InterviewLuna Wedler ist so zerrissen wie ihre Rollen: mal wütend, mal verletzt – und so melancholisch wie eine Spätsommernacht.06.09.2026, 05.30 Uhr16 LeseminutenEin Freitag Ende Juni mitten in Zürich, 28 Grad im Schatten, Luna Wedler schlendert um die Ecke, Kies knirscht am Boden, jede Bewegung in dieser Hitze ist eine zu viel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Tut mir leid, falls ich heute etwas länger brauche mit den Antworten», sagt sie, ansteckendes Lachen, «ich bin noch ein wenig wattig unterwegs.» Es ist zehn Uhr.Wedler, 26, erhält momentan all jene Filmrollen, um die sich aufstrebende Schauspielerinnen reissen. In Caroline Wahls «22 Bahnen», in Leif Randts «Allegro Pastell» und bald auch in Christian Krachts «Eurotrash» verkörpert sie tragende Rollen. Drei Romanverfilmungen, in denen die deutsche Gegenwart verhandelt wird.Kann es Zufall sein, dass man sich bei all diesen Filmen für sie entschied? Oder liegt es, nebst ihrem Talent, daran, dass ihre Erscheinung so gut in unsere Zeit der Umbrüche passt? Wedler strahlt etwas Raues aus, etwas Verlebtes, und wirkt gleichzeitig verletzlich.Wir sind auf dem Xenix-Areal, Kreis vier, im Hintergrund machen sich vier Männer in Leopardenkostümen und Hundemasken bereit für ein Fotoshooting. Eine in Unterhosen bekleidete Frau steht daneben und führt sie an der Leine. Wedler lacht und setzt sich hin, Kaffee steht auf dem Tisch, Zigaretten, ihre Hände finden noch keine Position.Sie sei ein wenig nervös und möge es nicht, über sich zu reden. Auf die Frage, in welchen Situationen sie sich verloren fühle, wird sie später sagen: «Jetzt.»Luna Wedler: «Wer bin ich? Was kommt als Nächstes?»Frage: Frau Wedler, seit Sie 16 Jahre alt waren, stehen Sie vor der Kamera, spielen in Netflix-Serien, Kinderfilmen und Nazidramen und sind dauernd unterwegs. Wer sind Sie, wenn Sie nicht drehen?Antwort: Luna Wedler: Das frage ich mich auch und bin gerade dabei, es herauszufinden. In drehfreien Zeiten, wie diesen Sommer, sage ich mir häufig: Luna, du musst dein Leben weiterleben. Nicht alles soll sich um die nächste Rolle drehen.Frage: Sie verlieren sich im echten Leben.Antwort: Bei uns Schauspielerinnen ist es ja so: Man ist drei oder fünf Monate am Drehen und die ganze Zeit von Menschen umgeben, die dir ganz nahe kommen. Du machst dich auf dem Set verletzlich, du weinst, du liebst, wirst von den Kameras ausgesaugt; wirst vertont, geschminkt und stehst den ganzen Tag unter Beobachtung. Immer ist jemand da, der weiss, was du tust, selbst wenn du auf die Toilette gehst und rauchst, die wissen alles . . .Frage: Das hört sich schrecklich an.Antwort: . . . und dann kommst du nach Hause, und da ist plötzlich diese Ruhe, die zwar anfänglich ganz okay ist. Aber irgendwann kommt die Leere. Ich muss lernen, diese Leere auszuhalten. Klar, ich kann ein paar Tage auf einem Liegestuhl verbringen, Freundinnen treffen und mich zu Hause durch die Post kämpfen. Aber bald schon kriechen die unangenehmen Fragen hoch: Wer bin ich? Was kommt als Nächstes? Ich muss mir beibringen, nicht immer so getrieben zu sein. Ich muss nicht immer etwas wollen.Frage: Was bedeutet das, man wird von der Kamera ausgesaugt?Antwort: Die Kamera sieht alles. Manchmal gibt es Tage, bei denen die Szenen wiederholt werden, noch ein Take und noch einer, bis du nicht mehr kannst und denkst: «Ach, lasst mich doch in Ruhe, ich hab schon alles gegeben, was wollt ihr noch?» Trotzdem gibt es für mich nichts Schöneres. Schauspielen ist meine Sucht, meine Droge. Dort kann ich alles rauslassen, was sich im Alltag aufstaut. Wenn ich spiele, bin ich ein anderer Mensch. Ich kann mich verstecken und fühle mich sicher.Frage: Sie fühlen sich vor der Kamera sicherer als im Alltag?Antwort: Ja.Frage: Dann ist das Spielen eine Flucht?Antwort: Vor allem ein Genuss. Diese emotionalen Momente, auch die schmerzhaften, können genussvoll sein, weil man lebt und sich spürt. Ich kann schreien, tanzen, ich kann mich in andere Körper und Zeiten versetzen. Und ich weiss, dass ich es kann, auch wenn ich mich hinterfrage. Manchmal habe ich derart Angst auf dem Set, dass ich sterben möchte. Die Angst vor dem Versagen begleitet mich mein ganzes Leben. Aber ich habe Talent, und es ist nicht arrogant, das so zu sagen. Es ist ein Geschenk. Schauspielen kann man nicht lernen. Man kann seine Fähigkeiten erweitern, aber es braucht dieses gewisse Etwas.Frage: Was ist die Essenz Ihres Berufs?Antwort: Zuhören und Zulassen. Im Moment sein. Sich fallen lassen in die Emotion, das kann ich. Ich wache erst wieder auf, wenn jemand ruft: «Und Cut!»Frage: Sich in die Emotion fallen lassen hat etwas Kindliches.Antwort: Ja.Frage: Wird man Schauspielerin, weil man nicht erwachsen werden will?Antwort: Gute Frage. Wenn Erwachsenwerden bedeutet, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, kann ich behaupten, dass ich auf dem Weg dahin bin. Trotzdem sollte man sich etwas Kindliches erhalten, finde ich, in jedem Beruf. Als ich «Blue My Mind» gedreht habe, meinen ersten grossen Film, war ich 16 Jahre alt, da habe ich das noch nicht verstanden. Ich liess mich fallen, aber ich konnte es nicht regulieren und bin am Ende der Drehtage daran zerschellt, weil ich nicht mehr aus der Rolle fand. Heute kann ich das besser. Ich versuche, die Menschen zu verstehen, die ich spiele, warum sie so geworden sind, wie sie sind. Die Abgründe, das Dunkle, das in uns allen lauert, interessieren mich.Frage: Zu Ihren persönlichen Abgründen kommen wir noch.Antwort: Das habe ich befürchtet.Luna Wedler: «Ich mag keine faulen Menschen.»Frage: Würden Sie sagen, Sie erleben gerade die Zeit Ihres Lebens?Antwort: Jedes Alter macht Spass. Ich freue mich auf meine Dreissiger, Vierziger, Fünfziger. Es gibt eine von der Gesellschaft eingetrichterte Angst vor dem Alter, vor der ich mich zu befreien versuche. Manchmal frage ich mich aber schon: Ist das meine Primetime? Kommen noch Rollenangebote? Die Angst vor einer Flaute, die kenne ich.Frage: Sie haben bereits in mehr als zwanzig Filmen mitgespielt. Müssen Sie es sich immer noch beweisen?Antwort: Es ist paradox, ich weiss.Frage: Was gönnen Sie sich?Antwort: Ich brauche kein Haus und auch kein Auto. Ich investiere in mich.Frage: Klingt sehr nach Gen Z.Antwort: Stimmt, klingt doof. Aber ja, ich habe einen Personal Trainer und war gerade auf Entgiftungskur in Tirol.Frage: Sie sagten, Sie hätten auf dem Set Angst vor dem Versagen. Wovor haben Sie im echten Leben Angst?Antwort: Ihr mit euren Fragen! Moment, ich muss nachdenken. (Wedler zündet sich eine Zigarette an.) Vor Nähe.Frage: Was an der Nähe ist beängstigend?Antwort: Ich bin der Typ, der am Anfang erst mal beobachtet. Ich kann zwar vieles geben, aber ich schütze einen Teil und brauche länger, um Nähe zuzulassen. Aber wenn es passiert, wenn ich jemandem vertraue, ist das ein wunderschönes Gefühl.Frage: Was sagen Ihre Eltern, wie Sie als Kind waren?Antwort: Es heisst, ich sei laut gewesen in der Schule und hätte mich dauernd mit den Jungs gemessen. Mein Vater sagt, ich sei tanzend durchs Leben gegangen und hätte ständig rebelliert. Aber ob das stimmt? Ich habe sehr viel getanzt in meiner Jugend und hatte einen Tanzlehrer, der seinen Schülerinnen Kosenamen gab. Mich nannte er: Madame in the Moon, wegen meines Namens, aber nicht nur. Was ich oft hörte: Ich sei viel weg, nicht nur physisch, sondern im Kopf. Dadurch entstand der Drang bei meinen Eltern und Lehrern, mich heimzuholen, mich einzufangen.Frage: Haben Sie eine besondere Beziehung zum Mond?Antwort: Mein Homie. Ich rede oft mit ihr.Frage: Die Mond?Antwort: Ja, die Mond. Meine Freundin. Ich war mal ein halbes Jahr in Amerika, da hatte ich Heimweh nach meinen Freunden, und wir blickten beim Telefonieren von anderen Seiten immer auf den Mond.Wedler: «Ich trage eine Wut in mir.»Frage: Wie sind Sie aufgewachsen?Antwort: Sehr behütet. Die meiste Zeit lebte ich mit meinen zwei Schwestern bei meiner Mutter, meine Eltern liessen sich früh scheiden. Wir sind viel umgezogen in der Stadt, ich habe oft die Schule gewechselt und habe mit Mathematik gehadert, als die Zahlen durch Buchstaben ersetzt wurden. Ich war kurz im Gymi, aber das hat nicht funktioniert. Bei Prüfungen war ich oft überfordert. Ich erstarrte. Mein Hirn gefror. Das passiert mir heute noch, wenn zu viele Emotionen gleichzeitig auf mich einprasseln, da finde ich die Worte nicht, mein Kopf blockiert, aber ich arbeite dran.Frage: Vielleicht ADHS?Antwort: Ich habe kein diagnostiziertes ADHS. Ich dachte mal, ich würde gerne einen Test machen, aber ich liess davon ab. Ich habe viel Energie, das weiss ich, und die muss raus. Deshalb ist es gut, dass ich diesen Beruf gefunden habe, weil es in meinem Kopf häufig extrem rattert.Frage: Wie muss man sich die Abende in Ihrer Jugend vorstellen: vier Frauen um einen Küchentisch irgendwo in Zürich?Antwort: Meine Mutter hat ein Flair dafür, Wohnungen gemütlich einzurichten. Bei uns war es immer sehr lebendig. Bis heute haben wir ein enges Verhältnis. Meine kleine Schwester und ich sind beste Freundinnen. Geschwister zu haben, ist etwas vom Schönsten, weil man diese gemeinsame Verbindung hat. Manchmal zerspringe ich vor Freude, weil ich weiss, dass wir gemeinsam noch so vieles erleben werden. Bei diesem Gedanken könnte ich weinen vor Glück.Frage: Aber Streit gehört dazu.Antwort: Natürlich. Interessanterweise fällt man dann in die alten Muster zurück. Bei jedem Streit kommen die Kindheitssachen hervor. Auch damit habe ich mich in den letzten Jahren befasst. Und ich habe gemerkt, dass ich eine Wut in mir trage. Ich bin ein sehr hässiger Mensch.Frage: Ihr momentanes Lieblingsschimpfwort?Antwort: Fuck.Frage: Woher kommt Ihre Wut?Antwort: Sie kommt von ganz tief. (Wedler zeigt auf einen Punkt unterhalb des Brustkorbs.) Ich stelle mir das immer bildlich vor: Da ist eine Tasse, und ist diese Tasse voller Gefühle, explodiert sie. Dann kann ich schreien und toben, manchmal bin ich, wie gesagt, auch wie gelähmt, kann mich nicht artikulieren, kann mich an nichts erinnern. Ich glaube, es ist eine transgenerationale Wut. Vieles steckt ja einfach in einem drin und wird über Generationen weitergegeben. Meine Wut hat sicher mit «female rage» zu tun, die uns Frauen verbindet.Frage: Die Wut wegen Ungerechtigkeiten, die Ihren Ahninnen passierten, wütet in Ihnen?Antwort: So genau weiss ich das nicht. Ich weiss nur: Wut kann positiv sein, man muss nur wissen, wie man sie einsetzt. Sie hat aber auch etwas Selbstzerstörerisches.Frage: Sie haben mehrfach gesagt, dass Sie an sich arbeiteten. Typisch für Ihre Generation, bei der alle beim Therapeuten sitzen.Antwort: Wenn wir schon diese Tools haben, die uns helfen, glücklicher zu werden, warum sie nicht nützen?Frage: Haben Sie schon einmal beim Therapeuten gedacht: «Hier spiele ich doch auch nur eine Rolle»?Antwort: Ja.Frage: Hat der Therapeut schon einmal gesagt: «Seien Sie endlich mal authentisch!»?Antwort: Nein.Frage: Können Sie Menschen überhaupt ernst nehmen, die nicht therapiert sind?Antwort: Muss jeder selber wissen. Aber ich merke an mir, dass ich nicht mehr so tolerant reagiere, wenn sich jemand nicht um seinen Scheiss kümmert und sich verwehrt, an sich zu arbeiten. Zum Beispiel mag ich es nicht, wenn Leute sich zu sehr im Selbstmitleid suhlen und nicht weiterkommen. Da denke ich oft: «Es gibt so viel zu tun, hör auf zu jammern.»Frage: Wieso stört Sie das derart?Antwort: Ich finde es faul und verwöhnt. Ich mag keine faulen Menschen.Frage: Da drückt der protestantische Arbeitsethos Zürichs durch. Was ist falsch daran, faul zu sein, zu jammern und nichts aus sich machen zu wollen?Antwort: Wir leben in einem privilegierten Land. Hier gibt es viele Möglichkeiten. Mich nervt, wenn Menschen nicht einsehen, wie viele Chancen wir haben.Frage: Ist das Privileg, hier aufzuwachsen, auch eine gewisse Bürde? Sind wir dazu verdammt, viel zu erreichen, weil wir gute Startbedingungen haben?Antwort: Natürlich darf man jammern, zweimal pro Woche vielleicht, am Montag- und am Mittwochnachmittag um 14 Uhr 15. Das ist meine Hasszeit übrigens. Alles mit einer 14 davor. 14 Uhr 17, 14 Uhr 43, da jammere auch ich. Aber dieses Dauerjammern halte ich nicht aus. Ich bin ein Mensch mit viel Energie, ich will weiterkommen, und wenn ich andere sehe, die viel Potenzial hätten, aber stehen bleiben, macht mich das zappelig.Frage: Sind Sie hart zu sich?Antwort: Sehr. Ich habe schnell das Gefühl, ich sei nicht gut genug. Ich würde nie zu meiner besten Freundin gehen und sagen, sie habe dies oder jenes verkackt. Aber mir schon: «Du bist so hässlich», sage ich dann. Ich bin ein unsicherer Mensch, auch wenn ich nicht so wirke. Es belastet mich und macht mich traurig, denn man kommt ja nicht auf die Welt und hasst sich. Es hat mit der Prägung zu tun, mit der Gesellschaft.Frage: «Das haben viele Frauen. Männer weniger.» (Roth) «Das stimmt doch nicht.» (Batthyany) «Doch. Sie tun jedenfalls immer so, als hätten Sie alles im Griff.» (Roth)Antwort: Ich frage mich oft, wann das anfing, dass man sich nicht mehr mag und sich hässlich findet. Das ist einer meiner Abgründe, etwas Dunkles, das ich nicht benennen kann.Frage: Isabelle Huppert sagte einmal: «Ich bin Schauspielerin geworden, um meinen Selbsthass und meine Schuldgefühle zu bannen.» Das Negative wird im Spiel in etwas Positives verwandelt. Sie nicken, Sie kennen das?Antwort: Das kenne ich gut. Es gibt Tage, an denen ich mich nicht ausstehen kann und trotzdem eine Liebesszene spielen muss. Dann nehme ich diesen Selbsthass, ein starkes Gefühl, und drehe es in Liebe. Das Gefühl verliert den Namen, es ist nicht mehr Hass, sondern etwas Abstraktes, eine Energie, die ich in etwas Warmes umlenke. Im echten Leben würde man das Verdrängung nennen, würde sich belügen, würde sich einreden, alles sei bestens, obwohl nichts gut ist. Als Schauspielerin kann ich es nutzen. Ich spiele dann nichts vor, ich lüge nicht, es ist ein echtes Gefühl.Frage: Wie spielt man Liebe?Antwort: Mir fällt es einfacher, Hass oder Trauer zu spielen. Aber auch bei der Liebe muss ich es mir selbst glauben, sonst funktioniert es nicht. Ich denke also nicht darüber nach, dass ich liebe, sondern ich muss es fühlen, ich hole es aus meinen Figuren und verliebe mich in meiner Rolle in die Rolle meines Schauspielkollegen.Frage: Sagen Sie, diese auffallend dunkle und tiefe Stimme, die Sie haben und die so gut zu Ihrem Typ passt – ist das einfach nur ein Wahnsinnsglück oder hartes Training?Antwort: Früh mit Rauchen begonnen. Nein, Quatsch, die war immer tief.Frage: Was bedeutet Liebe?Antwort: Das ist der Atem des Lebens, das, was uns am Leben hält. Damit meine ich nicht nur romantische Beziehungen, sondern die Liebe zu allem möglichen: Filmen, Literatur, Städten, ich liebe Zürich.Frage: Wenn die Liebe der Atem des Lebens ist, was ist dann die Selbstliebe?Antwort: Der Herzschlag.Frage: Was für ein Kitsch.Antwort: Ich liebe Kitsch. Da kommt mir in den Sinn: Mein Herz hat neulich ganz wild geschlagen. Mir fiel auf, wie absurd es ist, dass unser ganzes Leben abhängig ist von diesem einen Organ, das immer schlägt, dieses ständige Ding-Ding. Ich meine: Wir nehmen uns so wichtig, diskutieren endlos über Gott und die Welt, gehen in Therapie, sind mal eifersüchtig, mal traurig, und am Ende entscheidet ein Muskel darüber, wann mit allem Schluss ist?Frage: Warum hat Ihr Herz wild geschlagen?Antwort: Vielleicht bin ich ja ein wenig verliebt?Luna Wedler: «Alle, die du liebst, sind da, und wir müssen nirgends hin.»Zwei Wochen vergehen. Luna Wedler hatte ein wichtiges Casting für eine internationale Produktion, über die sie noch nicht reden darf. Wieder derselbe Tisch am selben Ort.Die Herren im Leopardenkostüm sind nicht mehr da, aber die Hitze drückt wie beim ersten Treffen. Es ist Mittagszeit, mittlerweile Juli, die Stadt wirkt ausgestorben.Es fühlt sich anders an, sich mit Wedler erneut zum Gespräch zu treffen. Vertrauter irgendwie, obwohl man sich noch immer kaum kennt. Die Nervosität des ersten Eindrucks ist weg, dieser Druck auf der Brust. Alles scheint leichter, authentischer, näher.Frage: Frau Wedler, was lieben Sie an Zürich?Antwort: Wenn ich im Ausland am Arbeiten war und in den Hauptbahnhof fahre, dann ist das wie eine Umarmung. Es ist mein Zuhause. Mein Zürich ist frech. Es grinst. Im Ausland kennt man nur die eine Seite dieser Stadt: die Oper, die Banken, die Sauberkeit. Aber es gibt so viel anderes.Frage: Ist in dieser kontrollierten und spröden Stadt überhaupt Platz für die Liebe?Antwort: Aber natürlich. Die Stadt ist im Fluss. Man beginnt den Nachmittag vielleicht an der Limmat, springt ins Wasser, nimmt das erste Bier im «La Stazione», fährt mit dem Velo an den Idaplatz, trifft Freunde, fährt ins «Rosso» zum Essen, geht danach in die Klubs. Feiern ist Ekstase. Diese Momente, wenn du um dich blickst und merkst: Alle, die du liebst, sind da, und wir müssen nirgends hin. Tja, und dann springst du morgens um sechs noch einmal in den kühlen Fluss, bevor du dich ins Bett haust, gibt es etwas Schöneres?Frage: Klingt wie ein Song von Stereo Luchs. Was trinken Sie lieber, Bier oder Wein?Antwort: Ich trinke alles.Wedler: «Ich lebe meinen Hot-Girl-Summer.»Frage: Enttäuscht es Sie, dass Beziehungen in der Realität weniger dramatisch sind als im Film und viel damit zu tun haben, wer den Geschirrspüler leert und den Karton bündelt?Antwort: Ich finde das Leben dramatischer. Ich war sechs Jahre mit jemandem zusammen und bin jetzt Single. Ich komme aus einem emotionalen Tal. Ich wusste, dass Trennungen weh tun, aber verdammt, ich wusste nicht, dass es so schlimm sein würde.Frage: War Ihre Trennung das bisher schmerzhafteste Erlebnis Ihres Lebens?Antwort: (Wedler beginnt zu weinen und wischt sich die Tränen wirsch aus dem Gesicht, als wären es lästige Fliegen. Feuerzeug, Zigarette, Haare hinter die Ohren klemmen. Atmen. Sie macht ein Zeichen mit der Hand, dass es gleich weitergehen kann.)Frage: Noch ein Kaffee?Antwort: Es tut noch immer weh, aber wir sind auf eine schöne Art auseinandergegangen. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, mit dieser Person alt zu werden, und dann hat es eben doch nicht geklappt. Man ist sich so nahe, und auf einmal wird der andere zu einer Person, der man nur noch aus der Ferne zuwinkt. Das bringe ich in meinem Kopf nicht zusammen. Aber ja, er wird immer Teil meines Lebens bleiben, und das ist schön. Ich verpacke unsere Beziehung, die nun in die Brüche ging, in eine wunderschöne Erinnerung. Wir sind gemeinsam erwachsen geworden.Frage: Neulich sprachen Sie davon, wieder verliebt zu sein.Antwort: Ach was, ich lebe meinen Hot-Girl-Summer.Frage: Ihren Hot-Girl-was?Antwort: Hot-Girl-Summer. Bisschen spinnen, bisschen tun, was man will, gerade als Frau: trinken, tanzen, ins Wasser springen, «living life», alles, was verboten ist. Die schönen Sachen sind oft verboten.Frage: Ist das etwas Feministisches?Antwort: Ach, Leute, was soll das? Man könnte sagen, es ist eine Form der Selbstliebe.Frage: Glauben Sie trotz Ihrer schmerzhaften Trennung noch an die grosse Liebe?Antwort: Jede Liebe verdient, gross zu sein und nicht verglichen zu werden. Ich kenne die Trennungsquoten, aber ich finde, es kann gefährlich sein, zu pessimistisch durch die Welt zu gehen. Wer nicht liebt, der lebt nicht. Das Verliebtsein ist wahrscheinlich der schönste Teil dieser Liebesreise. Man hört ja oft, dass der Funken in Langzeitbeziehungen verglüht, aber auch daran mag ich nicht glauben. Ich hoffe jedenfalls, dass der Austausch nie aufhört und ich nie mit jemandem nur deshalb zusammen sein werde, weil man eben zusammen ist.Frage: In der «Süddeutschen Zeitung» sagte ein Psychotherapeut, viele Streitereien gründeten auf der kindlichen Sehnsucht, gesehen zu werden, wie man früher von den Eltern hätte gesehen werden wollen.Antwort: Diesen verdammten Satz «Du verstehst mich einfach nicht!» kennen alle. Ich denke viel darüber nach, weil ich glaube, dass eine falsche Erwartungshaltung dahintersteckt. Ich finde, es muss auch in der Liebe möglich sein, jemanden nicht zu sehen. Vielleicht hat es etwas mit fehlender Kommunikation zu tun. Um gesehen zu werden, muss man sich zeigen. Dieses blinde Verständnis, das so viele fordern, ist ein Märchen.Frage: Wie zeigen Sie, dass Sie jemanden lieben?Antwort: Mit meiner Kraft. Ich bin mit Freunden nicht sehr körperlich, die wissen das. Die Luna ist nicht eine, mit der man kuschelt. Aber wenn ich liebe, gebe ich alles.Frage: Sie sind mehrheitlich mit Ihren Schwestern bei Ihrer Mutter aufgewachsen, haben viel mit Regisseurinnen wie Lisa Brühlmann, Ildikó Enyedi, Frauke Finsterwalder gedreht. Was spielen Männer für eine Rolle in Ihrem Leben?Antwort: Eine grosse Rolle. Es gibt wundervolle Männer in meinem Umfeld und wundervolle Männer in der Filmbranche. Aber ich spüre in mir auch eine grosse Wut auf das Patriarchat. Und wenn ich Männer höre, die es sich in der Opferrolle bequem machen, da muss ich aufpassen, die Beherrschung nicht zu verlieren.Frage: Was heisst das?Antwort: Wenn ich Sätze höre wie: «Ich bin kein Täter.» Oder: «Ich habe nie einer Frau was getan.» Denen sage ich: Ja, alles gut, ich verstehe, dass du niemanden vergewaltigt hast, aber du hast mindestens das System gestützt. Du bist ein Mitläufer.Frage: Steile These.Antwort: Vorgestern sah ich «Rose» mit Sandra Hüller, einen unglaublichen Film. Sie spielt eine Frau, die sich ihr ganzes Leben als Mann ausgibt. Der Film hat mich aus mehreren Gründen sehr beschäftigt. Ich wollte darüber nachdenken, bisschen spazieren gehen, als mich ein Mann sexuell anpöbelte und Sprüche machte. Lange blieb ich höflich, irgendwann aber bin ich ausgerastet, und wir schrien uns nur noch an: «Fick dich!» Und er: «Fick dich.» Und ich: «Nein, du fickst dich.» Was ich damit sagen will: Es kann nicht sein, dass so viele Frauen schon belästigt wurden, aber niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Ich mag Männer nicht, die sich dagegen verschliessen und sich angegriffen fühlen. Ich will mich jedenfalls nur noch mit Typen umgeben, die verstehen wollen, was es bedeutet, einen verdammten Tag lang eine Frau zu sein.Frage: Verstehen Sie Frauen, die nichts mehr mit Männern zu tun haben wollen?Antwort: Radikalität gibt es rechts und links und auch im Feminismus, aber der Hass auf eine andere Gruppe bringt keine Lösungen. Ich kann den Gedanken verstehen, dass man die Schnauze voll hat von Männern. Man muss sich nur die Statistiken über Gewalt an Frauen ansehen. Und wenn Frauen den Mut haben, sich zu wehren, kommt der Backlash. Was ich krass finde: Wenn man in den Zeitungen von Übergriffen liest, K.-o.-Tropfen und Femiziden, nimmt man es einfach hin. Wir denken nicht: «Was hat er getan?» Wir denken: «War ja klar.» Diese Gleichgültigkeit macht mir Angst. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. So ist es, my friends: Wenn man hasst, dann spürt man wenigstens noch etwas, wenn einem alles egal ist, dann ist die Liebe weg.Frage: Ist das Ihre grösste Angst, dem Leben gegenüber gleichgültig zu werden?Antwort: Wenn dich das Leben ausgewrungen hat und keine Gefühle mehr da sind, das muss das Schlimmste sein.Frage: Sie haben das Leid in den Zeitungen erwähnt. Viele Menschen Ihrer Generation lesen keine Nachrichten mehr. Kennen Sie das Gefühl, vor lauter Krisen am liebsten zu Hause bleiben und Bananenbrot backen zu wollen?Antwort: Ich kann nicht backen. Ich sehne mich schon nach Ruhe und würde mich manchmal gerne verschliessen. Aber das Gefühl, sich wehren zu müssen, ist grösser.Frage: Hat sich in der Filmbranche seit den #MeToo-Skandalen etwas verändert?Antwort: Sexuellen Missbrauch gibt es in jeder Branche. Ich selbst aber hatte immer Glück. Mir ist man am Set mit Respekt begegnet, abgesehen von Kommentaren zu Outfits oder Aufforderungen, mich anders hinzustellen, damit man den Bauch nicht so sieht.
Die Zerrissenheit von Luna Wedler: Zwischen Wut, Verletzlichkeit und Melancholie
Luna Wedler ist so zerrissen wie ihre Rollen: mal wütend, mal verletzt – und so melancholisch wie eine Spätsommernacht.








