Wie reagiert man als deutsches Literaturfestival, wenn der designierte Schirmherr etwas tut, das die literarische Welt Frankreichs in Aufruhr versetzt und auch dem hiesigen Publikum erklärungsbedürftig scheint? Wenn der gefeierte Schriftsteller von seinem langjährigen Verlag zum Medienimperium eines rechtsextremen Unternehmers wechselt, das 200 renommierte Autoren fast zeitgleich verlassen?Beim Internationalen Literaturfestival Berlin entschied man sich so: Eröffnung inklusive Schirmherrenrede von Boualem Sansal, anschließend ein Autorengespräch, in dem dessen Verlagswechsel thematisiert wird. So, das war vielleicht der Gedanke, drückt man sich nicht vor der Kontroverse und bringt eventuell sogar mehr Licht in eine Angelegenheit, die von Deutschland aus ziemlich verwickelt scheint. Ein eleganter Umgang mit einer unbequemen Situation – theoretisch. Praktisch: eine Veranstaltung, an deren Ende mehr Fragen offen waren als zuvor.Erstmals ein Autor als SchirmherrEs gab einen Teil des Abends, der die Erwartungen erfüllte, es war jener der feierlichen Reden und der Vergewisserung, wie sehr es Literatur besonders in turbulenten, verunsichernden Zeiten brauche. Als Boualem Sansal auf die Bühne trat, Jahrgang 1945 oder 1949, so sicher ist das nicht, mit langsamem, aber festem Schritt, gab es warmen Applaus und Jubel. Festivalchefin Lavinia Frey dürfte das mit Erleichterung registriert haben, Protest gegen den islamkritischen Schriftsteller, der sich vorwerfen lassen muss, sich an den Medienmogul Vincent Bolloré und seine rechtsidentitäre Agenda verkauft zu haben, musste zumindest einkalkuliert werden. Zum ersten Mal ist ein Autor Schirmherr des Festivals. Die üblichen Staatsrepräsentanten – Kultursenator, Kulturstaatsministerin, Bundespräsident – waren es alle schon, da schien ILB-Stammgast Sansal eine gute Wahl: furchtloser Literat und Kritiker des algerischen Regimes, der für seine Unbeugsamkeit mit einer Inhaftierung unter fadenscheinigem Vorwand bezahlt hatte und im November 2025 nach einem Jahr aus dem Gefängnis entlassen wurde.In der Schirmherrenrolle enttäuschte Sansal nicht: Man spürte, wie der Saal sich berühren ließ vom Bild des „Brunnens der Literatur“, zu dem er Berlin als Festivalort erklärte. Ein Brunnen, zu dem jeder kommen könne, wie er sei, mit seiner Geschichte, seinen Erinnerungen, seinen Wunden. Viel Raum nahm sein Dank an Deutschland und Bundespräsident Steinmeier ein, durch dessen diplomatische Vermittlung er freigekommen war.Dann sprach er von einer religiösen OffenbarungDiese Dankbarkeit äußert er auch in dem intensiven, schnell niedergeschriebenem Bericht über die Zeit im Gefängnis, der in Frankreich im Juni erschien – in Deutschland vor wenigen Tagen – und der Teil der Turbulenzen ist, die Frankreichs Verlagswelt erfasst haben. Dass der Chef seines neuen Verlags Grasset einen späteren Veröffentlichungstermin von „Die Legende“ nach einer Überarbeitung für richtig hielt, soll zu dessen plötzlicher Entlassung geführt haben, was wiederum den Exodus der 200 Autoren nach sich zog.Ob er es verstehen könne, wenn jemand sein Handeln nicht verstehe, fragte Moderatorin Tilla Fuchs in der anschließenden Veranstaltung, in der es zunächst um sein Schreiben und frühere Bücher ging. Er verstehe, dass es gewisse Leute nicht nachvollziehen könnten, sagte Sansal. Aber die wüssten nicht alles, es gebe einen informativen „Blackout“. Warum der respektierte Verlagsleiter gehen musste, wisse er nicht. Dann sprach er von einer religiösen Offenbarung, die Medienunternehmer Bolloré widerfahren sei, davon habe ihm sein Freund Philippe de Villiers erzählt, ein Politiker, der inzwischen der rechtsextremen Partei Reconquête angehört. Ebenso raunend ging es weiter. Befürchte er, vor allem angesichts der Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr, nicht, instrumentalisiert zu werden? Alle wollten Schriftsteller instrumentalisieren, antwortete Sansal, was solle er da tun? Grasset sei dabei, pleitezugehen, fuhr er übergangslos fort, und er selbst in einen Konflikt zwischen Verlagsleiter Olivier Nora und Verlagsgruppen-Eigentümer Bolloré geplatzt.In französischen Zeitungen hat Sansal geäußert, dass er sich unverstanden fühle, in „Die Legende“ schreibt er davon, dass ihm seine Geschichte genommen worden sei. Die Gelegenheit, sich einen Teil davon vor einem ihm wohlgesonnenen Publikum zurückzuholen, wollte oder konnte er an dem Abend nicht nutzen. Seine Antworten verloren sich in Gedanken, die er im Moment des Sprechens erst zu entwickeln schien. „Ich fürchte, dass wir abschweifen“, sagte eine resigniert wirkende Tilla Fuchs und beendete das Gespräch mit dem Hinweis auf die Zeit. „Vielleicht habe ich die falschen Fragen gestellt“, fügte sie noch hinzu. Hatte sie nicht.
Boualem Sansal trat auf dem Berliner Literaturfestival auf
Was würde er zu seinem umstrittenen Verlagswechsel sagen? Der Auftritt des Schriftstellers Boualem Sansal beim Berliner Literaturfestival wurde gespannt erwartet. Doch danach hatte man mehr Fragen als zuvor.








