat die Europäische Raumfahrtorganisation in den letzten Jahren damit begonnen, die private Raumfahrt zu fördern. Isar Aerospace ist einer der Nutzniesser dieser Förderung. Erst im August hat das Unternehmen im Rahmen der European Launcher Challenge einen Vertrag über 200 Millionen Euro mit der ESA abgeschlossen. Mit dem erfolgreichen Qualifikationsflug der Spectrum-Rakete darf sich also auch die ESA bestätigt fühlen.Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein. Denn die Nachfrage nach Raketenstarts ist in den letzten Jahren explodiert. Dazu tragen vor allem Unternehmen bei, die riesige Satellitenkonstellationen bauen wollen. Auf der anderen Seite gibt es nicht genug Raketen, die diese Satelliten in den Weltraum befördern können. SpaceX verwendet seine Raketen vor allem dazu, seine eigenen Starlink-Satelliten ins All zu befördern. Alle anderen – Regierungen, Militärs, Satellitenbetreiber, Universitäten – müssen sehen, wo sie bleiben.Die Auftragsbücher sind gefülltDie Spectrum-Rakete wird dieses Problem nicht lösen. Isar Aerospace arbeitet zwar an grösseren Raketen, mit denen sich auch schwerere Kommunikationssatelliten ins Weltall befördern lassen. Vorderhand zielt das Unternehmen aber auf den Transport kleinerer Satelliten. Die gefüllten Auftragsbücher zeigen, dass auch hier eine grosse Nachfrage besteht. Unter anderem sind die deutsche Regierung und die Bundeswehr an einer Zusammenarbeit mit Isar Aerospace interessiert.Ob Isar Aerospace zu einem Modell für die private europäische Raketenindustrie werden kann, entscheidet sich in den nächsten Jahren. Matchentscheidend wird sein, wie schnell es das Unternehmen schafft, die Zahl seiner Raketenstarts hochzufahren. Das Ziel – vierzig Raketenstarts pro Jahr – ist ambitioniert. Anders als die Raketen von SpaceX kann die Spectrum nicht wiederverwendet werden. Stattdessen soll das Ziel durch eine hochgradig automatisierte Serienproduktion erreicht werden, die auch die Kosten senken soll.Das ist dringend nötig. Denn Europa darf sich nicht damit zufriedengeben, seine Abhängigkeit von den USA zu verringern – koste es, was es wolle. Das langfristige Ziel muss sein, international konkurrenzfähig zu werden. Die European Launcher Challenge ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Pendant zu SpaceX und seinen wiederverwendbaren Raketen gibt es in Europa zwar noch nicht. Aber ein Anfang ist gemacht.6 KommentareMichael Wagner 07.09.20261 EmpfehlungWas die NZZ bemerkenswert wenig thematisiert: Ein Teil des Problems sitzt in Europas Hauptstädten. Wer bei strategischer Zukunftstechnologie jeden Euro umdreht, statt Innovation, Skalierung und Risikobereitschaft zu finanzieren, darf sich über den Vorsprung von SpaceX nicht wundern. Die europäische Sparsamkeit als Standortpolitik zu verkaufen, wäre dann wohl die eigentliche Fehlinterpretation.Michael Wagner 07.09.20261 EmpfehlungDie NZZ verkauft Isars Erfolg als Beleg dafür, dass Europas „Raketenkrise“ praktisch erledigt sei – und baut dabei einen hübschen Strohmann: Aschbachers Forderung nach souveränem Zugang zum All wird gegen die private Raumfahrt ausgespielt, obwohl die ESA gerade mit der European Launcher Challenge beides will: strategische Autonomie und mehr Wettbewerb. Ariane 6 und Vega-C sind dabei keine „Raketen der ESA“, sondern Teil eines europäischen Ökosystems, das durch neue private Anbieter ergänzt werden soll.Passend zum Artikel
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