Wettlauf um die Künstliche Intelligenz: Der nächste China-Schock steht bevorIn den USA treiben die Profiterwartungen der Techkonzerne den beispiellosen Investitionsboom an. China geht einen anderen Weg: Dieser ist billiger und soll KI einer breiten Masse möglichst zugänglich machen - mit einem grossen Nachteil.Fabian Kretschmer06.09.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAuf der World Robot Conference im August in Peking. Das Motto der Chinesen ist «KI für alle»China News Service via ImagoAls Chinas Staatschef Xi Jinping im Juli die World AI Conference in Schanghai eröffnet, inszeniert er sein Land als Retter der Zukunft. Er sagt: «Heute versammeln wir uns, um zu besprechen, wie wir KI global vorantreiben können – zum Wohle der Menschheit.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Während Bill Gates in einem Essay davor warnt, dass die Welt keinen Plan für die Risiken des KI-Zeitalters habe, verkauft Chinas Parteichef künstliche Intelligenz als öffentliches Gut. Ein Angebot an die Welt – das klingt zu schön, um wahr zu sein.Die Botschaft ist ein Seitenhieb an die USA, wo ein durch immer unrealistischere Profiterwartungen angetriebener Investitionsrausch die Tech-Branche erfasst hat. Eine aktuelle Analyse der «Financial Times» ergab, dass allein die vier Konzerne Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta in diesem Jahr rund 745 Milliarden Dollar für KI-Infrastruktur vorgesehen haben. Ihr frei verfügbarer Gewinn ist hingegen auf 7 Milliarden Dollar gesunken, der niedrigste Wert der letzten Dekade.Die Ängste steigen, nicht nur vor einem Börsencrash. Es geht um mehr, viel mehr, um die Angst vor der Zukunft an sich, in der die KI unkontrolliert die Welt auf den Kopf stellt. Sinnbild dafür ist in den USA der immer heftigere Widerstand der Bevölkerung gegen neue Rechenzentren, auch wenn sich dieser vordergründig vor allem gegen Wasserverbrauch und Lärm richtet.Pekings KI-Rhetorik klingt da wie ein Gegenmodell zum Silicon Valley. Und die Realität ist es ein Stück weit auch. So haben es die chinesischen Startups Deepseek und Moonshot AI geschafft, mit einem Bruchteil an Kapital KI-Modelle auf den Markt zu bringen, die nahezu ähnlich leistungsstark, aber deutlich günstiger sind. Obendrein können deren erlernte Parameter frei heruntergeladen werden.Nächster China-Schock durch KI«Der nächste China-Schock kommt durch KI», schrieb unlängst Lizzi C. Lee von der Asia Society. Für sie ist der Weg Chinas bei der künstlichen Intelligenz geprägt von jahrelang geplanter Industriepolitik. Hatte das Land während des ersten China-Schocks in den frühen nuller Jahren die Weltmärkte mit Textilien und günstiger Verbraucherelektronik geflutet, wendet es zwanzig Jahre später beim «China-Schock 2.0» dasselbe Rezept bei Elektroautos, Robotern und Solarpanels an. Nun also der globale Siegeszug der KI-Modelle.Nachlesen lässt sich der Masterplan spätestens seit 2016. Damals hat Xi Jinping im 13. Fünfjahresplan die Förderung von sogenannten «intelligenten Systemen» zur Schlüsseltechnologie erhoben. Seither wird auch künstliche Intelligenz mit massiven staatlichen Subventionen gefördert. Anders als während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert will man nie mehr eine technologische Revolution verschlafen. Dabei fokussierte die Parteiführung zunächst auf den Aufbau eines KI-Ökosystems, bestehend aus Rechenzentren und Forschungseinrichtungen. Doch auch Unternehmen erhalten Zugang zu günstigen Krediten, Unterstützung durch öffentliche Aufträge, Direktzahlungen.Der mysteriöse WonderboySeriöse Schätzungen über die Gesamtsumme an staatlichen Förderungen gibt es nicht. Im Juni kündigte die nationale Reformkommission an, dass der Staat plane, insgesamt 295 Milliarden Dollar in ein landesweites Netzwerk an Rechenzentren zu investieren. In Chinas staatlich gelenktem Kapitalismus sind es die Technokraten der Regierung, die die Entwicklung planen und den Löwenanteil der Kosten schultern – nicht der Markt. Privates Risikokapital folgt stets in einem zweiten Schritt und orientiert sich ebenso wie die Tech-Konzerne an den strategischen Zielen des Staates.Liang Wenfeng, der mysteriöse Wonder-Boy hinter dem Chat-GPT-Pendant Deepseek, hat Ende Mai einen Einblick in seine Vision gegeben. Ein nahezu vierstündiger Vortrag, den er vor seinen Investoren hielt, wurde heimlich geleakt. Und es tönt völlig anders, als wenn Mark Zuckerberg vor seinen Aktionären steht. «Unsere ursprüngliche Vision war nicht darauf ausgerichtet, den kommerziellen Nutzen zu maximieren», sagte der 41-Jährige: «Das Ziel ist es, die Technologie sehr günstig und sehr leistungsfähig zu machen, damit jeder sie umfassend nutzen kann.» Der Chinese mit der Strubbelfrisur und der Nerdbrille gibt sich von einer daoistischen Weltsicht geprägt, mit ihrer Vorstellung einer universellen, harmonischen Ordnung, und weniger vom Streben nach maximalem Erfolg, wie es in Palo Alto vorherrscht.Liang Wenfeng, Gründer des Start-ups DeepSeekImagoDas mag naiv klingen oder nach PR, immerhin gründete Liang bereits in seinen frühen Dreissigern einen eigenen Hedge-Fund, der nicht wegen altruistischer Prinzipien Erfolg hatte. Doch Unternehmer finden sich heute in einem zunehmend komplizierten politischen Umfeld wieder: Peking erwartet, dass die Technologie den nationalen Interessen dient. Und dass auch Startup-Gründer den von Xi Jinping propagierten «gemeinsamen Wohlstand» im Blick haben – zur Schau gestellter Reichtum ist politisch heikel geworden.Im Audio-Mitschnitt räumt der Deepseek-Gründer ein, dass die amerikanischen Tech-Konzerne die Nase noch vorn haben. Doch er ist der Auffassung, dieser Vorsprung sei nur vorübergehend. Er beruhe nicht auf Technologieführerschaft oder mehr Talenten, sondern auf deutlich höherer Rechenleistung – noch. Genau diese durch US-Sanktionen aufgezwungene Beschränkung bei besonders leistungsfähigen Mikrochips zwinge die chinesischen Wettbewerber dazu, mit weniger Ressourcen effizientere und billigere Modelle zu entwickeln.Gerade beim Bau von Rechenzentren holt China derzeit deutlich auf. Um öffentliche Befindlichkeiten wie in den USA müssen sich Pekings autokratische Zentralplaner nicht scheren. Gleichzeitig versucht ihr Propagandaapparat offenbar gezielt, den Bau von Datenzentren in den USA zu bremsen: Ende August gab X, die von Elon Musk gekaufte Online-Plattform, bekannt, man habe eine chinesische «Bot-Farm» entdeckt, die Propaganda gegen KI-Rechenzentren – als Ursache für steigende Energiepreise – verbreitet habe. Bereits im Juni hatte Open AI eine solche Kampagne angeprangert.«Nach hinten schauen oder schneller laufen?»«Ich glaube, wir verbringen zu viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie wir China ausbremsen können, und zu wenig damit, wie wir es uns ermöglichen können, selbst schneller zu laufen», sagte bereits 2025 Elizabeth Economy von der Stanford-Universität über Amerikas Klagen über Peking und die Technologiesanktionen. Und die Expertin bemühte die naheliegende Analogie eines KI-Wettrennens: «Verbringst du deine ganze Zeit damit, nach hinten zu schauen, um zu sehen, ob der andere aufholt, und darüber nachzudenken, ob du ihn vielleicht zu Fall bringen und aufhalten kannst? Oder konzentrierst du dich darauf, als Erster die Ziellinie zu überqueren?»Und vielleicht muss China gar nicht die Pole-Position erreichen, um diesen Marathonlauf zu gewinnen. Der Buchautor Geoffrey Cain stellt eine Grundprämisse infrage: «Chinesische Forscher müssen bei KI nicht als Erste ins Ziel kommen.» Wenn ihre Produkte nur wenige Wochen später auf den Markt kommen, aber deutlich günstiger sind, ist das für viele Kunden deutlich attraktiver. Anthropic und Co. gehen mit riesigen Investitionen in Vorleistung, während die chinesischen Konkurrenten auf diesem Wissen aufbauen können.Schon jetzt fällt die Wahl von internationalen Produktmanagern immer öfter auf KI-Modelle aus Fernost. Bei seinem Kundenservice greift etwa Airbnb auf das chinesische Produkt Qwen von Alibaba zurück. Und die Entwickler der amerikanischen Kryptofirma Coinbase nutzen für ihre Programmieraufgaben standardmässig Kimi von Moonshot AI.Zehn Prozent phantastische VolkswirtschaftDoch bei aller Euphorie: Chinas KI-Bonanza verschärfe auch Probleme, mit denen das Land schon länger zu kämpfen habe. Das sagt der Investor Desmond Shum, der bis in die nuller Jahre innerhalb Pekings «roter Aristokratie» verkehrte und dann ins britische Exil flüchtete. Die Frage sei gar nicht so sehr, ob man die USA in der künstlichen Intelligenz überholen könne. Wichtiger sei, ob China die damit verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten tragen könne.Denn die Kosten hinter der chinesischen Industriepolitik sind immens. «China pumpt enorme Ressourcen in KI und Technologie, während sein Arbeitsmarkt zunehmend prekärer wird», sagt Shum. Oder wie Jörg Wuttke, früherer Präsident der europäischen Handelskammer in Peking, sagt: «Du hast zehn bis zwanzig Prozent an phantastischer Volkswirtschaft: KI, Robotik, Quantenphysik. Der Rest darbt vor sich hin.»Essenslieferanten, Kuriere, Taxifahrer: Eine in der «People’s Daily» zitierte Studie geht für 2026 davon aus, dass sich 44 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in «flexiblen Beschäftigungsverhältnissen» befinden, also keinen festen Arbeitsvertrag haben. Der Konsum der Privathaushalte ist auf einem – im Vergleich zu früheren Jahrzehnten – niedrigen Niveau, die breite Mittelschicht ist geschwächt. Vor allem aber birgt die Jugendarbeitslosigkeit gesellschaftliche Sprengkraft. Derzeit sind laut offiziellen Zahlen knapp 18 Prozent aller unter 24-Jährigen in den Städten des Landes arbeitslos – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.Ein Lieferdienstmitarbeiter fährt mit dem Roller durch das Futian-Distrikt in Shenzhen.David Kirton / ReutersWährend China also seine Ressourcen dazu verwendet, bei der KI an die Weltspitze zu gelangen, werden breite Bevölkerungsschichten durch KI abgehängt. «Das Ziel des chinesischen politischen Systems besteht eben nicht darin, das Wohlergehen der chinesischen Bürger zu maximieren. Es geht darum, die Macht des chinesischen Staates zu maximieren», meint Shum.Und doch bewegt sich heute etwas. Im Mai entschied ein Gericht in Hangzhou, eine der führenden Tech-Metropolen des Landes, dass die Kündigung eines Angestellten, der durch KI ersetzt worden war, rechtswidrig war. Das Urteil wurde von der chinesischen Öffentlichkeit als richtungsweisend wahrgenommen. Ein Kurswechsel der Zentralregierung ist das nicht, sondern Ausdruck einer neuen Besorgnis der Machthaber: dass die gesellschaftlichen Kosten der radikalen Transformation genau den Aufstieg Chinas gefährden, den KI eigentlich ermöglichen soll..Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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