Im Roboterauto fährt es sich ganz angenehm durch Zürich – aber was, wenn es knallt?Tesla demonstriert sein Self-Driving-System im Zürcher Stadtverkehr. Während die Technologie immer ausgefeilter wird, mahnen Experten: Der Schweiz fehlt eine unabhängige Stelle, die nach Unfällen mit Roboterautos Daten sichert und Systemfehler erkennt.05.09.2026, 21.45 Uhr5 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZVon aussen wirkt alles ganz normal. Es ist Mittwochabend, und auf der Pelikanstrasse in der Zürcher Innenstadt reiht sich der weisse Tesla unauffällig in den dichten Feierabendverkehr ein. Doch im Innern dreht das Steuer wie von Geisterhand mal nach links, mal nach rechts, und auch das Gaspedal bewegt sich von selbst. Dann bremst das Fahrzeug gleichmässig ab: Zwei Fussgängerinnen wollen über den Zebrastreifen. Sie erscheinen auf dem grossen Display im Innern als blasse Silhouetten, wie die unzähligen Velos, Autos oder Trams rundum. Die zwei Frauen blicken zum Fahrzeug, bedanken sich lächelnd. Nicht ahnend, dass es die Software war, die für sie gebremst hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar sitzt auf dem Fahrersitz eine Tesla-Mitarbeiterin und hält ihre Hände und den rechten Fuss bereit, um einzugreifen. Doch es ist die KI im Innern des Teslas, die lenkt und denkt. Die Firma des Tech-Unternehmers Elon Musk bietet die Fahrten seit wenigen Wochen unter dem Beschrieb «full self-driving (supervised)» an. 45 Minuten lang ist man – im Idealfall völlig ohne Eingriff der Tesla-Mitarbeiterin – in Zürich unterwegs.Der Vorführbetrieb zeigt: Die Technik nähert sich unaufhaltsam dem autonomen Fahren an. Doch ist die Schweiz darauf vorbereitet, wenn ein solches Fahrzeug, oder eine noch autonomere Version, einen schweren Unfall verursacht oder darin verwickelt ist? Und kann der Staat überhaupt gesichert feststellen, ob ein Mensch oder das System versagt hat?Nur das Velo steht im WegDas System, das Tesla in Zürich vorführt, ist in mehreren europäischen Ländern schon im Alltagseinsatz. Die Software wird in bestehende Tesla-Modelle eingespielt. Technisch stützt sie sich unter anderem auf die acht Aussenkameras. Es werden Videobilder und Unmengen an Navigations- und Bewegungsdaten verarbeitet. Nach Angaben von Tesla erkennt das System auch Sirenengeräusche oder Handzeichen, wie etwa das Winken zum Weiterfahren oder ein Stoppsignal.Und zumindest am Mittwochabend hält das System, was es verspricht. Die Dreiviertelstunde – einmal quer durch die Stadt bis zum Zürichberg und wieder runter – geht praktisch ohne menschliche Einmischung vonstatten. Nur einmal greift die Angestellte kurz ein: Auf einer Brücke über die Limmat wagt das Fahrzeug den Spurwechsel nicht, weil ein Velofahrer den Weg blockiert. Nach dem Übersteuern drückt die Frau einen unscheinbaren Knopf am Steuerrad, und die Software übernimmt wieder. Sicherheitsrelevant ist der Vorfall nicht.Die Fahrt ist spektakulär unspektakulär. Genau das macht die gegenwärtige Situation bei den Roboterautos für Laien so paradox. Denn auch wenn Tesla von «full self-driving» spricht und sich das auch so anfühlt, zählt die Fahrt technologisch erst zur sogenannten Stufe 2. Auf dieser Stufe muss der Mensch den Verkehr permanent überwachen und bleibt für die Fahrzeugführung verantwortlich.Stufe 3 sieht führerloses Fahren beispielsweise auf Autobahnen vor, erst die Stufe 5 bedeutet vollständige Automatisierung. Das Tempo auf dem Weg dorthin scheint rasant. Ebenfalls diese Woche bot Tesla in Austin, Texas, erste Fahrten mit seinem Cybercab an – das Taxi hat weder Lenkrad noch Pedale, es gibt keinen Fahrer mehr, sondern nur noch Passagiere.Hält bei diesem Tempo auch der Bund mit? Nein, finden Kritiker. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) sieht in der Sache eine hohe Dringlichkeit. Markus Deublein, Leiter Forschung Strassenverkehr, spricht von einer grossen Lücke bei den Roboterautos: «Die Schweiz braucht eine unabhängige Stelle, die bei schweren oder technisch relevanten Unfällen mit automatisierten Fahrzeugen rasch tätig werden kann.» Polizei und Staatsanwaltschaft hätten heute nicht die nötigen Mittel dazu und würden vor allem zu wenig gezielt nach systemischen Risiken suchen.Eine Sust für AutounfälleWenn es kracht, soll diese nationale Stelle die notwendigen Fahrzeug-, Software- und Sensordaten sichern, nach einheitlichen Standards auswerten und die Erkenntnisse zusammenführen. Und dies «manipulationssicher», wie Deublein sagt. «Die entscheidende Lücke besteht darin, dass es Anbieter aus ganz unterschiedlichen Ländern gibt und heute keine unabhängige Stelle vorgesehen ist, die diese Daten systematisch sichern könnte.»Die BfU denkt dabei in erster Linie an Systeme ab Stufe 3, die heute in der Schweiz zwar zugelassen werden könnten, aber noch nirgends im Einsatz sind. Der Bund könnte den Auftrag gemäss BfU aber auch auf weitreichende Assistenzsysteme wie jenes von Tesla ausdehnen – etwa wenn dort eine systembedingte Fehlreaktion vermutet wird.Gemäss Deublein müssten im Fall eines Ereignisses Daten zum Betriebszustand, Sensor- und Kameradaten sowie die verwendete Softwareversion – «unmittelbar, unverändert und mit dokumentierter Beweiskette» an diese Stelle geschickt werden. Die Stelle könnte laut Deublein in die bestehende Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust eingegliedert werden, die für Aviatik, Bahn- und Schifffahrt zuständig ist. «Der Aufbau sollte nicht erst nach dem ersten schweren Roboterautounfall beginnen.»Es geht längst nicht nur um Tesla. In der Schweiz gilt seit 2025 die Verordnung über das automatisierte Fahren. Sie erlaubt das Fahren mit Assistenzsystemen auf Autobahnen, führerlose Fahrzeuge auf bewilligten Strecken sowie automatisiertes Parkieren. Im Bereich der fortgeschrittenen Robotertechnologie führt Postauto Schweiz zusammen mit dem chinesischen Konzern Baidu Tests in der Ostschweiz durch. Die Kantone Zürich und Aargau sowie die SBB erproben den Einsatz selbstfahrender Fahrzeuge im Furttal. Das chinesische Tech-Unternehmen WeRide und die amerikanische Firma Uber kündigten einen Taxidienst in Zürich an, und das Google-Schwesterunternehmen Waymo hat eine Schweizer Niederlassung gegründet.Das Bundesamt für Strassen (Astra) schreibt auf Anfrage: «Mit zunehmender Automatisierung wird die Frage an Bedeutung gewinnen, wie technische Daten aus unterschiedlichen Quellen gesichert, ausgewertet und systematisch für die Verbesserung der Verkehrssicherheit genutzt werden können.» Die Idee einer zentralen Untersuchungsstelle sei auch beim Bund diskutiert worden, ein Aufbau einer solchen Stelle aber «zum heutigen Zeitpunkt nicht geplant». Das Astra weist darauf hin, dass vorgesehen sei, dass automatisierte Fahrzeuge über einen Fahrmodusspeicher verfügen müssten, der sicherheitsrelevante Ereignisse und Systemzustände aufzeichnet.Während die Behörden sich wappnen müssen, verspricht Tesla nicht mehr, sondern weniger Unfälle. Nach Teslas eigenen Angaben kam es bisher in Europa mit Full-Self-Driving-Systemen etwa ein Viertel so häufig zu einer Kollision wie bei manuell gefahrenen Teslas. Unabhängig überprüfen lässt sich diese Zahl nicht. Ob es bei den Fahrten in Zürich zu negativen Vorfällen kam, sagt das Unternehmen nicht. Bei der Fahrt am Mittwochabend gibt es nur eine brenzlige Situation. Beim Parkhaus Urania schiesst urplötzlich ein Motorrad von links vor den Tesla, regelwidrig. Das Auto bremst abrupt, aber kontrolliert ab. Die Mitarbeiterin muss nicht eingreifen. Die Silhouette des Töfffahrers verschwindet langsam vom Display, und die führerlose Fahrt durch Zürich geht weiter.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel