Zumindest auf die Anhänger des FC Bayern München können die vertrauten Szenen, die am Samstagabend in Dortmund zu beobachten waren, eine beruhigende Wirkung haben. Inmitten einer sich rasend schnell verändernden Fußballwelt ist die Bundesliga ein Ort der Verlässlichkeit.Wenn es um nationale Titel geht, stehen am Ende Joshua Kimmich, Manuel Neuer und die anderen Münchner im Konfettiregen, während der Queen-Song von den Champions erklingt.Trainer Vincent Kompany sprach von „dieser Energie“, die seit seiner Ankunft vor zwei Jahren im Klub vorhanden sei. Von diesem „Gefühl, alles gewinnen zu müssen“, das die Mannschaft immer weiter antreibe. Trotz des ermüdenden WM-Sommers und trotz der Erfolge der Vorsaison seien genau diese Kräfte wieder spürbar. Für die Konkurrenz ist das beunruhigend, zumal Kimmich erklärte, dass sein Team „von der Art und Weise“ her noch „weit weg“ vom Ideal agiert habe.Die Gegner müssen sich demnach weiterhin mit Konjunktiven beruhigen:Hätte Maximilian Beier kurz vor dem Abpfiff seine große Chance zum 2:2 genutzt, hätte der BVB doch noch die Chance bekommen, diesen Franz-Beckenbauer-Supercup zu gewinnen. Wäre Jobe Bellingham nicht dieser dumme Fehler in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit passiert, der zum zweiten Münchner Tor führte, wäre es später im Spiel vielleicht richtig spannend geworden.„Die Mentalität bleibt das Wichtigste für diese Mannschaft“Aber am Ende hatten die Bayern durch ihr 2:1 in Dortmund den ersten Titel der Saison gewonnen, und Kompany formulierte einen Satz, der ebenfalls nicht ganz neu ist: „Die Mentalität bleibt das Wichtigste für diese Mannschaft.“ Wenn die Spieler aus dem besten Kader richtig viel laufen und intensiv arbeiten, sind sie eben kaum schlagbar. Jedenfalls, wenn der größte Gegner sich in einem nicht enden wollenden Dauerprozess des Umbruchs befindet.Sofern Franz Beckenbauer dort oben im Himmel zugesehen hat, könnte ihm vor allem in der ersten Halbzeit sogar eine seiner gemeinsten Wortschöpfungen in den Sinn gekommen sein. Denn der Fußball des zweitbesten Klubs der Bundesliga hatte zumindest vor der Pause ziemlich „rumpelig“ gewirkt, weshalb der 0:2-Rückstand nach 45 Minuten auch „in der Höhe verdient“ gewesen sei, sagte Nils Book.„Nicht so sauber“ sei das Spiel des BVB dort gewesen, räumte der neue Sportdirektor des Revierklubs ein, der am Ende des Abends dennoch stolz auf seine Arbeit gewesen sein durfte. Denn nach der Pause, als die Neuzugänge Giannis Konstantelias und Joey Veerman ins Spiel kamen, habe das Spiel seiner Mannschaft dann doch Phantasien von einer guten und spannenden Saison beflügelt. „Da haben wir gezeigt: Wenn wir nach vorne spielen, wenn wir mutig sind, wenn wir sauber im eigenen Ballbesitz sind, dann sind wir eine gute Mannschaft.“Bayer-Trainer Kompany bringt sein Team voran: „Die Mentalität bleibt das Wichtigste für diese Mannschaft.“AFPDie von Book nach Dortmund geholten Spieler deuten schon an, dass sie die spielerischen Probleme, die mit dem aus BVB-Sicht unerfreulichen Begriff „Kovac-Fußball“ assoziiert werden, wirksam bekämpfen könnten.Der 18 Jahre alte Konstantinos Karetsas entwickelte schon vor der Pause einige gute Lösungen mit Ball in engen Räumen. Später hatte der 23 Jahre alte Konstantelias viele gute Einfälle. „Er hat richtig Schwung reingebracht, hat Tempo gezeigt und das Tor mit eingeleitet“, sagte Book.Die Bayern waren glasklar besserAuch der aus Eindhoven unter Vertrag genommene Veerman, der womöglich mittelfristig die Position des auf höchstem Niveau abermals überforderten Bellingham übernehmen könnte, hinterließ einen starken ersten Eindruck. „Die zweite Halbzeit war richtig gut“, sagte Trainer Niko Kovač, aber besser war selbstverständlich trotzdem der FC Bayern München, der den BVB sogar in der Kategorie „beeindruckendste Neuzugänge“ lässig überboten hatte.Der aus Frankfurt nach München gewechselte Linksverteidiger Nathaniel Brown hatte in seinem ersten Pflichtspiel für den neuen Klub im Zentrum hinter der Sturmreihe gespielt und war brillant. „Er ist unfassbar gut zwischen den Räumen“, sagte Kompany, während der Münchner Sportchef Max Eberl von der „Polyvalenz“ des jungen Nationalspielers schwärmte. Brown hatte das 1:0 erzielt, den Rhythmus etlicher Angriffe bestimmt und die ganze Liga daran erinnert, dass die Münchner nicht nur viel rennen und individuell in einer eigenen Liga agieren. Sie spielen auch taktisch den niveauvollsten Fußball.Die Profis dürfen ihre Positionen freier wählen als anderswo, solange die Ordnung im Gesamtgefüge bestehen bleibt. „Bei uns sind manchmal die Räume von Außenverteidigern ähnlich wie bei den Zehnern“, sagte Kompany, und Eberl feierte Brown dafür, genau diese ungewöhnlichen Prinzipien umgehend begriffen zu haben.Die Abläufe beim FC Bayern seien schon „sehr komplex“, aber das habe Brown „sehr, sehr schnell verinnerlicht, und das hat einfach damit zu tun, dass er eine sehr gute Spielauffassung hat“. Insofern hatte das Publikum zwar ein Fußballspiel erlebt, das irgendwie hätte anders enden können, wenn sich viele schwer kontrollierbare Details irgendwie zugunsten der Dortmunder verschoben hätten. Aber besser waren glasklar die Bayern.Den Bundesligafreunden, die einen offenen Meisterschaftskampf herbeisehnen, bleibt damit nur, sich der Hoffnung hinzugeben, dass Karetsas, Konstantelias und Veerman nicht nur einen deutlichen spielerischen Fortschritt bewirken, sondern auch übers Jahr und über Phasen der schlechten Laune hinweg widerstandsfähig bleiben. Aber die erste große Pflichtspielbotschaft zum Saisonauftakt ist eine andere:Borussia Dortmund hat zwar viel bewegt auf dem Transfermarkt, aber die vielschichtige Überlegenheit des Rekordmeisters hat den Sommer sehr gut überstanden.