Als Michael Mendl im Oktober 1989 im „Tatort: Die Neue“ seine erste große TV-Rolle, den vorbestraften Serienvergewaltiger Koslowski, spielt, ist er 45 Jahre alt. Das mag zwar ins Bild vom reifen Charakterdarsteller passen, der von nirgendwoher ins Wohnzimmer-Rampenlicht tritt, ist aber bloß Legende. Dieser „Tatort“, produziert vom SWF (Südwestfunk), ist zwar Ulrike Folkerts Kommissarinnen-Debüt, jedoch mitnichten Michael Mendls Bösewicht-Rollenpremiere.Geboren im April 1944 im westfälischen Lünen als Sohn eines katholischen Priesters und einer Studentin, vom Stiefvater adoptiert, aufgewachsen im Ruhrgebiet und in Ludwigshafen, studierte er zunächst Theaterwissenschaften in Wien, wo er sich eine Aufnahme ans Max-Reinhardt-Seminar erhoffte. Weil daraus nichts wurde, ging Mendl zurück in den Pott und ließ sich an der Folkwangschule ausbilden. Er spielte Theater, trat aber seit 1975 auch immer wieder im Fernsehen auf.Die Legende des SpätberufenenDie Spätberufenenlegende entstand, weil Mendls Name denen, die ihn sahen und weder Physiognomie noch Stimme noch Habitus vergaßen, oft kaum präsent blieb. Namen sind Schall und Rauch, was Mendl, der den Dichter Goethe im Heinrich-Heine-Biopic „Ich Narr des Glücks“ (NDR 2005) einst spielte, zu seinem Vorteil zu nutzen wusste. Tritt der Charakterspieler so in seine Rolle ein, dass er die Privatperson vergessen macht, eröffnet ihm das eben alle möglichen Namen und Welten und uns auch.Man lernte ihn immer wieder kennen. Mendl war unverwechselbar als Willy Brandt in „Im Schatten der Macht“ (2002), wofür er die Goldene Kamera erhielt, er war Johannes Paul II. in „Karol Wojtyla – Geheimnisse eines Papstes“ (2006), er war der Kapitän in Joseph Vilsmaiers „Die Gustloff“, er spielte in Oliver Hirschbiegels Oscar-nominiertem Kinofilm „Der Untergang“ (2003) die Rolle des Generals Helmuth Weidling. An der Seite von Dagmar Manzel als Petra Kelly verkörperte er in Andreas Kleinerts WDR-Film „Kelly Bastian“ 2001 ihren Mörder Gert Bastian. Im ZDF-Dokudrama über die deutsche Wiedervereinigung „Deutschlandspiel“ von Hans-Christoph Blumenberg war er ebenfalls dabei, in „Schlafes Bruder“ als böser Bauer und, an der Seite von Kai Wiesinger ausgezeichnet mit dem Bayerischen Fernsehpreis, im Gefängnisfilm „14 Tage lebenslänglich“. Als ehemaliger Kernkraftwerksbetreiber in der Netflix-Serie „Dark“ brachte Mendl seine geheimniskrämerisch dunkle Figurenzeichnungskunst in die Produktion ein.Michael Mendl konnte Vielfalt in der Unverwechselbarkeit wie kaum ein Zweiter. Zu den Charakterrollen kam die TV-Serienarbeit, in Publikumslieblingen wie „In aller Freundschaft“, „Der Bergdoktor“, „Der Alte“, im „Tatort“, in der Krimiserie „Ein starkes Team“ oder 2021 im weitverzweigten Krimi-Mehrteiler „Die Toten von Marnow“. Daneben arbeitete Mendl immer wieder als Synchronsprecher und trat auch, etwa als Odysseus, an der Frankfurter Oper auf. Auf seiner Agenturseite wird „Gesang“ als besondere Fähigkeit erwähnt.Besondere Fähigkeiten besaß Michael Mendl zuhauf. Obwohl er sich selbst als „Charakterheld“ sah, lagen ihm auch Charme und Schmäh, etwa an der Seite von Hannelore Elsner. Nun ist Michael Mendl, Gestalter von mehr als 180 Figuren, im Alter von 82 Jahren gestorben.
Michael Mendl ist tot: Seine erste große TV-Rolle spielte er mit 45 Jahren
Mit seinem Namen wissen nicht alle gleich etwas anzufangen, an seine Erscheinung in ungezählten Rollen erinnert man sich indes in jedem Fall: Zum Tod des Schauspielers Michael Mendl.









