Ultraschall statt Operation: Wie sich chronisches Zittern im Gehirn schonender beseitigen lässtFünf Prozent der Senioren können ihre Hände nicht mehr richtig benutzen, weil sie zittern. Ultraschallwellen sollen gegen dieses chronische Leiden helfen. Ein Besuch in der Neurochirurgie.Von Claudia Füssler06.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenViele ältere Menschen können die Hand nicht mehr ruhig halten – und manchmal sogar nicht mehr allein essen.Pocketlight/GettyManchmal greift Andreas Schottmüller versehentlich mit der linken Hand zum Löffel. Er führt ihn unbeholfen zum Mund und versucht verzweifelt, die Nahrung dahin zu bringen, wo sie hingehört. Dann fällt ihm ein, dass seine rechte Hand wieder bestens funktioniert. Er wechselt die Seite und kann entspannt seine Suppe essen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor vier Monaten war das noch undenkbar. Schottmüller, 72, Fertigungsmechaniker und seit zwölf Jahren im Ruhestand, litt unter einem Tremor der rechten Hand. Das Zittern war so stark, dass er kein Glas Wasser trinken konnte, ohne es zu verschütten.Irgendwann hatte Schottmüller genug. Er entschied sich, sein Gehirn an der Uniklinik Freiburg mit Hitze erzeugenden Wellen beschallen zu lassen. Hochintensiver fokussierter Ultraschall (HIFUS) ist ein Verfahren, das in der Neurochirurgie gerade Karriere macht. Der Eingriff dauert keine zwei Stunden, dann sind dreissig Jahre Leidensgeschichte vorbei: Schottmüllers rechte Hand zittert nicht mehr.Der 72-Jährige gehört zu den vielen Menschen, die unter einem essenziellen Tremor leiden. Bei den Betroffenen fangen Arme und Hände unwillkürlich rhythmisch an zu zittern. Mitunter wackeln auch der Kopf, oder es vibriert die Stimme. Das Zittern wird über den Lauf vieler Jahre schlimmer. Irgendwann ist es vielen Betroffenen fast unmöglich, einen Knopf zu öffnen oder eine Gabel zum Mund zu führen. Fünf Prozent der Menschen im Rentenalter kämpfen mit diesem Leiden, die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, steigt mit dem Alter. Damit ist der essenzielle Tremor die häufigste neurologische Bewegungsstörung.Drähte ins Gehirn – das will nicht jederLange Zeit konnte man die Krankheit nur mit Tabletten behandeln – mit bescheidenen Erfolgen. Ende der 1990er Jahre wurde endlich die sogenannte tiefe Hirnstimulation als Therapieform zugelassen. Damit stiegen die Chancen auf eine Heilung. Allerdings erfordert eine solche Behandlung eine Operation, bei der Drähte ins Gehirn geschoben werden. Das möchte nicht jeder über sich ergehen lassen.Andreas Schottmüller gehört zu der ersten Patientengeneration, bei der eine schonendere Methode zum Einsatz kommt: eine Ultraschallbehandlung. Was verbirgt sich dahinter, und was kann diese Methode leisten?«Das Thema ist sehr schambehaftet, viele Betroffene ziehen sich zurück, sie wollen mit ihrer Schwäche nicht gesehen werden», sagt Bastian Sajonz, der Sektionsleiter Ultraschallchirurgie des Gehirns in der Neurochirurgie am Universitätsklinikum Freiburg. Viele seien im Alltag stark eingeschränkt, «das geht mitunter sogar so weit, dass sie gefüttert werden müssen.»Und dennoch gehen etwa 80 Prozent der Betroffenen nicht zum Arzt. Für diejenigen, die behandelt werden, stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Das Problem: Sie scheinen bei jedem zweiten Patienten nicht zu wirken.Das Zittern entsteht durch eine Fehlsteuerung im Gehirn. Das Kleinhirn – zuständig für die Feinkoordination von Bewegungen – sendet in einem schnellen Rhythmus fehlerhafte Signale aus. Der Thalamus oberhalb erfüllt seine Aufgabe ebenfalls nicht richtig: Statt diese falschen Signale herauszufiltern, leitet er sie zur Grosshirnrinde. Diese gibt die falschen Befehle an die Muskeln weiter, so dass sich diese immer wieder schnell an- und entspannen.Das Ziel: die Schaltstelle im Gehirn zerstörenEs ist ein Freitag im April, als Andreas Schottmüller hellwach in einem MRT des Universitätsklinikums Freiburg liegt. Sajonz und weitere Ärztinnen und Ärzte beobachten ihn aus dem Nebenraum durch ein Glasfenster. Gerade haben sie einen winzigen Bereich in Schottmüllers Thalamus zum ersten Mal ins Visier genommen. Mit einer Energie von 3000 Joule wird der Nucleus ventralis intermedius für wenige Sekunden auf 44 Grad Celsius erhitzt. Die Ärzte prüfen so, ob sie auch auf die richtige Stelle zielen.Das Team ist zufrieden mit den Bildern auf den Monitoren, auch Schottmüller signalisiert, dass bei ihm alles okay ist. «Dann weiter, 7000 Joule, Ziel sind 50 Grad», sagt der Neurochirurg Volker Coenen, der Leiter der Stereotaktischen und Funktionellen Neurochirurgie. Wieder werden Hunderte Ultraschallwellen gebündelt auf einen winzigen Punkt im Gehirn des Patienten gerichtet. Dadurch wird die Schaltstelle, in der die fehlerhaften Signale weitergeleitet werden, vorübergehend ausgeschaltet.Nach vierzehn Sekunden sind die Ärzte zufrieden, sie fahren Schottmüller aus dem MRT und führen einige Tests durch: Kann er eine Plastikflasche zum Mund führen? Eine Spirale auf einem Blatt Papier nachzeichnen? Schottmüller kann. Alles gelingt ihm wesentlich besser als vor dem Eingriff, die rechte Hand zittert nur noch leicht.Volker Coenen (links) und Bastian Sajonz (Mitte) prüfen vor Beginn der Ultraschalltherapie die korrekte Positionierung des Patienten im Gerät.Universitätsklinikum Freiburg«Grossartig», sagt Coenen. Er erhöht auf 15 000 Joule für zwanzig Sekunden. Damit wird die Schaltstelle dauerhaft zerstört, das beseitigt auch das letzte Zittern. Schottmüller sitzt nach der Behandlung perplex in seinem Krankenbett: «Das ist einfach nur unglaublich.»Alkohol beruhigte das Zittern und zerstörte die LeberDer essenzielle Tremor ist in erster Linie ein Aktionstremor, er tritt vor allem dann auf, wenn die Muskeln aktiv gehalten werden, man also zum Beispiel etwas greift. Stress, Koffein und starke Emotionen verstärken das Zittern, Alkohol kann es beruhigen.Der Trick, das Zittern mit Trinken in Schach zu halten, hat auch bei Andreas Schottmüller zunächst gut funktioniert. Als ihn sein Hausarzt dann allerdings auf seine ungesunden Leberwerte hinwies, wurde er nachdenklich. Seit sechs Jahren hat er keinen Tropfen mehr getrunken – das Zittern wurde wieder stärker. Schottmüller griff zu einer Notlösung: Er trainierte, so oft wie möglich seine linke Hand zu nutzen. Doch auch auf dieser Seite macht sich seit einer Weile der Tremor bemerkbar.Patienten wie Schottmüller, bei denen die Medikamente nicht ausreichend wirken, können Sajonz und Coenen zwei Optionen anbieten: Bei der sogenannten tiefen Hirnstimulation werden in einem minimalinvasiven operativen Eingriff dünne Elektroden ins Gehirn eingesetzt und mit einem unter der Haut eingepflanzten Impulsgeber verbunden. Die elektrischen Signale aus dem Gerät hemmen die tremorauslösenden Signale der Nervenzellen.«Je jünger ein Patient ist, umso eher raten wir zu diesem Verfahren», sagt Coenen. Denn bei der Hirnstimulation könne man auch nach Jahren noch nachjustieren und die elektrischen Signale ändern. Bei der Ultraschallbehandlung ist der Schaden endgültig.Nicht jedem Patienten kann geholfen werdenDiese eignet sich vor allem für ältere Patienten, die klar definierte Symptome wie einen einseitigen Tremor haben und einer OP skeptisch gegenüberstehen. Nicht allen Betroffenen kann gut geholfen werden. Manchmal ist der Schädelknochen zu dicht, er absorbiert zu viel Ultraschall, so dass die gewünschte Temperatur nicht erreicht wird. Manchmal laufen wichtige Nervenbahnen am winzigen Zielgebiet vorbei, so dass die Ärzte nicht mit voller Energie arbeiten können. Manchmal ist es einfach nicht getan mit einer punktuellen Verödung, weil das Netzwerk aus falsch verdrahteten Synapsen bereits zu verzweigt ist.Im Vergleich zur tiefen Hirnstimulation hat der Ultraschall den Vorteil, dass er weniger belastend ist und keine Narkose voraussetzt. Aber auch hier kann es zu Komplikationen kommen: kleine Blutungen im Gehirn, Gangverschlechterungen, weil benachbarte Hirnareale in Mitleidenschaft gezogen werden, Sprechstörungen, Missempfindungen.Um solche Komplikationen zu vermeiden, versuchen die Ärzte, das behandelte Areal so klein wie möglich zu halten. Deshalb sind sie sehr selten: «Das Risiko, dass eine Gangstörung nach sechs Monaten noch besteht, liegt bei unter fünf Prozent», sagt Lennart Stieglitz, der die funktionelle Neurochirurgie am Universitätsspital Zürich leitet. Hirnblutungen habe es weltweit bislang nur in drei Fällen gegeben. «Nach zwanzig Jahren und mehreren tausend Behandlungen weltweit wissen wir, dass das Risiko einer Hirnblutung durch HIFUS extrem gering ist», sagt Stieglitz.Inzwischen wird der fokussierte Ultraschall auch bei Patienten mit chronischen Schmerzen, Zwangsstörungen oder Parkinson ausprobiert «Die Ergebnisse sind noch gemischt, wir haben Erfolge, aber auch Fälle, in denen sich nichts verbessert», sagt Stieglitz. Auch bei schwerer Epilepsie können sich Experten einen Einsatz vorstellen.Endgültige Heilung kann noch niemand versprechenOb das Zittern bei Tremorpatienten dauerhaft ausbleibt, weiss man noch nicht. Bislang gibt es erst Daten von Betroffenen, die vor fünf bis zehn Jahren behandelt wurden. «Sie zeigen, dass der Effekt in den meisten Fällen stabil bleibt», sagt der Freiburger Coenen.Dennoch passiert es immer wieder, dass der Tremor zurückkommt. Denn der HIFUS beeinflusst nur die Schaltstelle, nicht die eigentliche Ursache, den Ort der Signalentstehung. «Es kann also passieren, dass die umliegenden Nervenbahnen im Laufe der Jahre die Weiterleitung der falschen Signale übernehmen», sagt Coenen.Andreas Schottmüller hofft, dass er zu den Glücklichen gehört, die so etwas nicht erleben werden. Er hat von der Behandlung eine leichte Taubheit an Lippe, Wange und Zunge zurückbehalten. «Eine Lappalie, die ich gerne in Kauf nehme», sagt er. «Ich habe endlich mein Leben wieder.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Chronisches Zittern: Wie Ultraschall das Skalpell ersetzt
Fünf Prozent der Senioren können ihre Hände nicht mehr richtig benutzen: Sie leiden unter einem chronischen Tremor. Ein Ultraschallskalpell soll ihr Leiden lindern.








