Der Milliardenstreit um neue Kernkraftwerke: ETH-Forscher greifen die Akademien der Wissenschaften frontal anKostet ein neues Atomkraftwerk wirklich bis zu 43 Milliarden Franken? Professoren der ETH bezweifeln das und sprechen von «Irreführung». Sechs Monate vor der Volksabstimmung tobt ein erbitterter Krach um Meiler, Methoden und Milliarden.05.09.2026, 21.45 Uhr8 LeseminutenIllustration Efi Chalikopoulou für NZZaSEs ist ein Industriedenkmal in idyllischer Landschaft: Etwas ausserhalb des Dorfes, beschaulich an der Aare, liegt das Kernkraftwerk Mühleberg. Oder was davon noch übrig ist. Längst produziert das AKW keinen Strom mehr, und gerade deshalb ist es zum Symbol für die Irrungen und Wirrungen der schweizerischen Energiepolitik geworden. Behutsam, Brennstab für Brennstab, nehmen Experten die Anlage auseinander. Als Gemeindepräsident Andreas Menzi an diesem Spätsommerabend Anfang September von einem nahen Hügel auf das Werk schaut, sind die Arbeiter längst im Feierabend. Nichts regt sich mehr auf der Baustelle.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Was dachten Sie denn? Dass es hier leuchtet und strahlt?», fragt Menzi. Jeder im Land habe Mühleberg und sein Kraftwerk gekannt. «Die Gemeinde hat sich mit diesem Werk identifiziert. Es hat uns geprägt. Dieses Wahrzeichen wird fehlen, wenn es dereinst komplett abgebaut ist.» Der Ausstieg aus der Kernkraft, das wird im Gespräch schnell einmal klar, war aus Sicht des SVP-Lokalpolitikers keine gute Idee. Wäre die Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht passiert, würde jetzt neben dem alten AKW ein neues gebaut, davon ist Menzi überzeugt. «Die Pläne waren fixfertig.»Nicht nur im Berner Dorf Mühleberg wünscht sich manch einer ein Comeback des Atomzeitalters. Fünfzehn Jahre nachdem die Frauenmehrheit im Bundesrat unter der Führung von Doris Leuthard den Atomausstieg beschlossen hat, hat das Parlament das Neubauverbot diesen Sommer wieder gestrichen. Ende Februar wird das Volk das letzte Wort haben. Dem Land steht ein intensiver Abstimmungskampf bevor. Befürworter und Gegner schenken sich nichts.Zentral für den Ausgang der Abstimmung ist die Schätzung, was ein neuer Meiler wohl kosten würde. Um diese Milliarden ist ein Streit entbrannt, der einige der angesehensten wissenschaftlichen Institutionen des Landes umtreibt. Er macht deutlich, wie mit Studien und Expertenmeinungen Stimmung und Politik gemacht wird.Das Kernkraftwerk Mühleberg bei Bern ist seit 2019 nicht mehr am Netz und wird mit grossem Aufwand abgebaut.Peter Klaunzer / KeystoneDer «NZZ am Sonntag» liegt ein Brief von sieben Forschern der ETH Zürich, der EPFL Lausanne und des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) vor. Zu den Unterzeichnern gehören bekannte Namen wie Professorin Annalisa Manera, der emeritierte Doyen der Kernforschung, Horst-Michael Prasser, oder Professor Andreas Pautz. Die Kernforscher fahren schweres Geschütz auf: Sie werfen den Akademien der Wissenschaften Schweiz vor, «irreführend» gearbeitet zu haben. Sie monieren «fehlende Transparenz», «erhebliche methodische Schwächen» und nicht nachvollziehbare Annahmen.Den Ärger der Forscher ausgelöst hat ein Report der Akademien der Naturwissenschaften Schweiz. Vor gut zwei Wochen hat das Institut ein brisantes Paper publiziert: «Baukosten und Finanzierung von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz», so der Titel. Der gerade einmal 22 Seiten dicke Bericht hat ein gewaltiges Medienecho ausgelöst. Für die «Tagesschau» von SRF war es die wichtigste Nachricht des Tages. «Neue Kernkraftwerke dürften teurer werden als bisher angenommen», verkündete die Moderatorin zu bester Sendezeit. Auch alle anderen grossen Medienhäuser haben breit berichtet. Meist lautete die Hauptbotschaft: Ein neues Kernkraftwerk könnte bis zu 43 Milliarden Franken kosten.Das ist sehr viel mehr, als der zuständige Bundesrat Albert Rösti stets erklärt. Im Parlament hat der SVP-Energieminister die Zahl von 13 Milliarden Franken in den Raum gestellt – weniger als ein Drittel davon. Entsprechend ist das hohe Preisschild von über 40 Milliarden ein Geschenk für die Atomgegner. Was gibt es politisch Praktischeres als wissenschaftlich hergeleitete Milliardenbeträge, die den Bürgerinnen und Bürgern einen gehörigen Schreck einjagen? Und das erst noch von der Akademie der Naturwissenschaften, die sich als Bannerträger der Forschung versteht? Schon jetzt zeichnet sich ab: Die Zahl von 43 Milliarden ist aus der Debatte kaum mehr wegzukriegen.Schwere methodische Mängel und keine KontrolleDoch laut dem Brief der ETH- und EPFL-Koryphäen ist die Untersuchung das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurde. Die Liste der monierten Mängel ist lang. So sei «nicht nachvollziehbar» und «unklar», wie die 43 Milliarden Franken überhaupt berechnet worden seien. Es sei nicht transparent, welche Annahmen zu einer solch hohen Zahl geführt hätten. Die Experten klagen, der Wert habe sich in der Debatte bereits als «wissenschaftlich belastbare Kostenschätzung» etabliert. Dabei sei er «unhaltbar». Wenn man anerkannte Modelle anwende, komme man zu viel tieferen Beträgen. Fazit der professoralen Kritik: «Selbst unter pessimistischen Annahmen» sei ein so hoher Betrag von 43 Milliarden nicht herzuleiten.Doch nicht nur die hohe Zahl, die ganze Arbeitsweise entspreche nicht den wissenschaftlichen Standards. Bei politisch derart brisanten Studien müsste ein unabhängiges Peer-Review «selbstverständlich» sein, so die ETH-Forscher. Doch ein solcher Gegencheck durch unabhängige Fachexperten habe nicht stattgefunden. Damit stehe infrage, ob die Akademie der Naturwissenschaften ihrer «institutionellen Verantwortung» gerecht geworden sei.Die Autoren des Verrisses wollten sich gegenüber der «NZZ am Sonntag» nicht äussern. Ihre Intervention sei nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Der einzige, der sich mit Namen äussert, ist der ehemalige ETH-Präsident Lino Guzzella. Guzzella hat den Brief nicht unterschrieben, kann den Frust der Kernforscher aber nachvollziehen: «Die Studie weist methodische Schwächen auf und entspricht nicht meinem Verständnis von wissenschaftlichen Arbeiten.» Guzzella erwartet eine Reaktion der hochangesehenen Institution. «Ich hoffe, die Akademien geben dazu zeitnah und klärend eine Stellungnahme ab», so Guzzella.«Die Studie entspricht nicht meinem Verständnis von wissenschaftlichen Arbeiten», sagt der ehemalige ETH-Präsident Lino Guzzella.Karin Hofer / NZZEin gediegenes, historisches Sandsteinhaus an bester Lage in Bern. Zwischen dem Bundesplatz und dem Inselspital liegt das sogenannte Haus der Akademien. Hier residiert der 2006 gegründete Zusammenschluss aus verschiedenen Fachgesellschaften, der sich rühmt, das «grösste Wissensnetzwerk der Schweiz» zu sein. Die internationalen Vorbilder sind gross: Die deutsche Leopoldina oder die Royal Society in London geniessen weltweites Renommee für ihre Rolle als Vermittler zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Genau diese Aufgabe haben auch die schweizerischen Akademien. Der Bundesrat fördert sie dafür üppig. 55 Millionen Franken fliessen pro Jahr an die Institution, und mittlerweile arbeiten über 170 Personen für das Haus mit dem klingenden Namen.Auch Urs Neu, der Autor der besagten Studie, hat seinen Arbeitsplatz im Bau mit der schönen Sandsteinfassade. Im Gespräch mit dieser Zeitung zeigt sich der promovierte Geograf erstaunt über die heftige Kritik. «Es handelt sich nicht um eine Publikation für ein wissenschaftliches Fachjournal.» Er habe vor allem öffentlich bekannte und zugängliche Zahlen zusammengetragen und daraus einen Bericht verfasst. Seine wichtigste Botschaft sei medial breit aufgenommen worden: «Beim Bau von neuen Kernkraftwerken bestehen erhebliche Unsicherheiten.»Massive Kostenüberschreitungen in EuropaTatsache ist, dass es derzeit äusserst schwierig ist, eine seriöse Kostenschätzung für einen neuen Meiler zu machen. Denn seit Fukushima sind in Westeuropa kaum noch neue Kraftwerke ans Netz gegangen. Die bekannten Beispiele sind alle geprägt von massiven Kostenüberschreitungen und überlangen Bauzeiten. So sollte das französische Werk Flamanville etwas mehr als 3 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile sind es über 23 Milliarden. Das finnische Projekt Olkiluoto ging erst nach achtzehn Jahren Bauzeit ans Netz und kostete viermal so viel wie geplant. Auch beim Kernkraftwerk Hinkley Point in Grossbritannien gingen die Kosten durch die Decke.Nur: Lassen sich diese Werte auf kommende Projekte in der Schweiz übertragen? Kernkraftfreundliche Kreise gehen davon aus, dass die Branche aus den Fehlern lernt und die Baukosten zukünftig sinken. Der Studienautor Urs Neu kommt zu einem differenzierten Schluss. «Ich sehe diesen Lerneffekt bis jetzt nicht. Im Gegenteil: Die Projekte werden immer teurer.» Doch er habe in seiner Studie bewusst auch ein zweites und tieferes Szenario aufgezeigt, das von sinkenden Werten ausgehe. Er wehrt sich dagegen, mit seinem Papier Politik zu machen. «Ich war mir bewusst, wie aufgeladen die Frage ist.» Die Akademie liefere Grundlagen für die politische Debatte und zeige mit den Szenarien beide Seiten auf – ohne Bewertung oder Empfehlung.Bereits diesen Frühling hatte der Stromkonzern Axpo seine umfangreichen Energy-Reports publiziert. Dutzende Fachleute und Experten hatten monatelang daran gearbeitet und am Ende mehrere hundert Seiten publiziert. Allein die Teilstudie zu neuen Kernkraftwerken und möglichen Kosten umfasst achtzig Seiten. Die Axpo schätzt den Preis eines neuen AKW darin tiefer ein als Neu in seinem Papier. Wie belastbar ist also der Bericht der Akademie?Augenfällig ist, wie dünn das Papier mit 22 Seiten ist. Der Autor Neu hat den Entwurf innert weniger Wochen erstellt. Dank einem bereits 2025 publizierten umfangreichen Bericht habe schon viel Vorwissen bestanden, betont der Verfasser. Der Entwurf sei zudem mit den zehn Expertinnen und Experten der Energiekommission der Akademien und externen Fachleuten ausführlich diskutiert und überarbeitet worden.Die Akademie muss einen peinlichen Fehler einräumenJean-Marc Piveteau ist Präsident der Akademie der Naturwissenschaften. In einer detaillierten Stellungnahme verteidigt auch er den Bericht. Der Vorstand der Akademie prüfe den Erarbeitungsprozess von Studien und gebe sie frei. Die geschätzten maximalen Kosten von 43 Milliarden Franken seien korrekt, so der Präsident. Doch er muss einen peinlichen Fehler einräumen. Wegen eines «Tippfehlers» stehe eine falsche Zahl in der Publikation, und so sei die Herleitung der Zahl nicht mehr ganz klar. «Für den Hinweis auf diesen Fehler bedanken wir uns und werden dies korrigieren.»Piveteau sagt, dass vier der Autoren des kritischen Briefes bereits in der Anfangsphase für eine Kommentierung und Diskussion des Entwurfs angefragt worden seien. Leider hätten nicht alle geantwortet. «Wir bedauern, dass sie ihre Kritikpunkte erst jetzt und nach der Veröffentlichung anbringen.» Der Präsident lädt die Kernforscher aber zu einem Gespräch ein und hofft in Zukunft auf eine «konstruktive Zusammenarbeit».Mit bestellten Studien lässt sich Politik machenDer Streit um die Studie steht für ein neueres Phänomen. Bei wichtigen Abstimmungen versuchen die Akteure zunehmend, mit bestellten Studien Stimmung zu machen. Gerade beim Atomstrom zeigt sich das exemplarisch. So hat Economiesuisse am 12. Juli eine grosse Untersuchung des Büros BAK Economics präsentiert, die, wenig überraschend, zu dem Schluss kommt, dass ein neues Kernkraftwerk für die Wirtschaft ein Segen wäre. Der Verband geht von einem «erheblichen volkswirtschaftlichen Nutzen» aus.Nur gerade eine Woche später publizierte die atomkritische Energiestiftung SES eine Analyse, die ebenso wenig überraschend das Gegenteil behauptete. Laut dem bei der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) bestellten Papier würde ein neues AKW 16 000 Jobs vernichten und Solarmonteure arbeitslos machen.Für spezialisierte Büros und auf Drittmittel angewiesene Fachhochschulen sind solche Aufträge mittlerweile ein interessantes Geschäftsmodell. Was den Fall der umstrittenen AKW-Studie hingegen besonders macht: Es handelt sich nicht um eine bezahlte Studie, und die Akademien sind der Wissenschaftlichkeit verpflichtet. Dass das Papier ausgerechnet im Sommer vor der heiklen Abstimmung erscheint, weckt bei den Atombefürwortern Skepsis: «Da versucht jemand, Politik zu machen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen», so ein Kernforscher.Über 23 Milliarden Euro: Das französische Kernkraftwerk Flamanville an der Atlantikküste sorgt seit Jahren für negative Schlagzeilen.Kyodo News / ImagoWie gross die Nervosität mittlerweile ist, zeigt eine Episode aus diesem Frühling. Der Studienautor Urs Neu hatte seine Zahlen bereits Mitte März ein erstes Mal im Bundeshaus präsentiert. Damals führten Parlamentarier hinter verschlossenen Türen ein Hearing zur AKW-Finanzierung durch, und Neu stellte seine Befunde einer kleinen Gruppe von Volksvertretern vor. Einem mächtigen Atombefürworter in Bundesbern passte das gar nicht. Bundesrat Albert Rösti persönlich kritisierte anschliessend, der Forscher Neu sei für seine atomkritische Haltung bekannt. Der Energieminister hätte lieber einen Wissenschafter des atomfreundlichen Paul-Scherrer-Instituts als Experten gesehen, erzählen der «NZZ am Sonntag» mehrere Parlamentarier.Die SP-Nationalrätin Ursula Zybach verteidigt den Wissenschafter und seine Arbeit. «Ich bin überzeugt, dass die Resultate inhaltlich korrekt sind. Ein neues Atomkraftwerk würde wirklich exorbitant teuer.» Zu ganz anderen Schlüssen kommen Bürgerliche. Der SVP-Nationalrat und Energiepolitiker Christian Imark sagt: «Die Zahl von 43 Milliarden Franken ist nicht seriös, das war von Anfang an klar.» Leider sei es verbreitet, mit politisch gefärbten Untersuchungen Politik zu machen, kritisiert er und fordert Konsequenzen für die Akademien der Wissenschaften. «Die Bundesbeiträge gehören auf den Prüfstand», so Imark. «Denn solche Studien diskreditieren letztlich die Wissenschaft als Ganzes.»In Mühleberg sind diese bundespolitischen Diskussionen weit weg. Noch. Gemeindepräsident Menzi jedenfalls befürwortet ein neues Kernkraftwerk. Er fände es sehr schön, wenn es hier gebaut würde, also dort, wo der erste Schweizer Atommeiler vom Netz ging. Allerdings sei das Dorf wohl nicht mehr der Favorit unter den möglichen Standorten, räumt Menzi zum Abschied ein. «Aber ausschliessen will ich gar nichts.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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