Zumindest ein Hauch von Ärger wäre vollkommen angemessen gewesen in den Erläuterungen von Vincent Kompany am Ende dieses torlosen Fußballspiels des FC Bayern beim FC Schalke 04. Schließlich steht der unersättliche Dauersieger aus München erstmals seit zwei Jahren nicht mehr an der Tabellenspitze der Liga; die heimlich von der deutschen Meisterschaft träumenden Dortmunder haben plötzlich zwei Punkte mehr, nicht mal ein Tor hatte der deutsche Meister geschossen.Kompany jedoch war zufrieden, ja sogar beglückt. „Das war ein schönes Fußballspiel mit Emotionen, mit Leidenschaft“, sagte der Trainer über dieses 90-Minuten-Kleinod, das an einen Low-Budget-Film erinnerte, der einen ganz unerwarteten und sogar massentauglichen Zauber entwickelt. Ganz ohne Tore und trotz einer fortwährenden Einseitigkeit.Schalke hatte im Angesicht der Münchner Übermacht einen Plan verfolgt, den zwar schon viele Gegner für ihre Duelle mit den Bayern erdacht haben. Aber in dieser Radikalität wurde das Konzept „Abwehrschlacht“ nur ganz selten umgesetzt. Von den Spielern, vom Publikum, von den Leuten am Spielfeldrand. „Wir haben uns vorgenommen, dass wir ein Stück weit das Verteidigen genießen, dass wir das Leiden genießen“, erläuterte Trainer Miron Muslic, während Youri Mulder, der Leiter der Profiabteilung, von einem „heroischen Kampf“ sprach.Ein Kampf, der bizarre Momente hervorbrachte: Am Ende wurden selbst Abseitspfiffe gegen die Bayern bejubelt wie anderswo virtuose Angriffsaktionen. Aber so ist der FC Schalke im Jahr 2026, der viel, viel mehr darstellt als einen ganz normalen Aufsteiger.Selbst Manuel Neuer freut sichSchalke ist nach zwei Jahren Abwesenheit mit einem sehr besonderen Stadion in die Bundesliga zurückgekehrt, das von einem außergewöhnlich leidenschaftlichen Publikum besucht wird. Der Klub steckt voller Geschichten, die bewegen, berühren, begeistern. Erzählen lässt sich nach diesem Wochenende beispielsweise das Kapitel über Robin Gosens, der als glühender Schalke-Fan zum Ende seiner Karriere sein erstes Pflichtspiel im königsblauen Trikot in der Arena bestritt und sagte: „Schöner hätte ich es mir nicht vorstellen können.“Es gibt diese Episode über Edin Džeko, den der Zauber dieses Klubs sogar in die zweite Liga lockte und der gerade noch mal erzählt hat, dass er ohne ein neues Angebot von Schalke mit dem Fußballspielen aufgehört hätte. Auf der Bank sitzt mit Muslic eines der spannendsten Trainertalente Europas, und die allgegenwärtigen historischen Verbindungen zum Ruhrgebiet und zur Bundesligageschichte erzeugen einen ganz besonderen Glanz.Kopf und Hände: Trainer Miron Muslic (l.) erdachte den Plan, den Torwart Loris Karius dann mit seinen Paraden zum Erfolgsmodell machte.AP Photo/Martin MeissnerSelbst Manuel Neuer, der hier aufwuchs, 20 Jahre für Schalke gespielt hat, nun aber bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, schien sich eher über diesen Abend zu freuen als zu grollen. Teile seiner Familie seien absolut zufrieden, dass die Bayern nicht gewonnen haben, sagte der Münchner Torhüter.Schalke wird nicht mehr als Bereicherung für die Liga wahrgenommen, weil hier immer Chaos herrscht, sondern, weil hier so viele Geschichten schlummern. Weil die Menschen hier mehr mit ihrem Klub erlebt haben als an den meisten anderen Standorten. Und weil die Arena diesen gewaltigen Krach erzeugen kann.„Das ist einfach eine Wucht und eine Energie, die auch etwas macht mit dem Gegner“, sagte Muslic über die Kräfte des Gelsenkirchener Publikums und kündigte an: „Wir sind bereit, die nächsten zehn Monate gegen alle Widerstände anzukämpfen.“ Leichtigkeit kommt erst mal nicht vor in diesem Konzept, auch das ist bemerkenswert.Ein extremes FußballspielDas trug viel zur Faszinationskraft dieses Spiels bei. Die Mannschaft von Miron Muslic fügte sich so konsequent diesem Schicksal des eigentlich Chancenlosen wie selten ein anderes Team – nur um dann doch maximalen Widerstand zu leisten. „Das Besondere ist, dass die Extreme da sind“, hat der Sportvorstand Frank Baumann kürzlich gesagt, was zu solch einem extremen Fußballspiel führen kann. Extrem einseitig, extrem leidenschaftlich, extrem intensiv, extrem emotional, extrem überraschend.Genau diese von Baumann beschriebene Neigung macht Schalke nicht nur attraktiv, sondern auch gefährlich – sogar für einen Gegner wie die Bayern. Jede Maßnahme wurde am Samstagabend mit größter Entschlossenheit ausgeführt, unterstützt von einem Publikum, das in keiner einzigen Spielsekunde auch nur ein Dezibel nachließ.So etwas ist sehr selten im Fußball und wird auch auf Schalke ganz sicher nicht in jedem Heimspiel gelingen. Aber allein dass die Möglichkeit mit dieser gewaltigen Intensität besteht, ist bereichernd für die ganze Liga und wirkt beflügelnd nach innen.So war vor ein paar Wochen kaum vorstellbar, dass der ewige Verkaufskandidat Moussa Sylla, so hingebungsvoll Fußball spielt, dass niemand bei klarem Verstand ernsthaft eine Einwechslung des physisch schwächeren Edin Dzeko in Betracht ziehen konnte.Loris Karius: „Das zeichnet Schalke aus“Satoshi Tanaka, der für eine Million Euro aus Düsseldorf kam, absolvierte sein erstes Bundesligaspiel überhaupt und wirkte wie ein Topspieler aus der Champions League – mit Ball und ohne Ball. Und Trainer Muslic wird ja in erster Linie als Motivator wahrgenommen, weil er starke Emotionen wecken kann, aber den Erfolg gegen die Bayern hat er mit einem brillanten Trainerplan begünstigt.Schalke stand tiefer als sonst und stellte nicht nur das Zentrum geschickt zu, sondern auch die Außenbahnen, wo Robin Gosens und Dina Ebimbe bis zur völligen Erschöpfung schufteten. Irgendwann wurden die beiden durch Vitalie Becker und Mertcan Ayhan ersetzt, die mit frischer Kraft genauso versiert weiterarbeiteten.„Die Jungs haben wirklich geackert bis zum Gehtnichtmehr – und genau das sind wir. Das zeichnet Schalke aus“, sagte der starke Torhüter Loris Karius, der hielt, was die Kollegen nicht verteidigt bekamen. Vorerst ist der FC Schalke 04 ganz bei sich selbst angekommen, im Einklang mit der Rolle des Underdogs, die diesem Klub seit Jahrzehnten besonders gut liegt.Dass diese Mannschaft Woche für Woche oder auch nur in jedem Heimspiel derart an Grenzen gehen kann, ist zwar nicht zu erwarten, aber eines ist schon nach zwei Spieltagen schon mal klar: Wäre die Bundesliga ein Wettbewerb um die größte Leidensfähigkeit, wäre Schalke 04 ein sehr aussichtsreicher Kandidat auf den Titel.
Schalke 04 wird beim 0:0 gegen FC Bayern München zum Meister des Leidens
Ein besonderes Stadion, ein heroischer Kampf und ein brillanter Trainerplan: Der FC Schalke fügt sich gegen die Bayern ins Schicksal des Chancenlosen. Das Ergebnis ist bereichernd für die Bundesliga.










