Gehirnerschütterungen können folgenschwere Symptome und Einschränkungen hervorrufen. Diese liessen sich gezielt behandeln. Doch neue Therapiekonzepte werden erst selten angewendet.Moana Mika (Text),31.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Gerät im Behandlungsraum der Neurologin Nina Feddermann erinnert an Bilder eines Astronautentrainings. Ein Stuhl, der von mehreren kreisrunden Metallstangen umfasst ist. Wer darauf sitzt, wird festgeschnallt und in alle Himmelsrichtungen gekippt. Links, rechts, kopfüber.Doch hier nehmen keine künftigen Astronauten Platz. Der Rotationsstuhl ist gedacht für Menschen mit Schwindel nach einer Gehirnerschütterung. So, wie in der Physiotherapie ein verletzter Muskel trainiert wird, so wird mit dem Stuhl das Gehirn wieder fit gemacht.Das Gehirn steuert jede Bewegung, ermöglicht Gedanken, reguliert den Stoffwechsel, macht, dass wir atmen, lachen und leben. Weil es so wichtig ist, wird es doppelt geschützt: zum einen durch den knöchernen Schädel, zum andern durch die Gehirnflüssigkeit, den Liquor. Im Liquor schwimmt das Gehirn wie eine grosse, schwere Kugel.Doch das kann mitunter negative Folgen haben. Bei einem Sturz auf den Kopf wird die Beschleunigung des Schädels durch den Aufprall abrupt gestoppt. Das im Liquor schwimmende Gehirn wird indes verzögert abgebremst. Dabei entstehen Dehnungs- und Scherkräfte, das Gewebe wird kurzzeitig verformt. Das löst die typischen Beschwerden einer Gehirnerschütterung aus.Die folgenschweren Symptome und Einschränkungen von Gehirnerschütterungen lassen sich heute gezielt und wirksam behandeln. Moderne Therapiekonzepte zielen darauf ab, Betroffene möglichst früh in das Alltagsleben zurückzuführen, statt sie lange zu schonen. Das Problem: In der medizinischen Praxis werden solche Verfahren noch selten angewendet.Nina Feddermann hat Therapieleitlinien mitverfasst, heute führt sie BrainCare, ein multidisziplinäres Zentrum für Gehirnerschütterungen und Sportneurologie in Zürich.Fast 14 800 Gehirnerschütterungen werden von den Schweizer Unfallversicherungen jährlich verzeichnet. «Allerdings sind das nur die gemeldeten Fälle», sagt Nina Feddermann. Man nehme an, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher sei.Die Ärztin ist spezialisiert auf Gehirnerschütterungen. Sie hat jahrelang dazu geforscht, Therapieleitlinien mitverfasst und an verschiedenen Spitälern Betroffene behandelt. Heute führt sie BrainCare, ein multidisziplinäres Zentrum für Gehirnerschütterungen und Sportneurologie in Zürich.«Niemand wusste so recht weiter»Einer jener Betroffenen ist Marc Gisin. Der ehemalige Skirennfahrer hatte in seiner Profikarriere gleich zwei schwere Gehirnerschütterungen. Die erste 2015 nach einem Sturz im Super-G in Kitzbühel und die zweite 2018 auf der Weltcup-Abfahrt in Gröden. Heute sagt der 37-Jährige: «Kopfverletzungen sind der Killer im Profisport. Man weiss einfach noch zu wenig, wie damit umgehen.»Marc Gisin, ehemaliger Skirennfahrer.KeystoneDie Gehirnerschütterung wird auch als leichtes Schädel-Hirn-Trauma bezeichnet. Unmittelbare Folgen sind Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Verwirrtheit und Gedächtnislücken. Die Diagnose wird anhand solcher Symptome erstellt. Denn im Standard-CT oder MRI sieht man die Verletzung nicht.Zwar fanden Forschende im Blut von Betroffenen Proteine, deren Gehalt innert Stunden nach der Verletzung stark zunahm. Sie hofften, die Proteine könnten als Marker dienen – für die Diagnose, aber auch um den Heilungsverlauf abzuschätzen. Allerdings sind die Ergebnisse noch zu wenig aufschlussreich.Die akuten Symptome der Gehirnerschütterung halten ungefähr ein bis zwei Tage an, doch wie der Körper bei jeder Verletzung braucht auch das Gehirn Zeit, um sich zu erholen. Manchmal Wochen, manchmal Monate. In dieser Phase können neue, diffuse Symptome auftreten, etwa Konzentrationsschwierigkeiten oder Schlafstörungen. «Das erschwert eine gezielte Behandlung der zugrunde liegenden Ursache», sagt Feddermann. «Wer wurde noch nie von schlechtem Schlaf geplagt?»Eine Gehirnerschütterung kann das Gleichgewicht durcheinanderbringen. Auf dem Rotationsstuhl wird der Schwindel aktiv hervorgerufen, damit das Gehirn trainieren kann, diese Signale wieder richtig zu interpretieren.Auch der Marc Gisin konnte nach seiner ersten Gehirnerschütterung monatelang nicht mehr durchschlafen. Man sprach von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Gisin probierte verschiedene Therapien aus. «Irgendwie wusste aber niemand so recht weiter», erzählt er.Drei Jahre später folgte das zweite Schädel-Hirn-Trauma. Noch auf der Piste wurde er künstlich beatmet, die Lunge war gequetscht, 28 Knochen gebrochen. «Wegen der vielen Verletzungen war der Kopf nicht im Fokus», sagt Gisin. Doch der Kopf war es, der nicht heilen wollte. Gisin hatte Mühe mit dem Gleichgewicht und der Körperwahrnehmung auf den Skiern. «Bei hohem Tempo fuhr ich manchmal in ein Tor anstatt drum herum.» Die Folgen der Gehirnerschütterung hätten ihn zum Rücktritt gezwungen, sagt er heute.Die unsichtbare VerletzungWird das Gehirn wiederholt erschüttert, können Schäden entstehen, die man erst im Mikroskop sieht. In Studien untersuchten Forschende Gehirne verstorbener Athletinnen und Athleten, die während ihrer Karriere mehrfache Kopfverletzungen erlitten hatten und deshalb Gedächtnisprobleme, Persönlichkeitsstörungen, Demenz oder Depressionen davontrugen.Die Fachleute fanden in den Gehirnen Protein-Aggregate, ähnlich, wie sie bei der Alzheimer-Demenz vorkommen. Neueste Erkenntnisse gehen davon aus, dass chronische Entzündungen und eine defekte Blut-Hirn-Schranke dafür verantwortlich sind, dass die Proteine verklumpen und sich ablagern.«Jeder Mensch ist nach einer Kopfverletzung ein neues Gegenüber», sagt Magdalena Suter, Sozialarbeiterin bei Fragile Suisse, der Patientenorganisation für Menschen mit Hirnverletzung und deren Angehörige. Die Organisation begleitet jährlich rund 600 Betroffene, bietet unter anderem Beratungen und Kurse an.Magdalena Suter, Sozialarbeiterin bei Fragile Suisse.PDKopfverletzungen können Menschen nachhaltig verändern. Nicht nur die Persönlichkeit, sondern auch das Erleben und damit den Alltag, der wegen Reizüberflutung, Schwindel oder Kopfschmerzen plötzlich zur Herausforderung wird. Die Schwierigkeit dabei: Für andere sind die Symptome unsichtbar. «Für Betroffene und ihre Angehörigen ist das extrem belastend», erzählt Suter. «Einige wünschten sich, man würde ihnen die Verletzung ansehen.»Rest is not bestBis 2016 wurden Gehirnerschütterungen gemäss «rest is best» behandelt. Heisst: strikte Bettruhe, bis alle Symptome weg sind, manchmal über mehrere Wochen. 2017 zweifelten erste Studien an diesem Therapieprinzip. «Heute wissen wir, dass Gehirnerschütterungen eine gezielte Behandlung erfordern», sagt Nina Feddermann.Die aktuellen Therapieleitlinien der «Concussion in Sport Group», einer internationalen Expertengruppe für Gehirnerschütterungen im Sport, sehen eine relative Ruhephase nur noch für ein bis zwei Tage vor, darauf folgt leichte Aktivität, wie spazieren gehen oder Hausarbeit verrichten. Stufenweise werden die körperlichen und kognitiven Tätigkeiten gesteigert bis zur Rückkehr in den Arbeitsalltag. Studien zeigen, dass die aktive Betätigung den Heilungsverlauf fördert, weil dadurch das Gehirn besser durchblutet wird und die geschädigten neuronalen Netzwerke heilen können.Nur: Das neue Therapiekonzept wird in der Praxis nicht immer befolgt. «Ich vermute, weil es einfacher ist, einem Patienten Ruhe zu verordnen, anstatt eine spezifische Therapie einzuleiten», sagt Aria Nouri. Nouri ist Neurochirurg am Universitätsspital in Genf und Leiter der Ambulanz für Gehirn- und psychische Gesundheit, eines Angebots für Menschen mit Gehirnerschütterungen. «Hirnverletzungen sind komplex», sagt er. Man wolle in der Behandlung nichts falsch machen. Es sei darum nicht realistisch, zu erwarten, dass jeder Hausarzt, jeder Allgemeinmediziner das spezifische Fachwissen habe.Dazu kommt: Manchmal halten die Symptome an, wie die Gleichgewichtsprobleme bei Ex-Skiprofi Gisin. Damals, 2018, erhielt er keine spezifische Therapie für die Folgen seiner Gehirnerschütterung. «Im Alltag ging es mir zwar rasch besser, aber mit über hundert Kilometern pro Stunde die Piste hinunterzurasen, war nicht mehr möglich», sagt er.Heute würde man seine Kopfverletzung vielleicht anders angehen, zum Beispiel mit dem Rotationsstuhl aus Nina Feddermanns Zentrum. Er wird eingesetzt, um Betroffene mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen gezielt zu therapieren. Eine Gehirnerschütterung kann das Gleichgewicht durcheinanderbringen, etwa wenn der Gleichgewichtssinn im Innenohr Schaden nimmt oder die Signale von Innenohr und den Augen nicht mehr richtig verarbeitet werden. Auf dem Rotationsstuhl wird der Schwindel aktiv hervorgerufen, damit das Gehirn trainieren kann, diese Signale wieder richtig zu interpretieren.«Bei anhaltenden Symptomen gilt heute als entscheidender Erfolgsfaktor eine individualisierte, auf spezifische Defizite ausgerichtete Therapie», sagt Nina Feddermann.Aufklärung: vom Arzt bis zur AngehörigenMagdalena Suter von Fragile Suisse unterstützt in ihrer Arbeit Betroffene, die nach einer Gehirnerschütterung Mühe haben, im Alltag zurechtzukommen. Etwa wenn es darum geht, zurück in den Job zu finden. Manchmal reiche aber auch schon ein offenes Ohr, sagt sie. «Oft fühlen sich Betroffene nicht gehört und beginnen, an sich selbst zu zweifeln.» Die Partnerin, die mit Unverständnis reagiert, der Hausarzt, der zum Abwarten rät – Betroffene mit andauernden Beschwerden kann dies verunsichern.Nina Feddermann sagt: «Bei anhaltenden Symptomen gilt heute als entscheidender Erfolgsfaktor eine individualisierte, auf spezifische Defizite ausgerichtete Therapie.» Eine Therapie, die auch Aria Nouri an seiner Klinik anbietet. Er hat das Angebot vor rund einem Jahr mit aufgebaut.«Zuvor sahen wir viele Betroffene, die nach einer Gehirnerschütterung nicht wussten, wo sie Hilfe für ihre Beschwerden bekommen konnten», erzählt er. «Manchmal behandeln wir Menschen, deren Verletzung Jahre zurückliegt und die keine Therapie erhalten haben.» Wie also müsste die Nachsorge nach Gehirnerschütterung verbessert werden? «Wir müssen sicherstellen, dass Betroffene von den Hausarztpraxen an spezialisierte Zentren weiterverwiesen werden», sagt Nouri.In der Schweiz gelten Leitlinien von Fachgesellschaften wie diejenigen der «Concussion in Sports Group» als Orientierung. Verbindlich sind sie nicht. Dementsprechend werden sie häufig auch kontrovers diskutiert. Zudem sind Ärztinnen und Ärzte zwar verpflichtet, sich fortzubilden, auch zu neuen Therapiekonzepten – konkrete Inhalte werden aber nicht vorgegeben.«Es braucht Zeit, bis neue Therapieleitlinien umgesetzt werden», räumt Nina Feddermann ein. Der Neurochirurg Nouri sieht sich dabei als Spezialist in der Pflicht. Er will die Erkenntnisse aus seiner Sprechstunde bald veröffentlichen und an Kongressen vorstellen: «Damit das spezifische Wissen den Betroffenen hilft, müssen wir es teilen.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Gehirnerschütterungen können folgenschwere Symptome und Einschränkungen hervorrufen. Diese liessen sich gezielt behandeln. Doch neue Therapiekonzepte werden erst selten angewendet.
















